Mittwoch, 18. Juli 2018
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Ein Frauenabend mit Beatrix Doderer in der Neuen Welt

Schauspielerin sucht sich selbst

Ingolstadt
erstellt am 09.01.2018 um 19:10 Uhr
aktualisiert am 14.05.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) "Ich bin Hochkultur" - so beginnt Beatrix Doderer ihren feurig-emanzipatorischen Kabarettabend "Kurz vor der Hochzeit und schon Witwe". Wie passt das zusammen? Werden Literatur und Musik der vergangenen Jahrhunderte doch nur von berühmten Männern wie Goethe, Brecht und Verdi bestimmt.
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Ingolstadt: Schauspielerin sucht sich selbst
Wortgewaltige Wahlmünchnerin: Beatrix Doderer gastiert in der Neuen Welt. - Foto: Wirtz
Ingolstadt

Und was ist Hochkultur überhaupt? Die zierliche Blondine zeigte es ihren Zuschauern am Montagabend in der Neuen Welt.

Spielte Beatrix Doderer zu Beginn ihrer Karriere noch in festen Ensembles auf großen deutschen Bühnen, kann sie dem Theater trotz des Genrewechsels ins Kabarett auch heute noch nicht abschwören: Ihre Rolle ist ebenfalls eine Schauspielerin - jedoch eine alternde, die von einem finanziellen Zuschussprogramm des Arbeitsamtes für Randgruppen in der Selbstständigkeit abhängig ist. Ein Beauftragter des Amtes, der "Cheezy", soll ihre Auftritte kontrollieren, denn nur für Lacher aus dem Publikum gibt es die Zuwendungen. "Mach doch mal 'ne Pointe", rät er. Doch solange er nicht in der Neuen Welt aufgetaucht ist, kann Beatrix Doderer ihren Zuschauern noch die Leckerbissen der Hochkultur vorstellen, die ihr besonders am Herzen liegen.

Also präsentierte sie einen "Abend über Frauen, Literatur und Humor". In einem unaufgeregten, schwarzen Kleid und doch mit silberfarbenen Glitzer-Stiefeletten hat sie es als selbstständige Schauspielerin nicht leicht: Sie muss sich in der Gesellschaft beständig ihren Platz erkämpfen, sie kann sich kaum noch auf jemanden verlassen, sie muss sich in Ensembles mit anderen um die besten Szenen streiten, und wenn endlich ein Casting ausgeschrieben ist, wird sie ganz manisch und erntet für die in rotes Licht getauchte Darstellung dieser Phase im Berufsleben viel Applaus. Die einzige Lichtfigur in dem alltäglichen Kampf ist die liebenswürdige Annika, die sich als Freundin von Pippi Langstrumpf neben jener durchzusetzen weiß.

Und so geht die wilde Fahrt durch die Zeit an bedeutungsvollen Frauen in Literatur und Geschichte weiter. Immer wieder trägt sie dabei Textausschnitte aus Büchern oder Aufführungen vor über Moral und die Wichtigkeit von Frauen, Ängste und das Alter von Berthold Brecht, Virginia Wolf oder Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg. Diese soll als erste Frau 1557 einen Ratgeber für Witwen veröffentlicht haben. Denen hat sich Beatrix Doderer ohnehin verschrieben, denn sie sei "Witwe aus Leidenschaft". Die Eröffnung zahlreicher Erzählstränge wird nun immer weiter fortgeführt von Witwe Bolte über Maike Kohl-Richter und Fjodor Dostojewskis Witwe in "Schuld und Sühne" bis zu zahlreichen Johannas von der "Heiligen Johanna der Schlachthöfe" bis zu Jeanne d €˜Arc, und ein Seitenhieb auf Harvey Weinstein darf bei der wortgewandten Emanze natürlich nicht fehlen. Bis man schließlich nicht mehr weiß, wo die Schauspielerin eigentlich sich selbst sieht. Gerade die schwammige Struktur des Abends macht vielleicht die innere Zerrissenheit aus.

Die Wahlmünchnerin bietet ein anspruchsvolles Programm in hohem Tempo, überladen mit Exemplaren an starken Frauen aus der Literatur und sagt der Männerdomäne damit den Kampf an. Ihre Vergangenheit aus der Zeit als Schauspielerin ist unverkennbar, dieses Fach überstrahlt deutlich alle anderen zahlreichen Leistungen, die sie auf der Bühne vollbringt.

Als Figur will sie Nischen füllen - zum Beispiel mit einem Kabarettabend auf Arabisch - und als Beatrix Doderer selbst möchte sie das mit ihrem Programm über weibliche Figuren der Hochkultur wohl auch. Während sich die Rolle auf ihrer Findungsreise bis nach Andalusien begibt, bleibt die Frage offen, ob sie sich selbst auch noch in einer künstlerischen Findungsphase befindet.

Von Katharina Wirtz
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