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Uraufführung "Die Georgier": Ein Theaterstück erzählt berührend, wie die Musiker das Georgischen Kammerorchesters nach Ingolstadt kamen

Die zweite Heimat

Ingolstadt
erstellt am 16.11.2016 um 20:14 Uhr
aktualisiert am 18.03.2017 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Einen Moment lang brandet unerwartet Beifall im Publikum auf. Kathrin Wunderlich spricht als Georgierin von ihrem Verhältnis zu den Einheimischen. Und dann sagt sie die entscheidenden Worte: Die Georgier seien doch irgendwie auch inzwischen Ingolstädter geworden.
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Ingolstadt: Die zweite Heimat
Mit Koffern und Geigen: Szene aus dem Dokumentarstück "Die Georgier" mit Ingrid Cannonier, Jan Gebauer, Péter Polgár und Sebastian Witt. Im Hintergrund spielen ehemalige Mitglieder des Georgischen Kammerorchesters. - Foto: Klenk
Ingolstadt

Der Applaus im Ingolstädter Festsaal ist eine Demonstration. Ein Eingriff der Realität in die Scheinwelt des Theaters. Er sagt: Ja, wir Ingolstädter heißen euch willkommen in unserer Stadt. Ihr gehört jetzt dazu.

Ein berührender, magischer Augenblick, der all das verdichtet, wovon das Theaterstück des Göttinger Künstlerkollektivs Werkgruppe2 handelt. Die Theatermacher waren nach Ingolstadt gekommen, um das Drama "Die Georgier" zusammen mit den Orchestermitgliedern zu entwickeln.

Denn darum geht es in der Inszenierung von Julia Roesler: um gelungene Integration.

Die Eingemeindung des Georgischen Kammerorchesters, das vor 26 Jahren in die Stadt kam, verlief letztlich so reibungslos, dass man darüber die Bücher zusammenklappen könnte, um die ganze Sache zu vergessen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn seine Heimat zu verlassen ist eigentlich immer ein Drama. Ein Ereignis mit unzähligen kleinen Mini-Tragödien und -Komödien. Julia Roesler sowie die Dramaturginnen Rebecca Reuter und Silke Merzhäuser haben Interviews mit fast allen Ingolstädter Georgiern zu diesem Theaterwerk verdichtet. Fünf Schauspieler spielen die Emigranten, ein "echtes" Georgier-Quintett mit Victor Konjaev, Lia Chkhartishvili, Vitali Sikarulidze, David Tsadaia und Tamaz Lomidze macht dazu Musik (musikalische Leitung: Nika Shamugia).

Das Stück handelt von stolzen Flüchtlingen, die nicht Flüchtlinge genannt werden wollen. Die am Anfang des Stücks wie ratlose, schlecht gekleidete Außerirdische, ausgespuckt von einer rostigen Berggondel; im Festsaal umherirren (Ausstattung: Charlotte Pistorius). Und als Erstes zu ihren Instrumenten greifen, als könnten sie damit ein wenig Heimat in die Fremde herüberretten. In dem Georgier-Stück geht es niemals um Einzelschicksale. Dafür aber um einzelne Geschichten, Erlebnisse, Episoden. Sie passen mehr oder weniger zusammen, drücken die Pluralität der Standpunkte aus. So wird von der universalen Macht der Musik erzählt, die viel verbindender ist als alle Sprachen. Von den Musikinstrumenten, vom Zwang zur Perfektion und der Sehnsucht, sich zu verweigern, vom Glück, in diesem Orchester zu spielen, vom Stolz auf Konzertreisen in fast alle Weltgegenden. Die Georgier berichten vom legendären Bürgermeister Peter Schnell, dem sie am liebsten ein Denkmal bauen würden, von "einem großen Mann", Karl-Heinz Rumpf von Audi, der sie geholt hat und der später bei einem Tsunami umkam. Auch von Ausländerfeindlichkeit in Ingolstadt ist die Rede. Von Nachbarn, die einen nach Sibirien wünschen, weil sie selbst keine Arbeit finden. Das geht ihnen nahe.

Und sie sind überwältigend dankbar gegenüber den Ingolstädtern. Regisseurin Julia Roesler lässt deshalb die Georgier-Darsteller, einen nach dem anderen, an ein Rednerpult treten, auf dem steht: "Herzlich willkommen in Ingolstadt". Sie stammeln da von der schönen Stadt, den Straßen ohne Schlaglöcher, den Behörden, die wirklich funktionieren, von der historischen Altstadt, von Audi. Wie großartig alles war. Eine Szene, berührend und peinigend fast, wenn da nicht auch andere Töne wären: dass Ingolstadt damals fast ein kulturloses Dorf gewesen wäre.

Und natürlich erscheint Liana Issakadze, die große Geigerin und Dirigentin, die das Orchester 1990 nach Ingolstadt gebracht hat. Ein Superstar der Selbstinszenierung. Das Orchester spielt Vivaldis "Vier Jahreszeiten", erst schnell, dann immer langsamer. Denn die große Künstlerin will nicht auftreten. Dann erscheint sie dennoch. Überirdisch aufgetakelt, ein leuchtender Star im funkelnden Kleid und gleich multipel, von fünf Schauspielern verkörpert, die Zigarette immer stilbewusst im Mundwinkel. Es war eine Ehre, mit ihr zu arbeiten, erzählen die Musiker-Darsteller. Sie war so übergroß, da wird ihr alles verziehen. Für sie gelten andere Gesetze.

Die fünf Schauspieler machen ihre Sache grandios. Sie sind tief eingetaucht in den Charakter der Georgier, imitieren perfekt deren Ausländerdeutsch mit den harten Konsonanten und den fehlenden Artikeln. Katrin Wunderlich verströmt überschäumend südländische Lebensart, wenn sie durch die Zuschauerreihen hastet und begeistert Fotos verteilt, während Jan Gebauer mürrischen Blickes ungewohnte Situationen meistern will und manchmal die Welt nicht mehr versteht. Ingrid Cannonier zerlegt mit trockenem Witz ein Ehrenblumensträußchen, Péter Polgár verliert vor lauter Begeisterung und Glück fast die Macht über seine dauergrinsenden Gesichtszüge. Und Sebastian Witt ist zuständig für die kleinen Verzweiflungen.

Am Ende sitzen die Georgier wieder da, wie man sie kennt, in Abendrobe, diszipliniert, auf den Einsatz wartend. Ein ganz besonderes Orchester. Mit einem unverwechselbaren Klang. Und einer einzigartigen Geschichte.

Weitere Vorstellungen am 28. und 30. November sowie am 12. und 19. Dezember im Festsaal des Theaters.

Von Jesko Schulze-Reimpell
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