Herr Alt, Stadt oder Land: Was sind die Vorteile für ein Kind, was sind die Nachteile?

Christian Alt: So leicht kann man das nicht beantworten, außerdem gibt es noch etwas dazwischen: den Speckgürtel. Schwierig zu beantworten ist auch, was qualitativ besser ist. Aber man kann auf Unterschiede hinweisen. Das Umfeld auf dem Land ist ein anderes, Kinder haben mehr Platz und können eine Art "Tom-Sawyer-Kindheit" leben. Andererseits ist das Angebot an Möglichkeiten in der Stadt größer - von Halfpipes über Kino bis hin zum Schwimmbad. Dafür muss allerdings der Preis bezahlt werden, dass die Stadt eine Umwelt ist, die mit dem Sicherheitsdenken der Eltern kollidiert. Hier passieren mehr Unfälle, die Gefahrenquellen sind höher. Gleichzeitig sind im Laufe der vergangenen Jahrzehnte durch die zunehmende Verdichtung viele Freiräume weggefallen. An deren Stelle sind Jugendzentren und andere Angebote getreten.

Wie wichtig ist die Natur für Kinder?

Alt: Wichtig ist für Kinder, dass sie ihre Neugierde ausleben können. Für manche gehören dazu Ameisen für andere sind es Einkaufszentren. Wenn die Neugierde nicht in der Natur gestillt werden kann, wird sie anderweitig abgedeckt - wie sich manche Sechs- oder Siebenjährigen heutzutage im Internet bewegen, ist für Erwachsene ein echtes Phänomen. Daneben ist es faszinierend zu beobachten, dass Kinder Weltmeister im Glücklichsein sind. Sie machen immer das Beste aus der Umwelt, in der sie sich befinden und holen das Optimum aus ihren Lebensbedingungen heraus. Kinder im zerbombten Syrien spielen zwischen den Trümmern - wobei klar ist, dass das keine kinderfreundliche Umwelt ist.

Auf dem Land haben Kinder oft mehr Platz zum Spielen.

Alt: Wichtig ist nicht zwangsläufig, wie viel Platz Kinder haben, sondern wie viele Freiräume ihnen von den Eltern gewährt werden. Kinder wollen selbst etwas initiieren, aus einer Eigeninitiative heraus etwas in Angriff nehmen können. Das Einräumen dieser Autonomie fällt Eltern nicht immer leicht. Über das Handy versuchen sie heutzutage die Kontrolle über ihre Kinder ausüben. Da ist manchmal schon die Hölle los, wenn man zehn Minuten zu spät nach Hause kommt.

Wie wichtig sind zig verschiedene Freizeitangebote - von Kinderyoga über Violine bis Fußball?

Alt: Viel kennenzulernen regt kognitive Prozesse an, das ist gut. Kinder sind von Anfang an Allrounder und probieren viel aus. Später, in der Pubertät, kristallisiert sich heraus, wo die individuellen Talente liegen und was ihnen besonders Spaß macht. Je gößer das Freizeitangebot, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder etwas für sie passendes finden. Es gibt aber auch "vererbte Vorlieben". Wenn die ganze Familie zum Beispiel bei der Freiwilligen Feuerwehr dabei ist, gehen die Kinder ganz automatisch auch diesem Hobby nach. Wenn in der Folge Kinder oder Jugendliche in Vereinen aktive Posten übernehmen oder sich als Schulsprecher oder ähnliches engagieren, wirkt sich das positiv auf ihre soziale Kompetenz aus.

Die Fragen stellte Verena Belzer.

ZUR PERSON

Christian Alt (64) ist promovierter Soziologe und arbeitet als Projektleiter für eine Kinderbetreuungsstudie am Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München. DJI