Gipfeltreffen der Gesangsgenerationen

Der Jugendkammerchor Ingolstadt feierte mit 100 Ehemaligen sein 40jähriges Bestehen

16.10.2022 | Stand 16.10.2022, 17:43 Uhr

Vereinte Klangmächte ehemaliger und gegenwärtiger Mitglieder des Jugendkammerchors: So ein fantastisches Ensemble ist in Ingolstadt selten zu erleben. Foto: Weinretter

Von Heike Haberl

Ingolstadt – „Jubilate Deo“ – Jubelt Gott, schallte es glockenhell aus den Kehlen des Ingolstädter Jugendkammerchors (JPC). Die geistliche Renaissance-Motette des Münchner Hofkomponisten Orlando di Lasso stand gewissermaßen Pate zu Beginn eines denkwürdigen Abends im Theaterfestsaal. Denn mit diesem Konzert feierte das mehrfach ausgezeichnete Ensemble sein nunmehr 40jähriges Bestehen. Ein Anlass, zu dem Bürgermeisterin Dorothea Deneke-Stoll die Glückwünsche der Stadt Ingolstadt überbrachte. „Das Jungsein ist bei diesem Chor Programm“, betonte sie und hob hervor, wie wichtig es sei, dass Jugendliche das Singen für sich entdecken. Seit langem sei der JKC aus dem hiesigen Kulturleben nicht mehr wegzudenken.

Maßgeblich zu verdanken ist das insbesondere der unermüdlichen Chorleiterin Eva-Maria Atzerodt, in deren versiert-stilsicheren Händen der erste Konzertblock mit ihren derzeitigen Sängerinnen und Sängern lag. Und die zeigten eindrücklich, welches stimmliche Potenzial nach wie vor in ihnen steckt. Modernen Stücken wie György Orbáns kraftvoll-kurzem „Daemon irrepit callidus“ verliehen sie spannungsgeladene Intensität, während sie zu den schaurigen Märchenbildern „Traurige Krönung“ von Hugo Distler (wo aus Machtgier ein Neffenmord verübt wird) und „Elfenwald“ von Jazeps Vitols wirkungsvoll düstere, unheimlich-bedrohliche, mystisch-imaginative Stimmungen heraufbeschworen. Besonders zur Geltung kamen dabei die textlich wie musikalisch subtil ausgestalteten Nuancierungsfinessen, mit denen die Vokalformation aufwartete.

Eine weitere herausragende Qualität des Chores besteht in seiner Überzeugungsstärke bei romantischer und spätromantischer Literatur. Seien es Fanny Hensels innig-poetische „Schöne Fremde“ und Clara Schumanns sich wiegende „Gondoliera“, seien es Arthur Sullivans „The Long Day closes“ und Josef Rheinbergers „Morgenlied“ (in denen sich der Wechsel zwischen der Nacht-Atmosphäre und dem anbrechenden Tag vollzog) – stets glänzte der Chor durch dynamische Schattierungen, lyrische Feinheiten und ein luzides Klangbild.

Erstaunliche Bezüge zu aktuellen politischen Entwicklungen ließen sich in „Advance Democracy“ von Benjamin Britten finden, entstanden als Auftragsreaktion auf das Münchner Abkommen: Ein Ruf nach Demokratie, der sich in breiter Vokalise durch alle Stimmlagen zieht, verzahnt mit skandierendem Sprechgesang. Der Jugendkammerchor interpretierte das mit beeindruckend wendiger Agilität und appellierender Eindringlichkeit.

Dass er noch immer in seiner vollen gesanglichen Blüte steht und mit seinen jungen Nachwuchskollegen zweifelsfrei mithalten kann, stellte anschließend der rund 100köpfige Ehemaligenchor mit seinem eigenen Teil des Programms unter der Leitung von Gründungsdirigent Felix Glombitza unter Beweis. Dem gerade gehörten jugendlichen Elan setzten die einstigen JKCler ihr – in kürzester Probenzeit entwickeltes! – reifes Emotionskolorit entgegen. Ob Mendelssohns kontrastvoll fließendes „Richte mich Gott“, das auf berührende Weise vom Dunkel ins Licht führte, ob Gerald Kemners mitreißendes, von Sprache, Schreien und Fußstampfen durchbrochenes „Now Shout!“, bei dem sie rhythmisch und artikulatorisch aus dem Vollen schöpfen konnten, ob Ernst Peppings farbenreiche Volksliedbearbeitung des schwäbischen „Schwefelhelzle“ oder Glombitzas eigenes schwungvolles Arrangement des Spirituals „Wade in the water“: Das Publikum war hingerissen von dieser üppigen Ausdrucksfülle, der mächtigen Klangopulenz. Insbesondere die finalen Ritardandi am jeweiligen Stückende verstand Glombitza mit seinem gewaltigen Projektchor meisterhaft zu zelebrieren.

Zum krönenden Abschluss vereinten sich beide Chöre unter den alternierenden Dirigaten von Glombitza und Atzerodt zu einem noch riesigeren Klangkörper. Fast war die Bühne zu klein, um so viele Mitwirkende fassen zu können. Mit faszinierender Homogenität und wunderbar austarierter Balance der Stimmen entfalteten sich das weihevolle, zu Herzen gehende Loblied „Alta Trinità beata“ aus dem Italien des 15. Jahrhunderts sowie Sergei Rachmaninows andächtiges „Ave Maria“. Tiefe Innigkeit, die sich in den Mendelssohn-Motetten „Jauchzet dem Herrn alle Welt“ und „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ zu leuchtendem Strahlglanz steigerte. Ein letztes Mal entzündete sich diese geballte, hochkonzentriert akzentuierende Energie, nun gepaart mit pointierter Prägnanz, in Jack Hallorans Spiritual-Version „Witness“. Mit Blumen und bewegender Herzlichkeit wurden traditionell die scheidenden Jugendkammerchor-Mitglieder sowie die langjährige Stimmbildnerin Agnes Preis zu Josef Rheinbergers ergreifendem „Abendlied“ verabschiedet. Als Zugabe durfte die kärtnerische Volksweise „Bist du nit bei mir“ in all ihrer anmutig-schlichten Schönheit nicht fehlen.

Ein wahrhaft würdiges Gipfeltreffen der Gesangsgenerationen aus vier Jahrzehnten: Nicht enden wollender Jubel, frenetischer Applaus und Standing Ovations.

DK