Die Stimme aus dem Frühstücksei

Sharon Dodua Otoo stellte bei den Ingolstädter Literaturtagen ihren ersten Roman „Adas Raum“ vor

01.07.2022 | Stand 01.07.2022, 17:59 Uhr

„Ich benutze die Sprache wie Legosteine“: Sharon Dodua Otoo liest aus ihrem Buch auf der Dachteressa des Kap94, neben ihr sitzt die Moderatorin Katharina Erlenwein. Foto: Weinretter

Von Walter Buckl

Ingolstadt – „Ada ist nicht eine, sondern viele Frauen“, heißt es im Klappentext zum Buch, und daran knüpft die Moderatorin Katharina Erlenwein an: „Dieses Buch ist viele Bücher“, meinte die Kulturjournalistin, als sie die Autorin Sharon Dodua Otoo und deren ersten Roman „Adas Raum“ vorstellte. Die Bachmann-Preisträgerin von 2016 dürfte wohl die prominenteste Autorin gewesen sein, die heuer bei den Literaturtagen zu erleben war. Am Donnerstag las sie auf der Dachterrasse des Kap94.

Mit ihrer Protagonistin Ada hat die 1972 in London geborene Autorin mit ghanaischen Wurzeln eine Romanfigur geschaffen, die sich durch Zeit und Raum bewegt – vom März 1459 in dem Dorf Totope, an der Küste des heutigen Ghana gelegen, über das viktorianische London bis ins Berlin des Jahres 2019 – womit Otoo die Topographie ihrer eigenen Biografie abschreitet. Wenn die Protagonistin in ihren Metamorphosen (im Buch ist dabei die Rede von „Schleifen“) von einem Jahrhundert zum nächsten transportiert wird, kann sich der Zeit- und Ortssprung mitten im Satz ereignen, wovon die Lesung Beispiele bot.

Anhand der vier Ada-Figuren aus vier Jahrhunderten, denen man im Roman begegnet, gelingt es der seit 2006 in Berlin lebenden Autorin, Betroffenheit und Empathie angesichts von vier Frauen in Opferrollen zu wecken, die aufzeigen, welchem Leid und Elend, welcher Gewalt und Unterjochung Frauen ausgesetzt sind – und welche Möglichkeiten diese haben, darauf zu reagieren: mit Widerstand oder Widerborstigkeit, Imagination oder Ironie.

Zu den narrativen Inkarnationen Adas gehören eine Sklavin, deren Neugeborenes (bereits im ersten Satz des Romans) stirbt, die historische Figur der Mathematikerin Ada Lovelace, der Otoo ein Verhältnis mit Charles Darwin andichtet, oder eine polnische Jüdin, die im KZ als Zwangsprostituierte arbeitet. Zuletzt tritt Ada 2019 in Berlin als schwangere Schwarze auf Wohnungssuche auf. Und in jeder dieser Rollen wird ihr männliche weiße Gewalt angetan. Es geht um Kolonialismus und Holocaust, um Rassismus und Ressentiments, Frauenhass und Femizid. Kaum zu glauben, dass es Otoo gelingt, all dies erzählerisch auch mit viel Humor und Keckheit im Ton zu gestalten, wenn sie sogar Gott als völlig verwirrte berlinernde Figur zu Wort kommen lässt oder männliche Protagonisten oft der Lächerlichkeit preisgibt.

Höchst ungewöhnlich gestaltet sind dabei die Erzählstimmen: Sie stammen auch mal von einem Reisepass oder einem Reisigbesen, können aus einem Frühstücksei oder Türklopfer tönen, selbst ein Zimmer kann zur Erzählinstanz werden. Woher diese Lust am Verlebendigen von Gegenständen, ist das „magischer Realismus“, wie man ihn etwa von García Márquez kennt? Diese Etikettierung will sich Otoo nicht aneignen – „das müssen andere entscheiden“. Ihr sei es darum gegangen, „ein Gedankenexperiment anzustellen“.

Wichtig ist der Autorin vielmehr das Thema der Trauma-Bewältigung, der Aufarbeitung von Vergangenheit: Sie wolle zeigen, „dass das, was ganz weit weg liegt, Relevanz für heute hat“. Aktuelles Beispiel: der aktuelle Diskurs um die Berliner Benin-Bronzen des Humboldt-Forums. Dass sie damit die Stimmung des Jahres 2019 einfing, sei einem Stipendium geschuldet, das dieses Jahr vorgegeben hatte. Auch sei ihr daran gelegen gewesen, ein tabuisiertes Thema wie die Existenz von KZ-Bordellen zu beleuchten. Wäre sie als Deutsche geboren, hätte es ihr wahrscheinlich an Unbefangenheit gemangelt, sich ästhetisch mit dem Holocaust zu befassen. Wie es ihr gelungen sei, einen solchen Roman in einer erst erlernten Sprache zu schreiben, will die Moderatorin zuletzt wissen. „Ganz einfach“, meint Otoo, „Ich benutze die Sprache wie Legosteine“. Da könne es auch vorkommen, dass sie Begriffe hinterfrage und statt von „herrlichen“ Dingen lieber von „fraulichen“ spreche...

DK


Ingolstädter Literaturtage: „Superheld liest …“ an diesem Samstag um 14.30 Uhr im Dachgarten des Kap94; dort liest am gleichen Tag auch Karten Köhler um 19 Uhr. Bei schlechtem Wetter finden beide Veranstaltungen in der Neuen Welt statt.