Dienstag, 18. September 2018
Lade Login-Box.

Den alten Nürnberger Umladehallen droht der Abriss - Schau im Museum Industriekultur soll bei der Rettung helfen

Kein Vergessen im Süden

Nürnberg
erstellt am 09.03.2018 um 16:01 Uhr
aktualisiert am 27.03.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Nürnberg (HK) Die imposanten Umladehallen auf dem ehemaligen Rangierbahnhof sollen schon bald Platz machen für den neuen Stadtteil "Lichtenreuth" in Nürnberg. Den drohenden Kahlschlag mit der Abrissbirne verhindern will die aktuelle Ausstellung "Vergessen im Süden" im Museum für Industriekultur.
Textgröße
Drucken
Nürnberg: Die Güterhallen in der Brunnecker Straße sollen einem Retortenstadtteil weichen, dagegen sensibilisiert die Ausstellung.
Die Güterhallen in der Brunnecker Straße sollen einem Retortenstadtteil weichen, dagegen sensibilisiert die Ausstellung.
Pelke
Nürnberg

Kalt pfeift der Wind durch die offenen Hallen. Sanft fällt das Licht durch die hohen Decken. Hinter hohem Gestrüpp im Süden der Stadt verstecken sich die historischen Bahnhallen, in denen einst Güter im großen Stil von einem auf den anderen Zug umgeladen worden sind. Schon bald sollen die alten Umladehallen einem neuen Stadtteil weichen. Gegen das "Vergessen im Süden" wendet sich die gleichnamige Ausstellung im Museum für Industriekultur in Nürnberg.

Die "Kathedralen der Technik" erhalten wollen verschiedene Vereine und Initiativen, die sich der Wahrung der Stadtbildes gewidmet haben. Brigitte Sesselmann, Elmar Hönekopp und Wolf Hergert sind sich sicher, dass die ehemalige Arbeiterstadt schon zu viele ihrer hervorragenden Industriebauten verloren hat. Gemeinsam wollen die Ausstellungsmacher verhindern, dass die imposanten Umladehallen am ehemaligen Südbahnhof sang- und klanglos aus dem Stadtbild verschwinden. "Wir wollen eine Debatte um die Zukunft der Hallen entfachen", kündigt Wolf Hergert vom Verein "Geschichte für Alle" bei der Eröffnung der Ausstellung an. Der geplante Abriss der Hallen sei ein Jammer. Die bevorstehende Neubebauung des rund 90 Hektar großen Geländes mit einem "Retortenstadtteil" halten die Aktivisten für die falsche Entscheidung.

Ins Zentrum der Ausstellung rückt die Ausstellung deshalb einen Gegenentwurf, mit dem die ehemaligen Bahngüterhallen reaktiviert werden könnten. In seiner Diplomarbeit hat Jan Müller, ein junger Architekt aus Nürnberg, Vorschläge zum Erhalt der historischen Hallenarchitektur gemacht. Unter der Überschrift "Urbane Ressourcen" schlägt Müller vor, die alten Bahnhallen wiederzubeleben und aus den imposanten Anlagen mit Kunst, Kultur und Lifestyle eine Attraktion für den neuen Stadtteil zu schaffen. Anhand von Plänen und Modellen zeigt Müller seine Zukunftsvision für die vom Abriss bedrohten Güterhallen. "Meiner Meinung nach ist es wichtig, Industriebauten als bedeutende urbane Ressourcen zu sehen, um mit der Substanz und der Geschichte nachhaltig umzugehen", schreibt Müller in seiner Studienarbeit und schwärmt von der unverwechselbaren Hallenkonstruktion mit ihrer besonderen Atmosphäre und dem einzigartigen Raumgefühl. Gleichzeitig verweist Müller auf Beispiele in anderen Städten wie Paris oder Oslo, wo aus alten Hallen moderne Treffpunkte entstanden sind.

Apropos Treffpunkt: Seit der Stilllegung der überdachten Gleisanlagen im Jahr 1998 haben zahlreiche Künstler die verwaisten Industriekathedralen für sich entdeckt. Davon zeugen bis heute zahlreiche bunte Graffiti an den Wänden. Besonders angezogen fühlten sich auch die Fotografen, die zwischen dem Gestrüpp die vor sich hinrostende Bahngeschichte mit der Kamera dokumentierten. Auch von dieser Geschichte erzählt die Ausstellung in großformatigen Bildern der beiden Fotografen Martin Kopp und Georg Lang eindrucksvoll. Die Museumsbesucher können sich sogar ein Musikvideo ansehen, das in den "heiligen Hallen" des Schienengüterverkehrs entstanden ist. Zusätzlich erfährt der Besucher alles über die Entstehungsgeschichte und die wirtschaftliche Bedeutung des Rangierbahnhofes als strategisches Logistikzentrum in Süddeutschland, das nicht zuletzt deshalb während des Zweiten Weltkrieges massiv bombardiert worden ist. Sogar Bahnfreunde werden mit Details über den Gefällebahnhof mit seinen zuletzt elf Gleisen beglückt, der seinerzeit zu den weltweit größten und leistungsfähigsten Güterbahnhöfen zählte. Dabei ist es den Machern der Ausstellung wichtig zu betonen, dass es sich bei den filigranen Bauwerken nicht um NS-Bauten handelt.

Die Schau tritt schlussendlich unmissverständlich dafür ein, die Hallen vor der Abrissbirne zu retten. Die Chancen dafür scheinen denkbar schlecht zu stehen. Der Eigentümer des Areals, das Immobilienunternehmen Aurelis, will den neuen Stadtteil ohne die alten Umladehallen aus dem Boden der Industriebrache stampfen. "Ein Erhalt der Hallen würde eine Vielzahl von Problemen aufwerfen", sagt eine Firmensprecherin auf Anfrage unserer Zeitung. Bislang gebe es außerdem "keinen tragfähigen und zu Ende gedachten Vorschlag". Auch der Denkmalschutz hätte kein Interesse an den Hallen.

Gegen den wohl bald bevorstehenden Abriss mit Plakaten auf die Barrikaden gehen wollen die Ausstellungsmacher übrigens nicht. Denn einen Hoffnungsschimmer haben die Freunde der Bahnhallen noch. Mit dem geplanten Bau einer Universität an der Brunecker Straße könnten die alten Hallen neu ins Blickfeld geraten. Bereits gelungen ist den Machern der Ausstellung im Museum für Industriekultur, die noch bis zum 22. April zu sehen ist, eine Debatte über die Sinnhaftigkeit der Abrissbirnenpolitik in Nürnberg entfacht zu haben.

Informationen zur Ausstellung im Industriemuseum gibt es unter http://www.museen.nuernberg.de/museum-industriekultur. Der neue Eigentümer stellt seine Pläne für den Stadtteil "Lichtenreuth" unter www.lichtenreuth.de vor.

Nikolas Pelke
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!