Der Ukraine-Krieg im Klenzepark

Lisa Batiashvili und die Münchner Philharmoniker eröffnen die Sommerkonzerte mit einem Klassik-Open-Air

01.07.2022 | Stand 01.07.2022, 17:53 Uhr

„Einsamer Gesang, geschrieben in finsterer Nacht“: Lisa Batiashvili spielt das düstere erste Schostakowitsch-Violinkonzert, Santtu-Matias Rouvali leitet die Münchner Philharmoniker im Klenzepark. Foto: Audi

Von Jesko Schulze-Reimpell

Ingolstadt – Dieses Stück ist völlig ungeeignet. Ausgerechnet eins der depressivsten, konfliktgeladensten Werke des Russen Dmitri Schostakowitsch (1906–1975) hatte Lisa Batiashvili für den Start der Audi-Sommerkonzerte in der gemütlich-sommerlichen Atmosphäre im Ingolstädter Klenzepark ausgewählt: das erste Violinkonzert in a-Moll. Das Stück ist starker Tobak. In der beginnenden Eiszeit in der Sowjetunion Ende der 40er Jahre durfte das Konzert nicht uraufgeführt werden, es war quasi verboten. Wer die Zeichen, die Motive dieser Musik lesen kann, der weiß warum: Das Konzert ist zutiefst antistalinistisch, es ist komponierter Widerstand.

Die manifeste Aufbegehrlichkeit dieser Musik hat sie für die Geigerin und künstlerische Leiterin des Festivals so spannend gemacht. Bereits vor Beginn des Konzertes postete sie auf Facebook: „Diese Unterdrückung, diese Diktatur, Aggression, Brutalität, die es schon in Zeiten von Stalin gegeben hat: Ich denke wirklich, dass man beim Spielen von Schostakowitschs 1. Violinkonzert die Geschichte von heute erzählt.“

Man spürt bei Lisa Batiashvili den Krieg in der Musik

Wer Lisa Batiashvili dieses Konzert spielten hört, der kann es kaum vermeiden, an Putins Angriffskrieg zu denken, an das Leid der Ukraine. Wütender, radikaler, aufgebrachter hat man vielleicht selten einen Geiger auf der Bühne erleben können. Auch wer die Hintergründe dieses Konzertes nicht kennt, spürte bei dem Klassik-Open-Air die Energie, den Krieg in der Musik. Und: So unpassend Schostakowtischs Leidenstöne sind – deren Macht übertrug sich auf tausende Besucher im Klenzepark, verschlug ihnen förmlich die Sprache, ließ sie still, fast schon andächtig lauschen und am Ende jubeln. Diese Musik ist völlig unpassend für ein picknickendes Publikum, das sich am Abend entspannen möchte – und daran konnte auch eine einfühlsame und unterhaltsame Moderation der Hornistin Sarah Willis kaum etwas ändern. Aber es ist magische Musik, die so gut von den Münchner Philharmonikern unter der Leitung von Santtu-Matias Rouvali und vor allem von der Geigerin Lisa Batiashvili gestaltet wurde, dass man wie in einen Bann geschlagen fassungslos lauschte.

Schostakowitschs Konzert ist aber weit mehr als eine Schlacht der Töne. Am Anfang hörten wir die Georgierin eine schier endlose Melodie geigen, ein düster glühendes Band, ein „einsamer Gesang, geschrieben in finsterster Nacht“, wie der Schostakowitsch-Biograf Bernd Feuchtner in seinem wunderbaren Buch schrieb. Die Tontechniker hatten an diesem Abend der Geigerin besonders viel Klangraum gegeben, sodass der Violinton mühelos über dem Orchester schwebte. Aggressiv, tänzerisch wird es erst im zweiten Satz, ein Scherzo, in dem sich von Anfang an die Geige gegen ein brutales Thema des Orchesters stemmt. Lisa Batiashvili kämpft um die Oberhand, aber am Ende ist das Orchester stärker. In der folgenden Passacaglia verschärft sich der Konflikt. Lisa Batiashvili umspielt das grausam tickende Orchestermotiv mit einer Leidensmelodie. Erst am Ende des Satzes kann die Geige sich endlich entfalten in einer langen Kadenz, die fast wie ein eigenständiger Satz wirkt. Genau genommen ist dies die Kadenz aller Kadenzen in der Musikgeschichte. Und Lisa Batiashvili entfaltet hier explosiv all ihre Wut auf das Sowjetregime, das sie als Georgierin selbst erlebt hat, und gegen Putins Aggression. Man spürt in dieser Kadenz, wie sie anrennt gegen Grenzen, wie sie so laut spielt, wie sie nur kann, und dann noch etwas lauter.

Und sie tut das so unfassbar gekonnt, dass kein einziger Ton unschön klingt, so grimmig sie auch vorgeht. Am Ende spielt sie ein zartes jüdisches Motiv, in höchsten Lagen, eisig, verschattet, ein tieftrauriger Totentanz. Im Schlusssatz setzt das Orchester brutal wieder ein, die Geige muss kämpfen in einem Umfeld voller grotesker Verzerrungen, bösartig heiterer Tänze, aufgesetzter Fröhlichkeit, ein düsterer Scheinoptimismus, den Batiashvili so ungemein virtuos und vital in Szene setzt, dass man sich dieser Macht kaum entziehen kann.

Neben Schostakowitsch wirkt alles andere harmlos

Das Schostakowitsch-Violinkonzert ist ein so übermächtiger Koloss an diesem lauen Sommerabend, dass alle anderen Werke dahinter zurückstehen, irgendwie harmlos wirken. Der Dirigent Santtu-Matias Rouvali hat einen hervorragenden Eindruck hinterlassen, als er 2018 bei den Sommerkonzerten gastierte. Seine Stärken sind sein Gefühl für Rhythmus und sein kraftvoller Zugriff. Der Beginn des Konzertes mit John Adams „The Chairman Dances“ wirkte dennoch wie eine Fingerübung – aus einem minimalistischen Geflecht von Tonwiederholungen entwickelt sich ein fast schon kitschiger kleiner Tanz. Und selbst Leonard Bernsteins „Symphonische Tänze aus West Side Story“ kommen in diesem Moment vor allem unterhaltsam daher.

Immerhin, das Publikum geht mit, weil Rouvali so mitreißend dirigiert, so jazzig-biegsam. Und es entwickelt sich doch noch ein wenig heiter-sommerliche Festival-Stimmung, die sich mit etwas Mühe über Lisa Batiashvilis geigerischen Alptraum legt.

DK