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Seelendrama voll dramatischer Wucht

erstellt am 01.07.2008 um 20:29 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 14:38 Uhr | x gelesen
Nürnberg (DK) Ganz so diabolisch ist dieser Schnösel Onegin nun auch wieder nicht, als dass die Amme bei seinem ersten Auftritt gleich ein Kreuz schlagen müsste. Oder dass die Regie ihn schwarz gewandet den hell gekleideten Provinzschwestern und dem Freund Lenski entgegenzustellen hätte. Aber Helen Malkowsky mag es bisweilen eben etwas deutlicher, und so dürfen an der Oper Nürnberg, wo sie Tschaikowskys Werk in Szene gesetzt hat, ein paar Liebesäpfel ebenso wenig fehlen wie zwei Dutzend Tatjanas, die am Morgen nach der Briefszene verwirrt mit Kreide den Boden vollkritzeln. Auch so haben wir verstanden, dass mit dem schriftlichen Liebesgeständnis Tatjanas Jugend zu Ende gegangen ist. Die Stapel wahllos verschlungener Bücher sind verräumt, die Kränkung, die One-gins mehr dandyhaft gelangweilte denn gefühlskalte Abweisung bedeutet, erlebt sie selbst, nicht eine Romanfigur.
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Müßiggänger Eugen Onegin in einem Heer von Tatjanas: Jochen Kupfer ist in Nürnberg in der Titelrolle zu erleben. - Foto: Bührle
Anne Lünenbürger bewältigte den der Tatjana gewidmeten ersten Akt und die berühmte Szene mit anrührender Pianokultur und Ausbrüchen, die trotz vereinzelter Schärfen als Gefühlsentladungen spürbar wurden. Der zweite steigerte sich zu dramatischer Wucht, nicht zuletzt durch Carsten Süß’ eindringliche Gestaltung des Lenski, der vereinzelte Engen in der Höhe dank souveräner Dosierung vokaler Ausdrucksmittel mühelos zu kompensieren wusste. Szenisch profitierte er von einer überzeugenden Zuspitzung: Als Außenseiter in einer Gruppe von Burschenschaftern wird das Duell mit Onegin zur tödlichen Verpflichtung.

Schlüssig auch Malkowskys Verzahnung des zweiten Akts mit dem dritten, dessen eröffnender Walzer sich zu einer beunruhigenden Traumsequenz Onegins verdüstert. Jochen Kupfer, vom glänzenden stimmlichen Material und der Ausstrahlung her ein idealer Protagonist, ergänzte hier dynamische Schattierungen, die man zuvor, korrespondierend mit seiner etwas steifen Darstellung, ein wenig vermisst hatte. Überstrahlt wurde die letzte Begegnung Onegins mit Tatjana aber durch Stephan Klemms überwältigend dargebotene Gremin-Arie, nobel im Ausdruck, substanzreich in der Basstiefe.

Nürnbergs erster Kapellmeister Guido Johannes Rumstadt lieferte mit den hoch motivierten Nürnberger Philharmonikern einen über weite Strecken sensiblen, die Gefühlswelten ganz in Tschaikowskys Sinn farbig auffächernden Orchesterkommentar. Verunsicherung entstand hin und wieder durch manch extreme Tempoverzögerung, die musikalisch zwar gerechtfertigt, jedoch nicht genügend organisch in einen Spannungsbogen eingebettet war.

Das Publikum bejubelte eine vor allem sängerisch bemerkenswerte Premiere, die letzte unter der Intendanz Wulf Konolds, in der Tara Venditti als Olga und Teresa Erbe als Amme sowie eine ausgezeichnete Chorleistung weitere Glanzpunkte setzten. Der neue Chef Peter Theiler hat mit seinem Spielplan für die kommende Saison (eröffnet wird sie mit Berlioz’ "Benvenuto Cellini") schon erste interessante inhaltliche Schwerpunkte gesetzt. Ob sich die Nürnberger Staatsoper unter seiner Führung von einem qualitativ gediegenen zu einem künstlerisch wirklich spannenden Ort des Musiktheaters entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Das Potenzial ist zweifellos vorhanden.

 

Von Juan Martin Koch
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