Herr Leitl, hinter Ihnen liegen fünf Spiele ohne Sieg. Das war die längste Durststrecke, seit Sie FCI-Trainer sind. Wie groß ist die Erleichterung nach dem 4:2 gegen Dresden?

Stefan Leitl: Man kann sich vorstellen, dass die Erleichterung riesengroß ist. Die Art und Weise, wie der Sieg zustande gekommen ist, bringt uns emotional mehr, als ein durchaus mögliches 3:1 oder 4:1. Erfreulich war vor allem die Reaktion der Mannschaft nach dem 2:2. Symbolisch für mich war da Marvin Matip als Kapitän, der sehr aggressiv nach vorne verteidigt hat, und damit gezeigt hat, dass sich die Jungs nicht aufgeben.

 

Worauf führen Sie den Sieg mehr zurück, auf den seit dem Darmstadt-Spiel sichtbar besseren Teamgeist oder auf den Wechsel des Spielsystems zum 4-2-3-1?

Leitl: Es war von beidem etwas. Aber es gab auch in den Begegnungen davor gute Dinge, und die Spiele hätten eine andere Wendung nehmen können. Nur das Heimspiel gegen Bochum war richtig schwach, da haben wir uns aber auch der Kritik gestellt. Letztlich war es so, dass wir in Darmstadt aufgrund der fehlenden Stammspieler reagieren mussten. Wir haben aber schon häufiger mit einer Doppelsechs gespielt, nur standen wir eben gegen den Ball tiefer als davor. Gegen Dresden haben aber der Glaube an die eigene Stärke und der Wille, unbedingt gewinnen zu wollen, den Ausschlag gegeben.

 

Sie haben Marvin Matip erwähnt. Er ist ein langjähriger Weggefährte von Ihnen und war Ihr einstiger Mitspieler. Welche Rolle spielt er für Sie?

Leitl: Marvin ist mein wichtigster Ansprechpartner. Das ist sicher keine typische Spieler-Trainer-Konstellation. Es ist schon so, dass sowohl ihn als auch mich eine schwierige Situation emotional mehr mitnimmt, weil wir eben schon so lange im Verein sind. Man kann über die Einstellung so viel bewegen, da ist Marvin durch seine Körperhaltung und seinen Einsatz für mich ein Paradebeispiel dafür.

 

Sie sagten selbst, das Bochum-Spiel war schlecht. Was haben Sie danach gedacht?

Leitl: Ich habe schon hinterfragt, was zwischen November und jetzt passiert ist, und was verloren gegangen ist. Wenn man es aber sachlich analysiert, hat sich im Vergleich zur Vorrunde in unserem Spiel nur ein Wert verändert, und das ist der in der Verwertung der Torchancen. Das war der Hauptfaktor. Man muss aber auch sagen: Sowohl gegen Bochum als auch gegen Duisburg verschießen wir beim Stand von 0:0 einen Elfmeter. Das sind Kleinigkeiten, die in dieser Liga aber entscheiden.

 

Ihnen wurde von Vereinsseite angekreidet, dass der Ballbesitzfußball, den Sie spielen ließen, eine Fehleinschätzung war. Wie ist das bei Ihnen angekommen?

Leitl: Es ist ja nicht so, dass wir erst seit der Winterpause Ballbesitzfußball gespielt hätten. Wir hatten beispielsweise beim 2:1-Sieg in Nürnberg 56 Prozent Ballbesitz. Das war einfach ein Prozess, weil wir als Mannschaft sehr dominant auftraten und der Gegner sehr tief stand. Darum kamen wir zu der Auffassung, dass das so weitergeht. Letztlich war es so, dass wir oft dominant waren, uns aber nicht mehr entscheidend durchsetzen konnten, und darum mussten wir wieder etwas verändern. Jetzt gegen Dresden ist unser Matchplan perfekt aufgegangen, aber deswegen pauschal zu sagen, der Spieler X spielt nur noch auf dieser Position und sonst nirgends, wäre falsch, weil das 4-3-3, das wir davor gespielt haben, richtig gut für uns ist. Wir müssen einfach flexibler sein und in allen Grundordnungen spielen können.

 

Sie sind vom 4-3-3-System überzeugt, obwohl Sie zuletzt in der 4-2-3-1-Formation erfolgreich waren. Verbeißt man sich als Trainer manchmal zu sehr in seiner Spielidee?

Leitl: Nein, das finde ich nicht. Wir haben auf verschiedene Situationen reagiert. Wir haben in Nürnberg mit zwei Sechsern gespielt, auch in Regensburg oder Darmstadt. In der Offensive war es etwas anderes. Da wollten wir immer hoch und breit stehen und über den Ballbesitz zu Chancen kommen. In Darmstadt wussten wir, dass die Bälle irgendwo im Zentrum runterfallen würden und wir da präsent sein mussten, deshalb das 4-2-3-1. Auch gegen Dresden war Sonny Kittel für uns im Zentrum als Entwicklungsspieler wichtig. Aber die Gegner werden uns jetzt auch wieder analysieren und dafür eine Lösung suchen.

