Migration gestern, heute und morgen
Die Schau „Horizonte“ im Germanischen Nationalmuseum beschäftigt sich mit dem Phänomen Migration

15.08.2023 | Stand 12.09.2023, 23:30 Uhr

Manche Motive ändern sich über Jahrhunderte kaum: Jörg Breu der Ältere zeigt die „Flucht nach Ägypten“, 1501. Foto: Sammlung Rohrwild,GNM

Die Naturkatastrophe in Slowenien ist ein weiteres Fanal: Anlässe zu Migrationsbewegungen aufgrund von Extremereignissen im Klimawandel werden sich auch in Mitteleuropa häufen. Das ist ein Grund mehr zum Besuch der Ausstellung „Horizonte – Geschichten und Zukunft der Migration“ in Germanischen Nationalmuseum Nürnberg.

Das Kurationsteam gibt in den Raum- und Themen-Sektionen „Orientierung“, „Aufbruch“, „Wege“, „Ankunft“ und „Zukunft“ der Ausstellung und des umfangreichen, äußerst lesenswerten Katalogs in deutscher und englischer Sprache einen umfangreichen wie facettenreichen Ein- und Überblick in die realen und philosophischen Dimensionen des Themas. Schwerpunkte sind die geografisch-physischen Wege von Migrationen in der Realität, in der öffentlichen bzw. individuellen Wahrnehmung und in Fiktionen wie Homers antikem Epos „Odyssee“, das die hindernisreiche und zeitverzögerte Heimkehr eines Kriegers zum Thema hat und als Mythos in der Gegenwart fortgeschrieben wird.

Neue Lebensorte in Vergangenheit und Zukunft

Mit dem Motivkreis der interstellaren Landnahme wird auch ein zentrales Motiv der Science-Fiction-Literatur aufgefächert und auf Tauglichkeit als Aspekte- und Themenlieferant für Migrationsdiskurse erörtert. Relikte und Mitbringsel als identitätsbewahrende Symbole an neuen Lebensorten werden präsentiert und die Entwicklung Londons als „Zufluchtsort ab 1933“ paradigmatisch für die zunehmende Internationalisierung von Ballungsräumen vorgestellt.

Auch ohne Lektüre der Informationstexte geraten die objektivierenden Perspektivenwechsel durch Exponate und deren Anordnung äußerst plastisch. Der Standort wird thematisiert als neue Heimat für „Vertriebene im Nachkriegsdeutschland“ und auch als Lebensort von Gastarbeitenden aus der administrativen Ebene von „Abwerbungsabkommen“. Aufgrund der Faktenfülle findet die Nürnberger Ausstellung auch zu Aspekten von Anschauungen, Perspektivenverschiebungen und zum damit einhergehenden allgemeinen Bewusstseinswandel.

Im Frühsommer brachte ein Editionsteam im Verlag transcript das Inventar „Umkämpfte Begriffe der Migration“ heraus. Das Wort „Migration“ selbst kommt darin mit seinem historischen Bedeutungswandel, seinen sozialen und phänomenologischen Teilaspekten auf den wissenschaftlichen Prüfstand. Der Züricher Migrationsforscher Kijan Espahangizi legt dar, wie das Wort „Migration“ sich erst seit den 1980er Jahren parallel mit dem Anwachsen von internationaler Mobilität durch politisch und auch beruflich verursachte Ortsveränderungen sich in den meisten internationalen Wissenschaftsdisziplinen und öffentlichen Diskursen stark verbreitete. Der Band beinhaltet Kapitel zu Worten wie „Diversität“, „Ghetto“, „Rasse'“, „Solidarität“ und „Willkommenskultur“.

Existenzielle Not und positive Utopien

Ohne dass es in der Nürnberger Ausstellung explizit thematisiert wird, geht es dort unter der Assoziationskuppel „Horizonte“ auch um die übergeordnete Dialektik zwischen einem Druck von außen und individuellen Visionen, zwischen Wunschvorstellungen und Relativierungen, zwischen existenzieller Not und positiven Utopien. Auch deshalb gerät die literarische Fiktion und Kunst unter den Aspekten des Bewahrens und eines emotionalen Katalysators in den Fokus: In Zellen finden sich Exponate von Frank Auerbach und des Großkünstlers Gerhard Richter.

Die Realität und der Mythos von Flüchtenden wird als sich kontinuierlich erweiternder Motivstrang der internationalen Kulturentwicklung und vor allem als politisches Agens deutlich. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit – Thema, Umfang, Entwicklung und die ethische Dimension der „Horizonte“ von Migration sind in unserer Gegenwart unerschöpflich.
Horizonte – Geschichten und Zukunft der Migration, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, bis 10. September. Inken Bartels / Isabella Löhr / Christiane Reinecke / Philipp Schäfer / Laura Stielike (Hg.): Umkämpfte Begriffe der Migration. Ein Inventar - 348 Seiten, 29 Euro.