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Zwischen Wut und Enttäuschung

erstellt am 18.05.2010 um 22:02 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 07:48 Uhr | x gelesen
Schrobenhausen/Eichstätt (DK) Es ist ein kleines Fragezeichen, hastig mit einem Kugelschreiber hingeschmiert. Ein kritischer Zeitgenossen hat es hinter die Abkürzung "Hwst." – für hochwürdigster – vor den Namen von Bischof Walter Mixa gesetzt. Das Fragezeichen prangt auf der Werbetafel für die Übernahme von Partnerschaften für die Orgelpfeifen in der Schrobenhausener Stadtpfarrkirche St. Jakob. Und es spricht Bände über die Stimmung in der Stadt, in der der inzwischen zurückgetretene Augsburger Bischof mehr als 20 Jahre lang gewirkt hat.
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Die Orgelweihe im Juli vergangenen Jahres hatte Mixa, seit 2005 Bischof von Augsburg, natürlich persönlich übernommen. Damals war er noch ein angesehener Geistlicher. Nach Bekanntwerden der den Prügelvorwürfe ehemaliger Kinder aus dem Schrobenhausener Kinderheim und den Untreuevorwürfen im Umgang mit den Geldern der Waisenhausstiftung hat sich das Bild des 69-Jährigen grundlegend gewandelt.

 
So richtig laut üben aber auch in Schrobenhausen die wenigsten Kritik. Das Thema wird meist im kleinen Kreis diskutiert. Der ältere Herr, der draußen an der Kirche mit seinem Rad vorbeifährt, sagt kurz: "Für mich ist Mixa gestorben." Zwar sei er der Kirche immer kritisch gegenübergestanden, so der 82-Jährige, aber "zum Stadtpfarrer Mixa hatte ich trotzdem einen guten Draht". So habe ihm der Stadtpfarrer in den 80er Jahren, "als ich überraschend meine Arbeit verloren habe", ganz schnell eine neue Anstellung verschafft. "Das war eine Selbstverständlichkeit für ihn."

Als jedoch die ersten Misshandlungsvorwürfe laut geworden seien und Mixa mit Drohungen und der Mitteilung "mein Herz ist rein" reagierte, habe ihn das "sehr erstaunt", sagt der ältere Herr. Mixa habe taktiert und als er schließlich unter dem Druck der Anschuldigungen eingestanden habe, einigen Watschn verteilt zu haben, "ist das Fass für mich übergelaufen". Nicht zuletzt der jüngste Bericht von Sonderermittler Sebastian Knott habe ihn endgültig überzeugt: "Mixa hat geprügelt und er ist ein Lügner."

Ingrid Stark kann sich das nicht vorstellen. Die agile 71-Jährige hat über viele Jahre das Pfarrbüro in Schrobenhausen für Mixa geleitet. "Das ist nicht der Doktor Mixa, den ich kenne", sagt sie bestimmt. Sie betont den Doktortitel, auf den auch Mixa selbst stets großen Wert gelegt habe. Das Glückwunschschreiben Mixas zu ihrem 60. Geburtstag liegt auf dem Tisch in ihrem Wintergarten, draußen vom Garten hat man einen Blick auf den Kirchturm. Mixa bedankt sich auf einem Papier mit dem Siegel des Bischofs von Eichstätt für die lange und fruchtbare Zusammenarbeit. Der Brief verrät auch den großen Respekt und die tiefe Dankbarkeit, mit der Mixa auf das Engagement seiner Mitarbeiterin und Vertrauten zurückschaut. "Das ist Doktor Mixa, wie ich ihn in Erinnerung habe", sagt Ingrid Stark. Er sei ihr stets mit Hochachtung begegnet, "wie allen Menschen, mit denen er zu tun hatte." Auch wenn es durchaus hin und wieder "Zoff gab", weil er wieder eine zusätzliche Aufgabe übernommen habe, die die genau austarierten Planungen im Pfarrbüro über den Haufen geworfen hätten.

Mixa sei für jeden Unsinn zu haben gewesen, erinnert sich Stark. Im Fasching habe er sich von den örtlichen Schulschwestern regelmäßig aus dem Theaterfundus ausstatten lassen und sei dann "in den wildesten Kostümen auf den Faschingsbällen der Pfarrei aufgetaucht". Der fröhlichen Ausgelassenheit auf der einen Seite sei auf der anderen Seite eine tiefe Ernsthaftigkeit gegenübergestanden, wenn es um seelische Belange ging. "Er konnte da nach wenigen Sekunden der Sammlung umschalten", fügt Ingrid Stark an.

