Eichstätt

Die Paradoxien unserer Zeit

Künstlertrio stellt über das verlängerte Wochenende in der Johanniskirche Bilder und Fotografien aus

28.10.2022 | Stand 28.10.2022, 17:36 Uhr

Seit Jahren verbindet die drei Künstler Helmut Reuter, Georg Fieger und Stefan Weyergraf gen. Streit (von links) eine intensive Freundschaft. Zum elften Mal stellen sie nun gemeinsam ihre Kunstwerke unter dem Motto „paradox“ in der ehemaligen Johanniskirche aus. Foto: Luff

Von Robert Luff

Eichstätt – Im gewohnten Zweijahresrhythmus präsentieren die drei Künstler Georg Fieger, Helmut Reuter und Stefan Weyergraf gen. Streit ihre zum Teil großformatigen und farbenprächtigen Werke in einer gemeinsamen Ausstellung in der ehemaligen Johanniskirche. Die meisten der etwa 80 Kunstwerke sind in den vergangenen beiden, noch durch die Auswirkungen der Pandemie geprägten Jahre entstanden. Sie thematisieren aber nicht mehr, wie noch vor zwei Jahren, die coronabedingte Vereinzelung und Kälte, der ein Stück Sinnlichkeit gegenübergestellt wird, sondern widmen sich diesmal unserer paradoxen Welt.

Darin kann man die Rückkehr der drei befreundeten Künstler zur Normalität sehen. Paradox und widersprüchlich ist für sie momentan unsere Zeit, die durch den Ukraine-Krieg und die Inflation, Existenzängste und eine tiefe Verunsicherung der Menschen geprägt ist. Im griechischen Wortsinn umfasst „paradox“ aber noch mehr als das Widersinnige und Widersprüchliche, nämlich das Besondere, Eigenartige, Unerwartete, Unübliche, eben alles, was gegen die Regel und das Gesetz steht. So wollen sie auch ihre ausgestellten Kunstwerke verstanden wissen, denn diese öffnen dem Betrachter die Augen für die Absurditäten unserer Zeit und legen zum Teil auch den Finger in die Wunden so mancher Missstände.

Angeordnet sind die Bilder und Fotografien nicht nach den Künstlern, sondern in bunter thematischer Mischung und durchaus überraschenden Kombinationen. Die faszinierenden Kunstfotografien von Helmut Reuter haben diesmal spektakuläre Naturmotive eingefangen, wie den Eisblock auf einem gefrorenen See, der auf den ersten Blick wie ein warmes Stück Holz wirkt, aber innerlich voller Kälte steckt. Reuter hat aber auch eine Serie von 16 Fotografien von menschlichen Händen ausgestellt. Hände können verletzen oder töten, wie das am Kapellbuck aufgenommene Foto einer geschlachteten Forelle zeigt. Sie können aber auch heilen und einen Tumor aus dem Gehirn schneiden, wie es die Großaufnahme einer chirurgischen Operation im Klinikum Ingolstadt fokussiert. In gewohnter farblicher Intensität präsentieren sich die teilweise großformatigen Öl- und Acrylgemälde von Stefan Weyergraf, der rund 50 Arbeiten ausgestellt hat. Sie spiegeln seine spezifische Wahrnehmung der Wirklichkeit wider, wie jenes Bild vom in der Mitte zerrissenen Olivenbaum, das die Brüchigkeit unserer Weltordnung zeigt und das er am Tag des Kriegsausbruchs in der Ukraine gemalt hat. Der Künstler und Theologe Weyergraf gen. Streit thematisiert in seinen Bildern aber auch „die Nackte Wahrheit“ („nuda veritas“), die gerne vertuscht, in den Brunnen geworfen oder unter den Teppich gekehrt wird, und fragt „Wo ist Gott?“, wenn die Kirche sich heute angesichts der schweren Verfehlungen in paradoxe Ausflüchte rettet.

Georg Fieger nimmt in seinen Bildern alte originale Schnittmuster von Kleidungsstücken ins Visier und kombiniert sie mit filigranen, nur silhouettenhaft erkennbaren menschlichen Gestalten, die damit die Zweidimensionalität des Schnittmusters in die dritte Dimension des Körpers übersetzen. Wenn dann im Vordergrund das Schnittmuster abgebildet ist und sich dahinter die Konturen einer Frau abzeichnen, dann weiß der Betrachter nicht, ob es sich hier um ihr Brautkleid oder ihr Totengewand handelt. Andere Bilder deuten den kirchlichen Missbrauch zarter junger Geschöpfe an, die hinter sakralen Fenstern eingesperrt sind. Auch diese Paradoxien gehören für Fieger zum Alltag und verdienen es, künstlerisch dargestellt zu werden.

Die Ausstellung „paradox“ ist noch bis einschließlich Mittwoch, 2. November, von 10 bis 19 Uhr in der ehemaligen Johanniskirche am Domplatz zu sehen.

EK