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Von Petinmoos zu Pöttmes

erstellt am 17.04.2008 um 20:04 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 07:29 Uhr | x gelesen
Pöttmes (SZ) Regional- und Ortsgeschichten haben immer noch einen schlechten Ruf: langweilig, kleinteilig, detailverliebt, verstaubt. Dass gerade das Gegenteil der Fall ist, zeigt die umfangreiche, zweibändige Geschichte von Pöttmes, die der Historiker Prof. Wilhelm Liebhart herausgegeben hat.
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Das Schloss Gumppenberg vor der Zerstörung 1704 in einem Stich von 1701: Seit dem 13. Jahrhundert sind die Freiherren in der Pöttmeser Geschichte vertreten – bis heute. - Foto: kx
Liebhart hat dabei das schon in seinen Ortsgeschichten von Inchenhofen (1992) und Altomünster (1999) erprobte Konzept übernommen: Ortsgeschichtsschreibung wird verstanden als breit angelegte Vergegenwärtigung der Vergangenheit in multiperspektivischen Blickwinkeln. Erzählt werden nicht nur die politische Geschichte, sondern auch alle Facetten der Sozial-, Kultur-, Wirtschafts-, Kirchengeschichte, aber auch die Natur- und Landschaftsgeschichte.

Dabei ist auch der Brunnen der Pöttmeser Vergangenheit tief, schließlich sind, wie Kreisheimatpfleger Michael Schmidberger darlegt, schon in der Jungsteinzeit (ab 5500) Spuren menschlicher Besiedlung bei Wiesenbach, aber auch auf dem Wagesenberg, belegt. Der Wagesenberg ist im Übrigen eine der für die Vor- und Frühgeschichte des Ortes wichtigsten Fundstätten prähistorischer Zeugnisse. Der Hauptort selbst rückt dagegen erst mit der Römerzeit in den Fokus der Historiker: Am Rudolf-Diesel-Weg fand man Hinweise darauf, dass hier einmal eine villa rustica, ein römischer Gutshof, gestanden hat.

Eher dunkel ist wiederum die Vergangenheit in der Spätantike und im Frühmittelalter, auch weil Grabfunde, eine der Hauptquellen für die Erforschung dieser Zeit, fehlen. Dafür ist für den Wagesenberg schon für die Zeit vor 900 eine Befestigungsanlage nachzuweisen. Um diese Zeit, um 876/883, wird Pöttmes als "Petinmoos" erstmals urkundlich erwähnt. Auf dem Gumppenberg gibt es seit dem 13. Jahrhundert einen Burgstall.

Die Geschichte Pöttmes’ ist nicht nur durch die von Gumppenberg und ihre enge Bindung an das Haus Wittelsbach geprägt (siehe getrennten Bericht), sondern auch durch die markante Lage an den Straßen nach Augsburg, Neuburg, Aichach, Schrobenhausen und Rain am Lech. Was gut für Handel und Handwerk ist – die Pöttmeser Wirtschaftsgeschichte stellt Prof. Wilhelm Kaltenstadler in mehreren Beiträgen dar – ist aber auch gut für Kriegswesen und Militär. Die Folge: "Die Nähe zu Rain am Lech erwies sich Jahrhunderte lang als verhängnisvoll, da über diese Stadt der Einfall feindlicher Heere nach Altbayern südlich der Donau erfolgte" (Liebhart). Pöttmes wurde immer wieder in Mitleidenschaft gezogen, erlebte Scharmützel und Gefechte, vor allem aber den Durchzug von Truppen. Im Schmalkaldischen Krieg 1546 etwa zogen 50 000 Mann durch Pöttmes. Im 30-jährigen Krieg lag der Ort 1632 und 1633 mehrere Monate lang zwischen den Fronten, schwedische Truppen plünderten das Schloss Gumppenberg. Ein gutes Dutzend Jahre später kam es bei Pöttmes zu einem Reitergefecht, bei dem 800 Mann fielen. Die Schwedengasse erinnert noch heute an den großen Krieg, der den Ort wie auch die Familie Gumppenberg arg in Mitleidenschaft zog. Auch in den Napoleonischen Kriegen litten nicht nur Pöttmes, sondern auch Osterzhausen, Gundelsdorf, Schnellmannskreuth, Handzell und Ebenried, wo 1796 etwa 200 Franzosen wüteten. Auch in den beiden Weltkriegen musste Pöttmes Blutzoll zahlen. Dabei war die Zahl der Gefallenen im Ersten Weltkrieg mit 75 höher als im Zweiten (59).

Aber die zwei Bände berichten natürlich beileibe nicht nur von Krieg und Tod: Der Leser erfährt auch alles über die Land- und Forstwirtschaft, Altlandrat Josef Bestler schreibt über Krankenhaus, Altenpflegeheim und Sozialstation, die Geschichte der katholischen und evangelischen Gemeinden ist ausführlich dargestellt, ebenso die Schule und die Kindergärten oder der große Bereich der Volkskultur und des Brauchtums. Wie in jedem der von Liebhart herausgegebenen Heimatbücher werden auch die einzelnen Ortsteile ausführlich porträtiert, Lebensbilder bedeutender Pöttmeser Persönlichkeiten runden die beiden Bände schließlich ab.

Von Berndt Herrmann
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