Vorreiter und Vorbild

Das Gstaad Menuhin-Festival entwickelt sich zum Klimafestival – unterstützt von Patricia Kopatchinskaja

18.09.2022 | Stand 18.09.2022, 20:01 Uhr

„Wir stehen am Abgrund“, sagt die Geigerin Patricia Kopatchinskaja. „Da klingt Mozart ganz anders.“ Foto: Faux

Von Jesko Schulze-Reimpell

Gstaad – „Ich weiß nicht, warum ich das tue“, sagt Patricia Kopatchinskaja. „Ich weiß auch nicht, welche Wirkung, das haben wird. Ich weiß nur, dass ich nicht anders kann.“ Die Geigerin sitzt vor der Presse im schweizerischen Gstaad, und man merkt ihr die Unbedingtheit an. Sie redet vom Klimawandel und davon, dass auch das Festival, dem sie seit Jahren eng verbunden ist, das Gstaad Menuhin-Festival & Academy, nun möglichst klimaneutral werden soll. Für sie ist das eine existenzielle Frage, die alles und alle betrifft, vor allem auch sie als Musikerin.

Die Führungsspitze des Festivals hat die Geigerin, die immer wieder auch in Ingolstadt beim Konzertverein gastierte, daher zur Leiterin einer kleinen Reihe gemacht. „Music for the planet“ heißt diese, und damit soll das große, umfassende Konzept für die kommenden drei Spielzeiten mit dem Titel „Wandel“ auch künstlerisch seinen Niederschlag finden. Wie genau das Menuhin-Festival möglichst schnell klimaneutral werden soll, daran wird noch gearbeitet. Aber für den Künstlerischen Leiter des Festivals, Christoph Müller, ist vor allem wichtig, überhaupt einen Anfang zu machen.

Einen ersten Schritt ist man schon gegangen. Das Festival hat zusammen mit der Organisation MyClimat den spezifischen CO2-Fußabdruck des Festivals ermittelt. Dabei wurden nicht nur die Emissionen der Künstler und des festangestellten Personals ermittelt, sondern auch die der 25700 Gäste des vergangenen Jahres. Heraus kam folgendes: Das Klassikfestival, das natürlich vom Besuch internationaler Stars abhängig ist und das auch tausende Gäste aus verschiedenen Ländern anzieht, verbraucht in einem Sommer rund 2100 Tonnen CO2� bei rund 60 Konzerten. Umgerechnet auf jeden einzelnen Festival-Besucher sind das 82 Kilogramm. Dabei belasten besonders der Geschäftsverkehr und die Übernachtungen die Umwelt (mit 54 Prozent) und etwas weniger die örtliche Mobilität (34 Prozent).

Für Geschäftsführer Lukas Wittermann folgt aus den Zahlen eine unmittelbare Notwendigkeit zum Handeln – auch und gerade im Sinne des naturliebenden Festivalgründers, des Geigers Yehudi Menuhin. „Wir übernehmen Verantwortung“, sagt er. Ein erster Schritt wird es sein, möglichst schnell die Geschäftsstelle in Gstaad klimaneutral zu gestalten. Bei den Vertragsverhandlungen mit den Künstlern wird bereits versucht, „eine CO2-neutrale Anreise zu ermöglichen“. Dennoch soll die künstlerische Exzellenz nicht aus den Augen verloren werden. So wurden verschiedene Orchester wieder ausgeladen, die mit dem Flugzeug hätten anreisen müssen, und andere dafür eingeladen. Beim Israel Philharmonic Orchestra hat man sich dagegen nicht zu diesem drastischen Schritt entschließen wollen – zu künstlerisch einmalig ist gerade dieses Orchester. Den MDR-Rundfunkchors aus Leipzig hat die Festivalleitung dagegen überzeugen können, mit dem Zug anzureisen und eine zusätzliche Übernachtung in Kauf zu nehmen. Der Chor wird dadurch einen weiteren kleinen Auftritt beim Festival bekommen.

Das Thema Nachhaltigkeit erhält jedoch in Gstaad zusätzlich zur wirtschaftlichen Komponente noch eine künstlerische Dimension – vor allem durch Patricia Kopatchinskaja. Die Geigerin spürt die Dringlichkeit der Entwicklung: „Es ist sinnlos weiter Programme zu machen, die nicht viel aussagen, die man überall hören kann, mit den immer gleichen Künstlern. Wir stehen am Abgrund“, sagt sie. „Und da klingt Mozart ganz anders.“ Sie will die gleiche Musik spielen, die auch sonst meistens in Gstaad aufgeführt wird – aber alles soll anders klingen. Weil sie die historischen Töne hinterfragt. „Wie wir Beethovens ,Pastorale‘ hören – was hat das für eine Bedeutung heute?“, fragt sie. „Wenn wir dieses Bächlein hören – gibt es überhaupt noch Bächlein? Wo sind die großen Flüsse geblieben in diesem Sommer? Können wir den letzten Satz der ,Pastorale‘ heute noch spielen, diesen Dank an die Gottheit? Das funktioniert plötzlich nicht mehr – weil alles zusammenbricht.“

