Sonntag, 18. November 2018
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Für seine skurrile Ermittlerin "Tante Poldi" hat Mario Giordano Anleihen bei eigenen Familienangehörigen genommen

"Ich habe ein zwiespältiges Verhältnis zu Sizilien"

Pfaffenhofen
erstellt am 21.10.2018 um 18:25 Uhr
aktualisiert am 21.10.2018 um 18:36 Uhr | x gelesen
Pfaffenhofen (DK) Er schreibt Kinderbücher und "Tatort"-Drehbücher.
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Und mit seinem Vatikan-Thriller "Apocalypsis" und seinen "Tante Poldi"-Krimis stürmte er die Bestsellerlisten: Mario Giordano gehört zu den vielseitigsten deutschen Unterhaltungsautoren. Am Samstag, 27. Oktober, liest er in Pfaffenhofen aus seinem aktuellen Roman "Tante Poldi und der schöne Antonio".


Herr Giordano, wie sind Sie auf so eine skurrile Heldin wie die Tante Poldi gekommen? Sie ist über 60, hält sich bei Alkohol und Männern nicht zurück, ist moralisch ein bisschen zweifelhaft - warum wollten Sie so eine Protagonistin?

Mario Giordano: Man sucht als Autor natürlich genau nach solchen Figuren mit Ecken und Kanten. Nichts ist langweiliger als allzu stromlinienförmige Protagonisten. Im Falle der Poldi war es so: Ich hatte so eine Tante. Die hieß Poldi und wanderte mit 60 Jahren nach Sizilien aus, um sich - wie wir alle dachten - totzusaufen. Das hat sie auch geschafft. Sie war eine glamouröse, beeindruckende Persönlichkeit. Wir haben sie alle geliebt. Eigentlich hatte ich gar nicht so viel Kontakt zu ihr, aber als ich dann über diesen Stoff nachdachte - ich wollte immer über Sizilien schreiben, wusste aber nicht, wie ich anfangen sollte -, fiel mir die Poldi ein. Mit ihr könnte so ein heiterer Krimi funktionieren, dachte ich. Natürlich habe ich die Poldi nach meiner Fantasie gestaltet. Aber die Perücke gab es tatsächlich.


Die ominöse Perücke, ohne die die Poldi nie zu sehen ist. Wussten Sie denn, was drunter ist?

Giordano: Niemand wusste es. Aber gerade das Geheimnis darüber ist doch meist viel aufregender als die Enthüllung. Berührend ist jedenfalls, dass mitunter ehemalige Nachbarn, Freunde oder Kollegen von Tante Poldi die Bücher entdecken, sie mit meinem Namen in Verbindung bringen und mir dann schreiben: Ja, so war sie. Obwohl ich sie ja gar nicht richtig kannte und ganz schön dick auftrage. "Dezenz ist Schwäche" ist mein Motto für die ganze Reihe.
 
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Die Poldi hat sich ihren bairischen Dialekt auch in Italien bewahrt. Warum? Ist das nicht schwierig für Leser, die des Bairischen nicht mächtig sind?

Giordano: Ich finde, dass ein Dialekt viel über eine Persönlichkeit aussagt. Für die Poldi habe ich so ein Kunstbairisch erfunden. Man muss diesen leichten bairischen Slang, diese Tonalität im Kopf haben, wenn man's liest. Bei mir funktioniert das mit wenigen Grundregeln: Ich ist immer I. Dann gibt es ein paar Apostrophe. Und: Sie sagt oft "mei" und "fei" und "gell". Das reicht aber auch, um die Poldi bairisch reden zu hören - sogar wenn man es nicht selbst spricht.


Sie haben Wurzeln in Sizilien. Inwiefern speisen sich denn die Poldi-Romane aus der Realität?

Giordano: Niemals privat, immer persönlich, lautet eine feste Regel beim Schreiben. Mein Privatleben ist viel zu langweilig, um es zu thematisieren, es muss aber immer emotional sein. Die Gefühle müssen wahrhaftig sein. Bei der Poldi habe ich diese Regel allerdings ein bisschen gebrochen. Die anderen Tanten, die vorkommen, sind schon an die Tanten in Sizilien angelehnt. Es gibt den verrückten Onkel. Der Ort Femminamorta existiert. Valerie, die im Buch Anfang 30 ist, ist in Wirklichkeit inzwischen 86. Ich habe mich ein wenig bedient bei Leuten, die ich kenne, und natürlich bei Geschichten, die mir zugetragen werden. Ich habe in Sizilien meine gesamten Schulferien verbracht, und bin heute noch sehr oft dort. Ich habe ein zwiespältiges Verhältnis zu dieser Insel - sie ist mir vertraut und gleichzeitig fremd.


