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Missbrauch durch Kleriker: Vorermittlungen nach Anzeige von Juraprofessoren auch in der Region

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Ingolstadt
erstellt am 06.11.2018 um 22:04 Uhr
aktualisiert am 22.11.2018 um 03:34 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Einen Anstoß wollten sechs Juraprofessoren geben, als sie jetzt Strafanzeige wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch Mitglieder der katholischen Kirche erstatteten. Mehrere Staatsanwaltschaften auch in der Region Ingolstadt sind in dieser Sache nun tätig, meist aber schon seit Längerem. "Man muss uns nicht zum Jagen tragen", hieß es.
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Die Rechtsexperten nehmen in der Strafanzeige vom 26.Oktober Bezug auf eine seit September bekannte, von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Studie zu Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Demnach sollen sich mindestens 1670 katholische Kleriker des Missbrauchs an 3677 Minderjährigen schuldig gemacht haben, so der Verwurf. Konkrete Täter sind darin nicht benannt. Verdachtsfälle im Verbreitungsgebiet unserer Zeitung gibt es in den Diözesen Augsburg, Eichstätt, München und Freising sowie Regensburg. Die Anzeige sollte "einen "Stein ins Rollen bringen".

Ist das gelungen? "Die Strafanzeige ist bei uns eingegangen, und wir prüfen das im Rahmen von Vorermittlungen", bestätigte Nicolas Kaczynski von der Staatsanwaltschaft Ingolstadt, räumlich zuständig für Bereiche der Bistümer Eichstätt, München-Freising, Regensburg und Augsburg, unserer Zeitung. Mehr lasse sich im Moment nicht sagen. Ausführlicher geht Markus Pfaller von der Staatsanwaltschaft in Regensburg auf die Anfrage ein. "Wir haben schon deutlich vor Bekanntwerden der Studie reagiert", sagte er. Mit ihr allein lasse sich kein Verfahren beginnen, sie sei zu wenig konkret. "Juristisch gesehen brauchen wir klare Angaben: Wer hat was, wann, wie oft und mit wem gemacht? Deshalb laufen Vorermittlungen, um weitere Informationen zu erhalten. Unser Ziel ist es, alles abzuarbeiten, wovon wir Kenntnis bekommen." Die Regensburger Behörde sei schon früher mit solchen Verfahren in der Kirche befasst gewesen.

Matthias Nickolai von der Staatsanwaltschaft in Augsburg äußert sich im Tenor ähnlich, auch er bestätigt den Eingang der Anzeige. "Es ist aber nicht so, dass hier bisher nichts passiert wäre", da hätte es nicht dieses Anstoßes bedurft. Man habe das durchaus im Blick und prüfe, welche Handlungsmöglichkeiten es gebe. Er verweist zudem auf ein Schreiben der Generalstaatsanwaltschaften an alle Bistümer verbunden mit dem Appell, intern bekannt gewordene Missbrauchsfälle zu melden. Antje Gabriels-Gorsolke von der Nürnberger Staatsanwaltschaft berichtete ebenfalls von bereits länger laufenden Ermittlungen. "Aber wir werden natürlich auch tätig, wenn es neue Hinweise gibt", nimmt sie die jetzt erfolgte Anzeige durchaus ernst.

Die Juraprofessoren rennen laut Auskunft der Justizbehörden also quasi (inzwischen) offene Türen ein. Sie hatten, wie berichtet, ihre Strafanzeige am 26. Oktober deutschlandweit bei all jenen Staatsanwaltschaften erstattet, die für die 27 katholischen Bistümer zuständig sind. In der Begründung stellen sie auf elf Seiten dar, dass im Fall des katholischen Missbrauchsskandals ein zwingender Anlass zur Einleitung von Ermittlungsmaßnahmen besteht, "etwa für eine Durchsuchung von Archiven und die Beschlagnahme der vollständigen, nicht anonymisierten Akten". Und weiter: "Es überrascht, wie zurückhaltend Staat und Öffentlichkeit (bislang) mit dem alarmierenden Anfangsverdacht schwerer Verbrechen umgehen." Es gebe für die Kirche und ihre Priester keine grundsätzlichen Ausnahmen von der Strafverfolgung wie etwa bei der Immunität von Parlamentariern oder Diplomaten.

Was sagen die Betroffenen dazu? "Die Diözese Eichstätt informiert seit 2010 grundsätzlich bei jedem Hinweis oder Verdachtsfall die Staatsanwaltschaft. Bei konkreten Vorwürfen oder Anhaltspunkten wird grundsätzlich Anzeige erstattet", hieß es auf Anfrage beim Bistum. Die Diözese Regensburg geht inzwischen ebenfalls offensiv mit dem Thema um. Seit 2002 würden solche Fälle angezeigt, "wir sind jetzt von uns aus auf die Staatsanwaltschaft zugegangen und haben das Gespräch angeboten", lautete die Auskunft. Die Diözese Augsburg hält es ähnlich und verweist unter anderem darauf, "in den vergangenen Jahren seit Bekanntwerden der Missbrauchsfälle 30 Fälle ohne Prüfung der Verjährungsfristen an die Staatsanwaltschaft weitergegeben" zu haben.
Horst Richter
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