„Wenn ich singe, fühle ich mich lebendig“
Das neue Album von Judas Priest: Sänger Rob Halford (72) im Interview

08.03.2024 | Stand 09.03.2024, 18:28 Uhr |

Nie zu alt für Heavy Metal: Judas Priest, aktiv seit dem Jahr 1969. − Foto: Judas Priest

Auf Judas Priest, gegründet 1969, ist Verlass. Sechs Jahre nach „Firepower“ veröffentlichen die Legenden um Sänger Rob Halford das Album „Invincible Shield“, und es besticht mit epischen und brachial harten wie sehr melodischen Heavy-Metal-Songs.

Wir unterhielten uns mit dem 72-jährigen Engländer mit der Kreissägenstimme, der seit Langem mit seinem Mann in Phoenix, Arizona lebt, per Video.

Zum Song „Invincible Shield“ gelangen Sie hier

Lieber Rob, dein guter Freund und Kollege Ozzy Osbourne ist unlängst 75 geworden. Hattest du Gelegenheit, ihm zu gratulieren?
Halford: Ja, ich habe Ozzy ein Glückwunschvideo geschickt. Ozzy ist ein echter Schatz für uns alle. Ich bin mir sicher, er ist so richtig überschüttet worden mit Liebe, und das natürlich völlig zu Recht.

Du selbst bist 72 und deine Stimme ist in ganz ausgezeichneter Verfassung auf dem neuen Album „Invincible Shield“.
Halford: Danke sehr. Ich singe für mein Leben gern. Denn wenn ich singe, fühle ich mich nicht nur großartig, ich fühle mich lebendig. Und komplett. Das Singen gibt mir den Grund, auf der Welt zu sein. Und das ist so, obschon ich den Sound meiner eigenen Stimme überhaupt nicht leiden mag.

Warum ist das so?
Halford: Ich weiß es nicht. Das war schon immer so. Ich habe das, was viele Musiker quält, nämlich eine ständige Unsicherheit, ob man wirklich gut genug ist. Diese Unsicherheit treibt mich auf der anderen Seite an. Ich möchte etwas erreichen, was praktisch unerreichbar ist. Aber ich will nicht zu dick auftragen, ich fühle mich schon auch dankbar und gesegnet, dass ich bei der Arbeit als Sänger nach wie vor verlässlich abliefere und mich auf einem Qualitätslevel bewege, das von einer Band wie Judas Priest verlangt wird. Als Priest können wir uns keine Nachlässigkeiten und Durchhänger erlauben.

Ist es euch schwergefallen, das neue Album zu schreiben und aufzunehmen?
Halford: Naja, aus dem Ärmel geschüttelt haben wir es nicht. Man hört ja immer wieder, wie Musiker schwärmen, diesen und jenem Song in nur einer Stunde geschrieben zu haben. Kann passieren, ist uns auch schon passiert, die Norm ist das natürlich nicht. Wie jede Kunstform erfordert auch das Songschreiben sehr viel handwerkliches Geschick und eine feine Antenne für kleinste Details. Unser Job ist kein einfacher. Und ganz sicher machen wir es uns nicht leicht. Judas Priest hat noch nie irgendwelche kreativen Abkürzungen genommen und wir haben es einfach nicht in uns, Ergebnisse zu akzeptieren, die nicht allererste Sahne sind. Als wir vor einigen Jahren die Entscheidung trafen, ein neues Album anzupacken, waren wir aufgeregt wie am ersten Tag. Und wir waren ganz schön in Panik.

Warum das?
Halford: Weil es sehr gut sein musste. Es muss ja einen Grund geben, warum wir ein weiteres Album machen. Wenn es nichts Besonderes wäre, hätten wir uns das nach 18 Studioalben ja auch sparen können. Wir hatten uns nach über fünfzig Jahren Bandhistorie der Frage zu stellen, welchen Mehrwert ein neues Priest-Album haben würde. Ich bin mir sicher, die Rolling Stones haben ähnliche Überlegungen angestellt, bevor sie „Hackney Diamonds“ erschufen. Und die Antwort ist, jedenfalls in unserem Fall: Weil wir es immer noch lieben, aus dem Nichts etwas zu kreieren. Plötzlich hast du einen Song, den es vorher nicht gab, das ist einfach ein mit nichts zu vergleichendes Gefühl.