Da gibt es auch noch einen Neffen, der Schriftsteller werden will. Hat der Züge von Ihnen?

Giordano: Eigentlich wollte ich ja eine echte Familiensaga schreiben: Eine Geschichte, die etwa 1910 mit meinem Urgroßvater beginnt, der tatsächlich nach München emigriert ist, um einen Südfrüchtegroßstand zu eröffnen, weil er Land hatte in Sizilien - und damit reich geworden ist. Ich wollte den ganz großen Wurf: drei Generationen - politisch, abenteuerlich, fantastisch. Gut 15 Jahre habe ich damit rumgezackert, bis ich kapiert habe: Was mir fehlt, ist eine Hauptfigur, eine Handlung, eine Erzählperspektive - also alles. Irgendwann habe ich versucht, es mehr an mir zu orientieren, es lustig zu machen, mich im Krimi-Genre zu bewegen, womit ich mich ein bisschen auskenne. Als ich mich von dieser Last des Familienromans befreit hatte, wurde plötzlich alles ganz leicht. Da ist der Neffe vielleicht so etwas wie eine kleine Reminiszenz.

 
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Sie haben mit Kinderbüchern angefangen. Wann und warum kam der Wechsel ins "Erwachsenenfach"?

Giordano: Ich habe mit Kinderbüchern angefangen, weil ich das Gefühl hatte, da kann ich munter fabulieren - und muss nicht die Rettung der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts sein. Dann kamen Jugendbücher und erste Arbeiten für das Fernsehen. Und: Ich hatte diesen Stoff, der auf dem Stanford-Prison-Experiment von 1971 basierte. Mit "Das Experiment" fing eigentlich das Schreiben für Erwachsene an. Prinzipiell sehe ich aber erzählerisch zwischen den Zielgruppen keinen so großen Unterschied: Alle wollen spannende, berührende Geschichten.


Für ein gutes Kinderbuch gelten Ihres Erachtens also die gleichen Regeln wie für ein gutes Erwachsenenbuch?

Giordano: Natürlich. Ich halte es da mit Voltaire: "Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige. "


Sie haben nicht nur die Romanvorlage geliefert, Sie haben für den Psychothriller "Das Experiment" auch das Drehbuch verfasst. Wie sind Sie denn überhaupt auf das Stanford-Prison-Experiment gestoßen?

Giordano: Da stößt man unweigerlich drauf, wenn man Psychologie studiert. Denn Philip Zimbardo, der dieses Experiment 1971 zur Erforschung menschlichen Verhaltens unter den Bedingungen der Gefangenschaft durchgeführt hat, hat auch das große Standardwerk zur allgemeinen Psychologie verfasst - und da steht das drin. Ich habe damals noch gar nicht geschrieben, aber gleich verstanden, dass das ein super Thriller-Stoff ist. Einer, der sich noch dazu mit deutscher Geschichte verbindet, einmal natürlich mit dem Deutschen Reich, aber auch mit der deutschen Nachkriegsgeschichte, wenn man an den Umgang mit den RAF-Gefangenen in Stammheim denkt. Aber damals, Anfang der 90er-Jahre, war ich überzeugt davon, dass das Thema in Buch- oder Filmform schon bearbeitet worden war. Weil das aber nicht der Fall war, habe ich mich später drangewagt.


Was ist aus dem Psychologiestudium geworden? 

Giordano: Habe ich abgebrochen kurz vor dem Diplom. Da hatte ich schon mein erstes Buch veröffentlicht und diverse Drehbücher geschrieben. Wenn sich der Lebenstraum gerade verwirklicht - dann fällt die Entscheidung leicht.


Sie schreiben auch Drehbücher u. a. für den "Tatort" oder "Polizeiruf 110". Wie unterscheidet sich diese Arbeit von der des Romanciers?

Giordano: Sie unterscheidet sich grundlegend dadurch, dass Drehbuchschreiben ein arbeitsteiliger Prozess ist. Da spricht man in allen Phasen - von der allerersten Idee übers Expose und mehrere Drehbuchfassungen - immer mit den beteiligten Playern, also Produzent, Redaktion, Regie, muss sich mit Leuten auseinandersetzen und eine Menge Kompromisse machen. Einen Roman hat man ganz für sich. Da bin ich frei.


Gibt es neue Projekte?

Giordano: Es gibt ein paar, über die will ich aber noch nicht reden. Auf jeden Fall wird Tante Poldi viel zu tun bekommen. Band vier kommt im Frühjahr auf den Markt. Und im Februar setze ich mich dann an Tante Poldis fünften Fall.


Die Fragen stellte Anja Witzke.

Mario Giordano liest am Samstag, 27. Oktober, um 20 Uhr im Haus der Begegnung in Pfaffenhofen.