Fünf Jahre Gießverbot
Bei der Interessengemeinschaft NO PFAS wächst die Skepsis

06.05.2023 | Stand 16.09.2023, 22:35 Uhr |

Mit einer Hand zur umgedrehten Gießkanne als Protestsymbol machen die Bürger und Bürgerinnen von Westenhausen und Lindach auf Initiative der Interessengemeinschaft NO PFAS Manching auf den fünften Jahrestag des Gießverbotes aufmerksam. Foto: IG NO PFAS

Die Ankündigung kam überraschend und war bereits drei Tage später rechtlich bindend. „Die erlaubnisfreie Benutzung des Grundwassers zu Bewässerungszwecken wird von 14.05.2018 bis 30.04.2032 in den unten genannten Bereichen untersagt.

Konkret ist das Entnehmen, Zutagefördern, Zutageleiten und Aufbringen von Grundwasser auf den Boden unabhängig von Menge und Nutzungsart nicht zulässig“, hieß es in der Allgemeinverfügung des Landratsamtes Pfaffenhofen für die Manchinger Ortsteile Lindach und Westenhausen. In einem zweiten Punkt untersagte das Amt außerdem die Entnahme von Oberflächenwasser nördlich und nordöstlich des Flugplatzes Manching (Baggerseen, Westenhauser Ach und Irschinger Ach).

Das war vor fünf Jahren. Grund für die Allgemeinverfügung war die anhaltende PFAS-Belastung dieses Gebiets durch den Grundwasser-Abstrom dieses Zusatzstoffs, der bis 2011 in Löschschäumen der Feuerwehr verwendet wurde. Mit der Geltungsdauer von 14 Jahren wollte das Landratsamt weiteren Eintrag verhindern, was die Interessengemeinschaft „NO PFAS“ mit über 260 Mitgliedern grundsätzlich unterstützt. Doch die Bilanz der BI fällt ernüchternd aus, wie die Mitbegründerinnen Gudrun Lemle und Doris Schmidt betonen. Und das trotz eines wahren Marathons mit Infoveranstaltungen, Gutachten, Probebohrungen, Untersuchungen, Monitorings, Demos und Aktionen, trotz unzähliger Briefe und Mails, Seminaren, Netzwerktreffen und des Besuchs von PFAS-Sanierungen vor Ort wie am IN-Campus. „Das Ende des Marathons ist noch nicht in Sicht, und es werden immer neue Hürden aufgestellt, die zu überwinden sind“, lautet das Fazit von Lemle und Schmidt.

Unentwegt PFAS-kontaminierter Abstrom vom Flugplatz

„Wir kennen uns mittlerweile gut aus in der PFAS-Welt“, sagen die beiden Initiatorinnen der BI. „Tatsache ist aber, dass wir nach fünf Jahren Gießverbot immer noch unentwegt mit PFAS-kontaminiertem Abstrom vom Flugplatz Manching konfrontiert sind. Tatsache ist auch, dass wir inzwischen mehr als skeptisch sind, was die Aussagen der zuständigen Behörden zu Beginn und Umfang der Sanierung anbelangt.“ Dabei habe der „Kampf um eine PFAS-freie Umwelt“ erst begonnen. Wohin man auch schaue – man blicke im wahrsten Sinne des Wortes in ein Meer von PFAS-Kontamination. Denn die „Ewigkeits-Chemikalie“ hält sich fast unbegrenzt und ist überall zu finden.

Die Manchinger BI sowie all die anderen Initiativen, die sich in Deutschland gebildet haben, setzen sich ein für ein gesetzliches Verbot der PFAS-Chemikaliengruppe. „Denn auch die künftigen Generationen müssen in einer PFAS-freien Umwelt leben können.“ Zumindest wollen sie verhindern, dass noch mehr dazukommt.

Doch der Weg dahin ist mehr als steinig, wie ein Blick auf die zurückliegenden Jahre zeigt. Bereits im Juli 2012 habe die Nachricht vom Nachweis giftiger Perfluorierter Tenside (PFT) im Lindacher Weiher aufgeschreckt. Doch bis heute seien keinerlei Sicherungsmaßnahmen getroffen worden, um zumindest an den drei Hotspots am Flugplatz den PFAS-Eintrag ins Grundwasser zu unterbinden. „Es wirkt paradox, bei den Betroffenen sofort ein Gießverbot anzuordnen, aber beim Verursacher auf Freiwilligkeit von Gegenmaßnahmen zu bauen“, schreibt die BI. Maßnahmen wie Monitoring, Wasser- und Bodenbeprobungen in Privatgärten wurden eingestellt. „Den größten Beitrag leisten die Betroffenen selbst, indem sie mit Regen- oder kostbarem Trinkwasser gießen, bei Neubauten auf den Keller verzichten und PFAS-kontaminiertes Erdreich teuer entsorgen.“

Zusicherungen wird nicht geglaubt

Den bisherigen Zusicherungen von Bundeswehr und Landratsamt Pfaffenhofen, dass mit Hochdruck an einer Sanierung gearbeitet werde, kann die Interessengemeinschaft keinen Glauben mehr schenken. Seit dem medienwirksamen Pump& Treat-Versuch 2020 als längst abgeschlossener Pilotversuch sei praktisch nichts mehr passiert. Das Sanierungskonzept wurde immer wieder verschoben – jetzt soll es im Herbst 2023 losgehen. Weder das Landratsamt noch die Bundeswehr hätten sich in Westenhausen und Lindach blicken lassen; mit Landrat Albert Gürtner habe man noch kein einziges Gespräch geführt. Immerhin hat Manchings Bürgermeister Herbert Nerb gegen die Bundesrepublik geklagt.

„Seit Jahren tatenlos“

Die wiederkehrenden vielfältigen Begründungen für die Verzögerungen – vom Brachvogel bis zum Keltischen Oppidum – könne keiner der Betroffenen mehr hören. „Seit Jahren wird tatenlos der stetigen, ungehinderten PFAS-Verfrachtung über die Liegenschaftsgrenze des Flugplatzes hinaus zugesehen – mit allen schädlichen Konsequenzen für Wasser, Mensch, Tier- und Pflanzenwelt“. Manching, so vermutet nicht nur der Bürgerinitiative, sei wohl ein Präzedenzfall für die mehr als 100 PFAS-Fälle in ganz Deutschland. Und eine Sanierung technisch möglich (IN-Campus), aber nicht billig.

Dabei müsse man jetzt, fünf Jahre nach der Allgemeinverfügung, legitimerweise fragen, ob denn die PFAS-Abstromfahne immer noch dieselbe ist. Oder welche Belastungen Fische, Böden, Gras und Heu jetzt aufweisen. „Wir haben Fragen über Fragen und kriegen keine Antworten. Mit einer Plakatkampagne ähnlich der im Vorjahr will die IG „NO PFAS“ den Handlungsdruck erhöhen. „Die Bewohner von Westenhausen und Lindach erwarten nach fünf Jahren den Startschuss zur Sanierung“, lautet die Botschaft der Menschen an die Politik. Der Widerstand geht weiter – auch nach fünf Jahren.