Dennoch wird sie gerade die „Pastorale“, die sechste Sinfonie von Ludwig van Beethoven, aufs Programm setzen – und doch ganz anders deuten. „Der Konzertbetrieb ist eigentlich so langweilig, dass alles, was man dazugibt, sensationell wirkt“, sagt sie. So wird sie Beethovens Musik mit Bewegungen, Videos, musikalischen Interaktionen verändern, kommentieren, in unsere Zeit heben. Ähnlich geht sie mit Franz Schuberts Lied „Forellenquintett“ um, dessen Text Christian Friedrich Daniel Schubart schrieb, ein politisch verfolgter Schriftsteller des 18. Jahrhunderts. „Wenn die Forelle unsere Natur ist – haben wir sie nicht tückisch eingefangen?“ fragt Patricia Kopatchinskaja. „Darf sie sprechen? Hören wir auf sie? Lebt sie noch? Können wir noch diese Forelle mit reinem Gewissen mit Karotten, gegrillt essen?“

Die nächste Runde des Menuhin-Festivals bedeutet eine Zäsur, ein Neuanfang von immenser Tragweite. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass das Thema Nachhaltigkeit bald alle Festivals, ja alle Kulturinstitution zum Umdenken zwingen wird. Das Menuhin-Festival ist da Vorreiter und Vorbild.

DK



Lieblingsort der KlassikfreundeGstaad – Das Ermitage Wellness-Hotel gehört fast schon zum Menuhin-Festival. Deutlich wird das, wenn man in den urigen Gängen oder im Swimmingpool unvermittelt auf Klassikstars wie Patricia Kopatchinskaja oder Maurice Steger trifft. Oder wenn aus der Bibliothek plötzlich Flötentöne dringen. Denn das Hotel ist auch Standort der Barockakademie des Festivals, ein Meisterkurs für angehende Spezialisten für historische Aufführungspraxis. Seit etwa zehn Jahren leitet dieses für die Studenten kostenlose Angebot der Blockflötenvirtuose Maurice Steger. In diesem Jahr lag ein Schwerpunkt auf dem Cembalo. Acht völlig unterschiedliche Instrumente hat er für die Handvoll Studenten ins Hotel transportieren lassen, drei berühmte Cembalisten unterrichteten sie. Für die Hotelbesucher ist es übrigens völlig selbstverständlich und sogar erwünscht, bei den Meisterkursen zuzuhören.

„Es war schnell klar, dass unsere Gäste auch Festivalgäste sind“, erklärt Romuald Bour, der seit zweieinhalb Jahren als Hoteldirektor die Geschicke des Hauses lenkt. „Es war sehr natürlich, dass wir zunächst Sponsoren und schließlich seit etwa 15 Jahren Hauptsponsor des Menuhin-Festivals wurden.“ Kürzlich hat Bour, der selbst kein Klassikfan ist, fast ein wenig gestaunt, als an einem Abend sein eigentlich ausverkauftes Fünfsterne-Haus urplötzlich nahezu leer stand. Denn mehr als zwei Drittel der Gäste hatten sich auf den Weg ins Konzert gemacht.

Dass die Klassikfreunde sich so wohlfühlen in seinem Hotel, hat auch damit zu tun, dass die Tagesabläufe perfekt an die Festival-Gegebenheiten angepasst sind. So gehört es zum Ritual, dass die Vorspeise und der Hauptgang vor dem Konzert im Hotel eingenommen werden, in der Konzertpause werden in einer speziellen Lounge Champagner und Häppchen serviert und nach dem Konzert im Hotel Nachtisch und Käse aufgetischt. Den Transport zu den verschiedenen Konzertorten übernimmt ein hauseigener Shuttledienst.

Das Thema Nachhaltigkeit, das sich das Menuhin-Festival auf die Fahnen geschrieben hat, ist auch für Romuald Bour von Bedeutung. Schon seit Längerem gelangt der Strom von einem ökologischen Blockkraftwerk im Umfeld ins Haus, geheizt wird mit einem Wärmetauscher – auch wenn das etwas kostspieliger ausfällt. Vor allem aber setzt die Küche des Hauses streng auf regionale Produkte.

In Zukunft möchte man auch noch mehr auf die Gäste einwirken, mit der Bahn zu kommen und nicht unbedingt mit dem Auto. Denn tatsächlich ist vom Hotel aus fast alles hervorragend vom Bahnhof, der nur wenige Fußgängerminuten entfernt ist, erreichbar. „Und wo die Gäste so nicht hinkommen, da bringen wir sie hin“, sagt Romuald Bour. Überhaupt: Service bedeutet ihm alles. „Als kürzlich einem Mountainbiker unterwegs die Fahrradkette abgesprungen ist, da rief der im Hotel an, ein Mitarbeiter setzte sich aufs Fahrrad und reparierte den Schaden“, erzählt der Hoteldirektor nicht ohne Stolz.

jsr