Als charismatischen Seelsorger haben ihn auch viele seiner Ministranten in Erinnerung. Einer von ihnen ist Christian Gradwohl. Er gehört zu denen, die sich sofort nach Bekanntwerden der Prügelvorwürfe in einem offenen Brief vor Mixa gestellt haben. "Wir haben ihn immer als guten Freund empfunden", sagt Gradwohl. Er könne das Bild, das er von Mixa habe, nicht mit dem in Einklang bringen, das nach den Vorwürfen gezeichnet werde. Er könne sich nicht vorstellen, dass Mixa Kinder im Kinderheim, das nur einen Steinwurf von der Pfarrkirche entfernt liegt, sadistisch verprügelt habe. Und auf der anderen Seite mit den Jugendlichen aus Schrobenhausen und Umgebung halb Europa bereist habe. "Ich war ihm dafür immer dankbar", so Gradwohl. Seine Eltern hatten ein Geschäft, "die hätten nicht mit mir nach London oder Rom fahren können". Ob er sich heute, nachdem aus den Vorwürfen, Mixa habe geprügelt, Gewissheit geworden ist, wieder öffentlich vor Mixa stellen würde? Gradwohl zögert einen Augenblick. "Er hat gelogen. Trotzdem würde ich wieder einen solchen Brief schreiben. Aber mit anderen Worten. Man muss einfach das Bild dieses Mannes zurechtrücken. Er hat hier viel Gutes getan."

Doch es gibt auch die andere Sicht: Als Mixa sich zum ersten Mal nach Bekanntwerden der Vorwürfe zu Wort meldete und verlautbaren ließ, er habe nie seine Hand gegen Kinder erhoben, brach für einen ehemaligen Ministranten ein Weltbild zusammen: "Er hat mir eine heftige Watschn gegeben, und ich habe sie verdient. Warum steht er nicht dazu, warum lügt er"

Diese Lüge mag ihm auch die ältere Dame aus Eichstätt nicht verzeihen. Sie steht an der Tür zum Dom und hält lächelnd einer Gruppe auf Firmausflug die Türe auf. Vor allem ärgere sie, das "Mixa nichts bereut, sondern immer noch sagt, er habe lediglich einige Watschn ausgeteilt". Mixa ist sie mehrfach persönlich begegnet: "Wir haben uns beim Spaziergehen drunten an der Altmühl getroffen und haben ganz nett geplaudert." Mixa war für sie "ein Bischof zum Anfassen". Das ist der Eindruck, den viele aus den Jahren 1996 bis 2005, als Mixa in Eichstätt wirkte, in Erinnerung haben. Zudem habe ihr sein würdiges Auftreten gefallen, sagte die Frau noch.

Doch genau dieses Auftreten war vielen auch ein Dorn im Auge: "Ich gehe zwar regelmäßig in die Kirche und habe meine Kinder auch so erzogen", sagt ein 56-Jähriger Handwerker, der gerade einen Zementsack auf eine Baustelle am Rand der Eichstätter Altstadt schleppt. "Aber den Mixa habe ich nie gemocht. Der ist immer aufgetreten wie ein Graf, am liebsten hätte er es gehabt, wenn wir vor ihm auf die Knie gefallen wären und seinen Ring geküsst hätten." Als er einmal im Bischofspalais gearbeitet habe, sei auch Mixa gekommen. "Statt einem gescheiten Trinkgeld hat er uns einen Segen gegeben."

Seinen Namen will der Handwerker nicht preisgeben: "Ich hab’ doch gesehen, was mit dem jungen Mann passiert ist, den der Mixa angeblich missbraucht hat. Der ist in den Medien hingerichtet worden." Dass sich Mixa an einem Jugendlichen vergangenen habe, kann sich der Mann nicht vorstellen: "Das war ein Schmarrn."

Ein paar Häuser weiter eine Bäckerei. Neben den Tischchen, an denen die Gäste schnell einen Kaffee trinken können, liegt ein Stapel Zeitungen und Zeitschriften. Obenauf der Eichstätter Kurier. Es ist die Montag-Ausgabe, aufgeschlagen ist der Bayernteil mit der Überschrift "Eine abstruse Vermutung". Es ist die Reaktion von Mixas Anwalt auf die Einstellung der Vorermittlungen wegen sexuellen Missbrauchs. "Ich hab von Anfang an gewusst, dass nix dran ist", sagt eine junge Frau und nippt an ihrem Cappuccino.

Auch Ingrid Stark sieht das so. "Mit diesen Vorwürfen sollte Doktor Mixa endgültig zerstört werden." Man habe ihn loswerden wollen. Natürlich habe Mixa auch Fehler begangen, sagt seine frühere Sekretärin, "dafür hat er gebüßt". Schließlich sei er nicht mehr Bischof.

Josef Beyrer ist Nachfolger Mixas in Schrobenhausen. Das völlige Gegenteil seines schillernden Vorgängers. Er ist ruhig und bemüht sich um Sachlichkeit. Pomp ist seine Sache nicht. Er fühlt sich als Arbeiter im Weinberg des Herrn und er vertritt den Standpunkt, "dass Unrecht benannt werden muss". So hat er die Einsetzung des Sonderermittlers zur Aufarbeitung der Prügel- und Untreuevorwürfe im Schrobenhausener Kinderheim in die Wege geleitet. "Die Menschen in Schrobenhausen halten sich sehr bedeckt", sagt er. Mixa habe viele gute Spuren in der Stadt hinterlassen. Man dürfe ihn weder verteufeln noch heiligsprechen, warnt er. "Die meisten hier müssen sich jetzt neu orientieren und ihre Position zu Mixa überdenken. Das wird noch eine ganze Weile dauern."

Von Christian Fahn
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