Haltet ihr euch gar für unverwundbar oder was steckt hinter dem Albumtitel“ Invincible Shield“?
Halford: Immer schon war es meine Aufgabe in der Band, nicht nur zu singen, sondern auch die Texte, die Musik, die Botschaften zu verfassen. Der Titelsong spricht recht offenkundig über das jahrzehntealte Band, dass nicht nur uns als Musiker, sondern auch uns mit den Fans verbindet und zusammenschweißt. Ich denke, jeder von uns besitzt und hält ein Schild, von dem er hofft, dass es undurchdringlich ist und ihn beschützt. Dieser Schild kommt dir zugute bei allen Schwierigkeiten, denen du ausgesetzt bist, sei es mit deiner Gesundheit, deiner Beziehung, deinem Job, was auch immer.

Denkst du, dein unsichtbarer Schutzschild ist besonders stark und stabil?
Halford: Tja, ich bin nach gut 72 Jahren immer noch hier (lacht). Mein Schild scheint intakt zu sein. Ich fühle mich potent und kraftvoll, voller Leben und voller Neugier auf das, was kommt. Auch optisch verbreitet dieser Schild auf dem Albumcover, das wieder von unserem langjährigen Kunstdesigner Mark Wilkinson entworfen wurde, sehr viel Energie, Entschlussfreude und Resilienz.

Du hast es im Leben nicht immer leicht gehabt, warst etwa bis 1986 alkoholabhängig, bist vor einigen Jahren an Prostatakrebs erkrankt, und hast erst 1998 deine Homosexualität öffentlich gemacht. Konntest du dich immer auf dein Schutzschild verlassen?
Halford: Auf einer tiefen, spirituellen, Ebene habe ich immer gewusst, dass ich in Ordnung kommen oder dass sich die Dinge klären werden. Allein meine Drogen- und Alkoholsucht hätte böse enden können, wenn nicht irgendein mächtiges, höheres Wesen auf mich achtgegeben hätte. Mein Krebs vor einigen Jahren war eine Geschichte, die die Undurchdringlichkeit des Schilds und damit die Überzeugung, unzerstörbar zu sein, ziemlich auf die Probe gestellt hat. Doch selbst in dieser Lage habe ich mich nicht im Bett zusammengekrümmt, sondern bin aufrecht stehengeblieben und habe mit meiner ganzen Kraft gegen etwas angekämpft, das mich potentiell hätte zerstören können.

Hast du deine Krebskrankheit eigentlich überwunden?
Halford: Oh ja, glücklicherweise ist alles wieder in Ordnung.

Zwischen eurem letzten Album „Firepower“, das 2018 rauskam und „Invincible Shield“ hast du 2020 deine Autobiographie „Ich bekenne“ veröffentlicht. Eine ganz andere Form der Kunst, oder? Bei einem Album erschaffst du etwas aus dem Nichts, bei deinen Memoiren schöpfst du aus deinen Lebenserfahrungen. Wie war das Buchschreiben für dich?
Halford: Nun ja, mein Leben ist die Musik und die Musik ist mein Leben. Von daher war es kein immenser Kraftakt, „Ich bekenne“ zu schreiben, da sehr viele der Inhalte, die mich als Menschen betreffen und beschäftigen, ja immer schon in den Songs von Judas Priest zur Sprache gekommen sind. Es gibt jede Menge Priest-Songs, die ich höre und denke „Ach, so ging es mir zu dieser Zeit also“.

Eure Kollegen von Kiss haben nun ihre aktive Karriere beendet und wollen, wie es bereits Abba sehr erfolgreich vormachen, als virtuelle Band weitermachen. Ist das auch eine Option für Judas Priest?
Halford: Mein Mann Thomas und ich machen hier jeden Abend einen kleinen Spaziergang durch die Hügel und reden über dies und das. Neulich sprachen wir tatsächlich darüber, wie cool es ist, wenn du demnächst Kiss auf deine Geburtstagsparty wirst einladen können. Dann stehen diese Avatare in ein paar Jahren in deinem Wohnzimmer und legen los. Ist das nicht geil? (lacht) Ich glaube, solche Hologrammprojektionen werden bald schon ganz alltäglich sein.

Steffen Rüth


Album „Invincible Shield“ ab 8. März

Judas Priest live in Deutschland:
24.03.2024 Frankfurt, Festhalle
25.03.2024 München, Olympiahalle
27.03.2024 Dortmund, Westfalenhalle
01.04. Wien, Stadthalle
03.04. Basel, St. Jakobshalle
01.07.2024 Hamburg, Barcleys Arena
02.07.2024 Berlin, Max-Schmeling-Halle
04.07.2024 Nürnberg, Arena Nürnberger Versicherung
06.07. Ballenstedt, Rockharz
08.07.2024 Mannheim, SAP Arena