Der zärtliche Mahner

Konstantin Wecker gastiert im Rahmen seiner Jubiläumstour zum 75. Geburtstag in Ingolstadt

24.10.2022 | Stand 22.09.2023, 4:09 Uhr |

Begnadeter Lyriker: Konstantin Wecker spannte im Ingolstädter Festsaal nicht nur musikalisch einen Bogen von den 1970er Jahren bis heute, sondern las auch aus seinen Gedichten. Foto: Cornelia Hammer

Von Uwe Ziegler

Ingolstadt – „Ich singe, weil ich ein Lied hab.“ Das ist nicht nur einer der bekanntesten Songs von Konstantin Wecker, sondern auch der Titel seiner Jubiläumstour, die ihn am Sonntagabend nach Ingolstadt geführt hat. 75 Jahre ist der gebürtige Münchner im Juni geworden, und er ist nicht nur ein großer Liedermacher, sondern auch ein begnadeter Lyriker. Und zu erzählen hat er viel.

Das Konzert beginnt mit knapp zehnminütiger Verspätung. Ein Besucher im Mittelblock erleidet kurz vor Beginn einen Schwächeanfall. Ein im Publikum sitzender Arzt leistet Erste Hilfe, der Besucher wird aus dem Saal begleitet. Wecker hat das hinter der Bühne mitbekommen, wünscht dem Mann „gute Besserung“. Im Publikum des nicht ausverkauften Festsaals sitzen viele ältere Semester. Darunter sicher etliche Wecker-Anhänger seit „Willy“, jenem Song vom 1977er Album „Genug ist nicht genug“, mit dem Wecker der Durchbruch gelang. Das Stück über einen von Rechtsradikalen erschlagenen Freund spielt er nicht, aber es wird natürlich erwähnt, wenn er erzählt über seine „gnadenlose Machozeit“.

Am Bösendorfer-Flügel sitzend, beginnt Wecker den Abend solo mit dem Titel der Tour. „Wer hätte gedacht, dass ich so alt werden würde?“, fragt er danach. Seine Poesie hätte ihn gerettet. Er lässt reichlich Selbstironie einfließen in seine Ausführungen zwischen den Songs. Die sind mit den Jahren gut gereift. „Was für ein Glück, dass schon damals meine Lieder viel weiter waren als ich selbst“, sagt er.

Was Wecker nach wie vor auszeichnet, ist seine Bühnenpräsenz. Seine Begleitband ist famos, er stellt die vier Musiker gleich zweimal vor. Selbst sitzt er nur noch selten am Klavier. Er bevorzugt einen Hocker, geht immer wieder auf das Publikum zu. Bis zum Rand der Bühne. Und auch mal mitten in den Saal hinein, bis fast zur letzten Reihe. Seine Stimme ist noch immer kräftig, Corona und Long Covid im Sommer haben keine Spuren hinterlassen. Er erzählt von seinem „Mentor und Meister“ Hanns Dieter Hüsch und seinem „wertvollsten musikalischen Lehrmeister“ Carl Orff. Den 1982 verstorbenen Komponisten von „Carmina Burana“ habe er in Andechs besucht und „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“ vorgespielt. Orff hätte gesagt: „Du spielst komisch Klavier. Du bist nicht Mozart und nicht Schubert. Du bist der Wecker.“

Das Magazin „Der Spiegel“ stutzte ihm die Flügel, verriss sein 1981 in der Toskana eingespieltes Album „Liebesflug“ gnadenlos, erinnert sich Wecker. Was aus dem „Willy“ geworden wäre, hieß es, jetzt knödle er von Liebe. Irgendwann sei es ihm egal gewesen, Publikum zu verlieren. Auch seine Drogensucht thematisiert Wecker. „Manchmal weine ich sehr“ hätte er zu Beginn seiner Kokainabhängigkeit geschrieben. Eine sehr schöne, ergreifende Nummer. Der Begriff Zärtlichkeit fällt einige Male an diesem Abend, und die Balladen sind es, die Wecker ausmachen. Und natürlich das Politische. Den Mächtigen will er ein „zärtlicher Stachel“ sein. In „Sage nein“ aus dem 1993er Album „Uferlos“ warnt er vor Diskriminierungen aller Art, und in Anbetracht des Krieges in der Ukraine gerät „Wenn unsere Brüder kommen“ erschreckend aktuell. Der 75-Jährige spricht sich klar gegen die Aufrüstung aus.

Wecker bleibt der Mahner. Aber er tut es im Alter mit weniger Wut, ist zärtlicher geworden. Nach „SoScheeScho“ steht der ganze Saal, die Musiker umarmen sich gegenseitig. „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“, früher oft eine der Zugaben, lässt Wecker aus. Aber das Stück hat einen würdigen Nachfolger: „Buonanotte Fiorellino“ mit der Textzeile „und es war nicht einfach mit mir“ erzählt von der Sehnsucht nach einer einstigen Liebe und ist ein würdiger Schlusspunkt kurz nach 23 Uhr.

DK