Schrobenhausen

Vortrag in der Landesgartenschaustadt über eine Gartenstadt

Der Schrobenhausener Franz Josef Mayer und sein Blick auf die Gartenstadt Dresden-Hellerau

23.09.2022 | Stand 23.09.2022, 9:00 Uhr

120 Jahre Leben im Wandel der Zeit – das war das Thema des Vortrags von Franz Josef Mayer im Pfarrsaal. Foto: Floerecke

Von Thomas Floerecke

Schrobenhausen – Dresden-Hellerau, die erste Gartenstadt Deutschlands, gegründet 1909: Naturnahes Wohnen zu sozialverträglichen Bedingungen war einst oberste Prämisse. Doch das ist längst nicht alles. Für Franz Josef Mayer ist Dresden-Hellerau ein aufregendes Kapitel deutscher Kulturgeschichte, ein Gesamtkunstwerk. Und eine Siedlung, deren Name Klang hat, wie er es in seinem einstündigen Vortrag für die Katholische Erwachsenenbildung im Schrobenhausener Pfarrsaal den 20 Zuhörern anschaulich, eindrucksvoll und unaufdringlich näher bringt.

Der Journalist und Buchautor ist Mitte der 80er-Jahre zum ersten Mal durch einen überregionalen Zeitungsartikel auf Hellerau aufmerksam geworden. Und war davon schier begeistert. Wenngleich damals, zu DDR-Zeiten, nicht alle Gebäude erhalten gewesen seien und ein anderes Bild als auf den historischen Aufnahmen von den Anfängen um das Jahr 1900 und der kurzen Blütezeit bis Beginn des Ersten Weltkriegs zu sehen gewesen sei, sagt der Schrobenhausener. Etwa das ungenutzte Festspielhaus als Zentrum des Stadtteils, geplant von Architekt Heinrich Tessenow, gebaut 1911/12 mit vielen Eigenmitteln. Was Mayer daran besonders ansprach: die individuelle Fassade, drinnen alles offen mit klarem Foyer, die Treppen, die farblich knalligen Fresken mit martialischen Motiven, die durch die sowjetischen Besatzer nachgerüstet wurden.

Karl Schmidt undandere Enthusiasten

Kurz nach der Wende ist Franz Josef Mayer dann zum ersten Mal nach Dresden-Hellerau gefahren, inzwischen war er des Öfteren in der Gartenstadt und Künstlersiedlung. Im Vortrag schildert er seine Eindrücke: das Festspielhaus mit seinem weiten Platz, drumherum zwei- und dreigeschossige Häuser, auch viele kleine, teils aneinandergereihte Häuschen, die zu Siedlungen wurden. Geschwungene Hausfronten mit besonderen Details an den Fassaden, ausgeweitete Wege, durchquerbare Gärten, insgesamt bunte und lebensfrohe Farben, außerdem größere Villen im Jugendstil für betuchtere Menschen. Weil, wie der Schrobenhausener weiß, sich vor 120 Jahren mehrere Leute zusammenfanden, unter anderem der Möbelfabrikant Karl Schmidt, um seine Werkstätten aufzubauen. Und Richard Riemerschmid, der Mann, der vom Bauen Ahnung hatte. Die Deutschen Werkstätten Hellerau sollten Anfang des 20. Jahrhunderts ebenda entstehen.

Umfassendes Kulturprogramm

Hellerau ist nicht die einzige Gartenstadt in Deutschland. Von der grundsätzlichen Idee her, sagt Mayer, sei Hellerau der Augsburger Fuggerei oder der Borstei in München ähnlich. In Dresden allerdings, wenn man sich stadtauswärts ein paar Kilometer entlang der Elbe bewegt und von dort aus auf die Anhöhe schaut, sei seinerzeit etwas Einzigartiges entstanden – „neben dem Dreiklang mit dem Festspielhaus, den Werkstätten zur Möbelherstellung, der Siedlung“: Neben Leben und Arbeiten wurde ein umfassendes Kulturprogramm entwickelt. Einer der Höhepunkte im Jahr 1913: große Aufführungen wie Glucks Oper „Orpheus und Eurydike“ mit Gästen aus ganz Europa.

Doch die Blütezeit sollte bald zu Ende gehen. Erster Weltkrieg, Weltwirtschaftskrise, Nazi-Regime mitsamt Zerstörung des Konzepts. In Mitleidenschaft gezogen während der massiven Bombardierung Dresdens im Februar 1945 wurde Hellerau nicht. Dann folgten Jahrzehnte unter den sowjetischen Besatzern und der DDR. Die Gebäude ließ man teils verfallen. Wenngleich, wie Mayer erzählt, nach seinen Recherchen Hellerauer Möbel in der DDR mit ihrer Sachlichkeit und ihrem Stil weiterhin gefragt gewesen seien.

Lesen. Neues sehen. Reisen. Das gehört zum Leben von Franz Josef Mayer, der sich auch mit der Literatur zu Hellerau in den vergangenen Jahren befasst hat. Was ihm unter vielen Aspekten besonders imponiert, sagt er, das sei das Schulwesen in früheren Zeiten: mit der Schule für alle wie den heutigen Volkshochschulen, aber auch speziell der Erziehung in unterschiedlichen freien Schulen für Kinder und Jugendliche bereits in den 1910er- und 1920er-Jahren. Alexander Sutherland Neill unterrichtete in jungen Jahren einst in Hellerau, sei mit seinem Ansatz der antiautoritären, durchaus reglementierten Erziehung Jahrzehnte später ab Anfang der Fünfziger weltbekannt und „für viele ein Vorbild“ geworden. In Franz Josef Mayers angenehmer Zeitreise tauchen weitere berühmte Namen auf. Zum Beispiel der Österreicher Jakob Hegner, der 1910 hier ansässig wurde und den „Hellerauer Verlag Jakob Hegner“ gründete. Oder der in Hellerau aufgewachsene, deutsch-britische Schriftsteller Peter de Mendelssohn und sein späteres Werk „Mein unverlierbares Europa“, in dem er das europaweite Interesse an Hellerau darstellt.

Seit der Wiedervereinigung am Aufblühen

Hellerau im nördlichen Dresden ist seit der Wiedervereinigung am Aufblühen. Im Festspielhaus etwa gibt es heute ein vielbeachtetes Bühnen- und Musikprogramm. Viele innovative Unternehmen sind im knapp elf Quadratkilometer großen Stadtteil sesshaft, viele Menschen mit künstlerischen Berufen leben und arbeiten hier längst wieder. Franz Josef Mayers Schlusswort an die Interessierten: Eine Reise nach Dresden-Hellerau müsse man einmal im Leben gemacht haben. Weil es ungemein vieles zu entdecken und zu erleben gebe. Darin ist sich Franz Josef Mayer sicher. Schließlich sei die Siedlung nach wie vor Siedlung, die Werkstätten seien wieder intakt, sogar ein neuer Teil von Hellerau sei im Entstehen.

SZ