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Vom Wut-Bürger zum Mut-Bürger

erstellt am 26.01.2011 um 20:01 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 14:40 Uhr | x gelesen
Erlangen (DK) Vom Wut-Bürger, der mit zivilem Ungehorsam gegen die Obrigkeit protestiert, zum Mut-Bürger, der auch dann Zivilcourage zeigt, wenn es brenzlig wird, ist es ein großer Schritt.
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: Vom Wut-Bürger zum Mut-Bürger
Angst oder Liebe? Caro (Linda Foerster) und Felix (Christian Wincierz) im Bus (im Hintergrund läuft ein Video). - Foto: Kiermeyer
Die Frage, was tun, wenn vor unseren Augen ein anderer bedroht wird, hat sich wohl jeder schon gestellt – und mit einer mutigen Antwort spätestens seit dem Fall des in der Münchner S-Bahn erschlagenen Dominik Brunner eher gezögert. Dass sich das Theater dieses Themas annehmen würde, war längst überfällig. Jetzt brachte das Theater Erlangen mit der Uraufführung des Theaterprojekts "Mutwerk" das Problem auf die Bühne – und liefert jedem Zuschauer zugleich eine handfeste Anleitung für den Alltag.
 
Tina Geißinger, die Regisseurin, die sich als Theater-Dokumentaristin schon am Nürnberger Staatstheater mit ihrem engagierten Projekt "ArbeitsEnde Gestern" über das arbeitsplatzvernichtende Ende der AEG einen Namen machte, sammelte schon vor Monaten in Erlangen unter Bürgern Meinungen zum eigenen "Mut" ein und ließ Mitarbeiter von Polizei und Kirchen sowie von Sozialarbeitern über ihre einschlägigen Erfahrungen berichten.

Um die "Mutwerk"-Dokumentation nicht zu trocken geraten zu lassen, ist um das heikle Thema herum eine kleine Liebesgeschichte zweier junger Leute gestrickt: Cora (Linda Foerster) und Felix (Stefan Wincierz) lernen sich im Bus kennen; und als Felix in eine Situation gerät, in der er eigentlich einem anderen Jungen, der von zwei Schlägern bedroht wird, helfen müsste, bleibt er aus Angst lieber sitzen – und passiv. Die tragische Pointe: Der zusammengeschlagene Junge ist der Bruder seiner Freundin Cora!

Was Felix in der auch für ihn bedrohlichen Situation hätte tun können oder tun sollen, blendet Tina Geißingers eindringliche Inszenierung mit dokumentarischen Video-Einspielungen und Statements authentischer Personen, wie etwa des bei der Erlanger Polizei für Jugendgewaltprävention Verantwortlichen, ein.

Und sie hilft auch den Zuschauern mit praktischen Übungen zum Eingreifen (und dem Hinweis auf die einschlägige Internetseite www.eingreifen.de) auf die Sprünge, wenngleich sich das Publikum dann doch irgendwie blamiert: Als man sich per Abstimmung outen soll, ob man selbst in einer solchen Situation aktiv geworden wäre oder – wie Felix – lieber weggeschaut hätte, entscheidet sich die überwiegende Mehrheit der Theaterbesucher für Felix und nicht für Cora, die von sich glaubt, dass sie spontan gehandelt und dazwischen gegangen wäre.

Dennoch viel Beifall für dieses Theater der Praxis, das dem Publikum den Spiegel vorhält.

Von Friedrich J. Bröder
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