 

Ist der FCI doch zu abhängig von Sonny Kittels Kreativität und seinen Abschlüssen?

Leitl: Es ist schon so, dass Sonny im Umschaltspiel eine Qualität hat, die herausragend ist. Das ist einfach so. Aber er ist auch ein guter Eins-gegen-Eins-Spieler, wenn er am Flügel ist, ebenso wie Thomas Pledl. Über diese Positionen haben wir auch Chancen bekommen, das hat funktioniert. Es ist in dieser Liga aber so, dass wir auch von unseren Gegnern gut analysiert werden, und diese versuchen, uns unsere Stärken zu nehmen.

 

Um noch einmal auf Ihren Ansatz vom Ballbesitzfußball zurückzukommen: Fehlt Ihrem Team einfach die Abschlussstärke im Sturmzentrum, um damit erfolgreich zu sein?

Leitl: Ja, wahrscheinlich. Wir waren schon erfolgreich mit dieser Art Fußball zu spielen und haben Tore geschossen. Aber wenn man einen zentralen Stürmer hat, der 10, 12, 15 Tore macht, dann ist das natürlich herausragend gut, das sieht man an anderen Mannschaften. Das beste Beispiel ist der Club. Dort fällt seit einiger Zeit Mikael Ishak aus, und auch deshalb kommt Nürnberg aktuell nicht vom Fleck. Aber wenn man so einen Stürmer hat, kommt man schon in andere Tabellenregionen oder die Abschlüsse verteilen sich eben auf mehrere Schultern. Momentan ist es bei uns aber so, dass Sonny die Tore macht oder sie vorbereitet.

 

Was für Lehren ziehen Sie aus der Phase, die Sie seit der Winterpause erlebt haben?

Leitl: Das ist schwierig zu sagen. Ich bin davon überzeugt, dass wir in der Winterpause gut gearbeitet haben und wir auch einen guten Plan hatten. Wir haben es leider ergebnistechnisch nicht auf den Platz gebracht. Vielleicht hätten wir mit dem Ziel Aufstieg nicht in die Öffentlichkeit gehen sollen, aber ich war schon überzeugt, dass mit dieser Mannschaft etwas geht und wir es tatsächlich packen können. Zu Beginn war auch im Umfeld eine Euphorie zu spüren, die wir durch die Ergebnisse teilweise verloren haben. Aber jetzt ist das Thema abgehakt. Wir schauen nur noch auf die einzelnen Spiele.

 

FCI-Geschäftsführer Harald Gärtner hat Ihnen zugebilligt, dass jeder Trainer durch so eine schwierige Phase gehen muss. Wie haben Sie sie erlebt?

Leitl: Es gehört zu dem Job dazu. Aber wenn man so lange bei einem Verein ist, macht man sich mehr Gedanken als jemand, der von außen kommt und ein Jahr hier ist. Ich bin elf Jahre beim FCI. Natürlich nagt das an mir, weil ich das Beste für den Verein will. Darum hinterfragt man sich auch viel und versucht, noch mehr zu arbeiten und die Jungs zu stärken. Deswegen war es für mich und auch für Andre (Co-Trainer Andre Mijatovic, Anm. d. Red.) wichtig, gegen Dresden zu gewinnen.

 

Hatten Sie das Gefühl, dass die Mannschaft immer voll mitzog?

Leitl: Ich habe eine Mannschaft, die, was die Laufleistung betrifft, an der Spitze der Liga steht. Das ist ein wichtiger Parameter. Wenn die Spieler nicht mehr laufen, weißt du, dass du als Trainer verloren hast. Die Jungs haben immer Gas gegeben und versucht, das umzusetzen, was wir wollten.

 

Der FCI hat trotz des Sieges gegen Dresden aber weiterhin nur vier Punkte Vorsprung vor dem Abstiegsrelegationsplatz. Was heißt das für Sie?

Leitl: Wir haben gegen Dresden gesehen, dass wir gewinnen und richtig gut spielen können. Insofern gehen manche Dinge wieder einfacher, man spürt eine Befreiung. Das war wichtig für die Mannschaft. Jeder, der sagt, es sei in dieser Saison einfach, aufzusteigen, liegt falsch. Man muss in jedem Spiel an die Leistungsgrenze gehen, egal ob man gegen den Tabellenersten oder -letzten spielt. Es gibt nicht diese Leichtigkeit, wie es teilweise in der Vergangenheit war, als Stuttgart oder Hannover auch mal mit einer durchschnittlichen Leistung zum Sieg kamen. Wir haben noch sieben schwere Spiele, die wir so positiv wie möglich bestreiten wollen. Unser Fokus richtet sich dabei einzig und allein auf den nächsten Gegner Heidenheim.

 

Das Interview führte

Gottfried Sterner.