In fünf Wochen bis ans Schwarze Meer

Floß-Abenteuer auf der Donau: Am Ende diktiert der Krieg die Route

Josef Reindl und Hans-Peter Binder fahren in gut fünf Wochen auf der Donau bis ans Schwarze Meer

16.07.2022 | Stand 16.07.2022, 10:12 Uhr

Nette Begegnung: Hans-Peter Binder (links) und Josef Reindl (rechts) mit dem Kapitän eines rumänischen Frachtschiffs , der es ihnen erlaubt hat, sich mit ihrem Floß für ein paar Kilometer dranzuhängen.

Von Gerhard Kohlhuber

Jetzt steht es wieder in Josef Reindls Garagenauffahrt, das 8,45 Meter lange und 2,63 Meter breite, schwimmende Ding. Nach fünfeinhalb Wochen, in denen es den 65-jährigen Geisenfelder (Landkreis Pfaffenhofen) und seinen 67-jährigen Begleiter bis ans Schwarze Meer getragen hat.



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Ist so eine Floßfahrt für sich allein schon ein Abenteuer, so gab es für die beiden zum Ende hin noch einen ganz besonderen Adrenalin-Schub – verursacht durch den Krieg in der Ukraine, der massive Auswirkungen auf den Getreide-Frachtverkehr im Donaudelta hat – dem ursprünglichen Ziel der zwei Rentner.

Los ging es für die beiden, wie berichtet, am 1. Juni im Jachthafen Donautal in Kapfelberg bei Kelheim. „So nach sechs bis acht Wochen“ wollte man auf dem schwimmenden Tiny House, das der Geisenfelder selbst zusammengeschraubt hat, im rumänischen Sulina ankommen. Die Kleinstadt liegt im Donaudelta, ganz an der Spitze des von der Schifffahrt genutzten Flussarmes.

Dort, in den Weiten des Deltas, zu fischen, war für Josef Reindl schon immer ein Lebenstraum gewesen. Aus dem aber nun nichts wurde, und schuld daran ist indirekt der Krieg in der Ukraine. „Auf dringendes Anraten von rumänischen Schifffahrts-Funktionären haben wir uns etwa 300 Kilometer vor Sulina entschlossen, unsere Route zu ändern“, erzählt Reindl. Grund: der massive und zum Teil mit langen Rückstaus einhergehende Frachtschiffverkehr auf diesem letzten Donauabschnitt vor dem Erreichen des Schwarzen Meeres – hier, unweit der Grenze zur Ukraine. Wie die Floßfahrer erfuhren, sind Sulina und der angrenzende Donauabschnitt jetzt Hotspots beim Bemühen der Ukraine, auf dem Seeweg Getreide aus dem Land zu schaffen.

Besonderes Abenteuerim riesigen Frachthafen

„Beim Küstenort Cernavoda sind wir also Richtung Süden abgebogen“, erzählt der Geisenfelder. In einen 64 Kilometer langen Kanal, der nach Constanta führt. Nicht im Donaudelta, aber immerhin auch am Schwarzen Meer. Und hier, im riesigen, weitläufigen Frachthafen des Küstenortes, sollte sich das Abenteuer erst so richtig zuspitzen.

„Wir hatten die Auflage, uns per Funk beim Hafenkommissar zu melden, doch wir haben niemanden erreicht“, erzählt Hans-Peter Binder aus dem Schrobenhausener Ortsteil Hörzhausen, den Josef Reindl – in einer Art Casting – als seinen Begleiter auserkoren hat. Also fuhren die beiden Rentner einfach weiter – immer Richtung offenes Meer und recht nahe vorbei an gewaltigen Containerschiffen, die das Tiny House bedenklich schaukeln ließen. „Da geht einem ganz schön die Muffe“, gesteht Josef Reindl. Doch die kleine Sightseeing-Tour der Floßfahrer fand ein jähes Ende, als sich plötzlich unter Sirenengeheul ein Schiff der Hafenmeisterei näherte und man zurück eskortiert wurde – verbunden mit einer gewaltigen Standpauke durch den Hafenkommissar und dessen Anordnung, „uns unverzüglich aus dem Hafenbereich zu verdrücken“.

Der Rest ist schnell erzählt. Die beiden fuhren durch den Kanal und dann wieder auf der Donau rund 260 Kilometer zurück bis zum Küstenort Ruse auf der bulgarischen Seite der Donau. Hier wurde das Floß mit seinem 40-PS-Motor auf einen Lkw verladen, der das gute Stück wieder nach Geisenfeld brachte. Für die beiden Abenteuerer selbst ging es ab Bukarest zurück mit dem Flieger.

Und immer wiedertolle Natureindrücke

„Insgesamt war’s super“, sind sich beide in ihrer Bilanz einig und loben das harmonische, völlig unkomplizierte Miteinander – keine Selbstverständlichkeit, schließlich haben sich die zwei Floßfahrer erst wenige Tage vor der Reise kennengelernt. „Ich bin dem Josef mega-dankbar, dass ich mitfahren durfte“, sagt Hans-Peter Binder und spricht von „tollen Natur-Eindrücken“ bei fast immer bestem Wetter und „unvergesslichen Erlebnissen“.

Zu ersteren zählten neben beeindruckenden Sonnenuntergängen auch riesige Schwärme von Kormoranen und Pelikanen an den Uferbereichen, gerade im rumänischen Abschnitt der Donau. Unvergessen bleiben wird den beiden – neben dem schon erzählten Abenteuer im Hafen von Constanta – aber auch ein solches mit einer Sandbank. Dorthin wurde das Floß nachts durch die Wellen eines größeren Schiffes gespült. „Wir saßen fest“, erzählt Josef Reindl, „und wir sind sehr dankbar, dass uns einige rumänische Fischer beim Runterschieben geholfen haben.“

Apropos festsitzen. Um nicht auf Grund zu laufen, mussten die zwei beim Navigieren oft höllisch aufpassen. Die Donau sei zwar oft sehr breit, „doch in weiten Teilen war das Wasser extrem flach, wohl auch wegen der Trockenheit“, erzählen die beiden. „Ohne Echolot wären wir aufgeschmissen gewesen“, bilanziert Josef Reindl. Besonders in solchen Situationen war der Geisenfelder heilfroh, einen Partner an seiner Seite zu haben. „Ich hatte zwar ursprünglich den Vorsatz, alleine zu fahren, falls sich kein passender Mitfahrer finden sollte, doch im Nachhinein muss ich sagen, dass ich es alleine wohl nicht bis ans Schwarze Meer geschafft hätte.“

Natürlich bleibe man weiter in freundschaftlichem Kontakt, versichern die beiden Rentner, aber ein vergleichbares Abenteuer wird es für sie wohl nicht mehr geben. Was er nun mit seinem schwimmenden Tiny House vorhat? Josef Reindl weiß es noch nicht. „Vielleicht verkauf ich es, vielleicht behalt ich’s auch.“ Schließlich gebe es ja auch in Deutschland schöne Touren. Etwa auf der Mosel oder auf dem Neckar.

− PK