Kunst, die unter die Haut geht

Körperkunst: Große „Tattoo Convention“ am Wochenende in Großmehring

20.01.2023 | Stand 21.01.2023, 9:44 Uhr

Tätowierer Eli Karavelic sticht mit einer feinen schwarzen Linie Linien einen Kirschblütenzweig auf den Rücken einer Kundin.

Von Christine Zinner

Ein Tattoo ist Kunst, die im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht. Genau diese Kunstform wird am Wochenende in Großmehring (Landkreis Eichstätt) gefeiert. Dann nämlich findet in der Nibelungenhalle die „Tattoo Convention“ statt. Doch nicht nur dort dreht sich alles um Tattoos. Auch im Bauernhofmuseum Jexhof im Landkreis Fürstenfeldbruck hat die Körperkunst momentan einen besonderen Platz.



Die Nadel summt leise. Tätowierer Eli Karavelic sticht auf dem Rücken seiner Kundin die Linien nach, die mit einer Vorlage darauf geklebt wurden. Ein Kirschblütenzweig, der sich bis auf den Bauch der Frau zieht. Karavelic ist seit 25 Jahren Tätowierer, arbeitet im Studio Stargate in Ingolstadts Innenstadt. An diesem Tag hat er ein recht anspruchsvolles Projekt vor sich. Ein 25 Jahre altes Tattoo auf dem unteren Rücken der Kundin soll in den Zweig integriert werden. Drei Stunden dauerte allein die Planung des Motivs. Für die einfachen brauche es oft nur fünf bis zehn Minuten Vorbereitung, sagt Karavelic.

Klischee überwunden



Das Klischee, dass nur Asoziale mit Tattoos rumlaufen, dürfte in Deutschland mittlerweile überwunden sein. Nach einer Umfrage trägt hierzulande etwa jeder fünfte mindestens eines auf der Haut. Bundesweit gibt es immer wieder Messen, auf denen Tätowierer ihr Können unter Beweis stellen und die Vielfältigkeit der Stile und Motive. In der Nibelungenhalle in Großmehring organisiert Veranstaltungsplaner Discomakers für dieses Wochenende wieder eine solche „Tattoo Convention“. Geschäftsführer Jürgen Kuhn rechnet mit über 1000 Besuchern. „Rund 100 Tätowierer sind am Start.“ Sehr viele internationale Tattoo-Artists seien darunter.

„Tattoo-Artists“ – eine gängige Bezeichnung für Tätowierer. Aber produzieren sie wirklich Kunst oder üben sie nicht vielmehr ein Handwerk aus? „Eines geht ohne das andere nicht“, sagt Oliver Loichinger. Er ist Geschäftsführer des Stargate Tattoo und Piercing Studios, in dem Eli Karavelic arbeitet. Loichinger betreibt ein weiteres Studio in München. Kunst komme nicht ohne Handwerk aus, sagt er. Das sei auch in der Bildhauerei der Fall. Zugleich sei nicht jeder, der Hammer und Meisel in den Händen halte, ein bildender Künstler.

Jeder Künstler hat eigenen Stil



Übertragen auf Loichingers Branche heißt das: „Wer zu einem Tätowierer geht, der nur das Handwerk beherrscht, wird nur Malen nach Zahlen bekommen.“ Wenn der aber fähig sei, einen eigenen Stil einzubringen, könne auf der Haut ein Kunstwerk entstehen. „Das ist ein Anspruch, den ein guter Tätowierer haben sollte.“ Zugleich pflegen die demnach ihrer eigenen Stile. „Unter Tätowierern gibt es einen Spruch: Ein Anfänger macht alles, ein Profi das, was er kann.“ Wer symmetrischen und geometrischen Anforderungen nicht so gerecht werde, der sei vielleicht im Porträt besser. „Gute Tätowierer lehnen auch mal ein Bild ab.“ Das zeuge von einer gewissen Größe.

Große Ausstellung im Landkreis Fürstenfeldbruck



Reinhard Jakob dagegen sieht den künstlerischen Anteil nicht nur beim Tätowierer, sondern auch beim Kunden. Jakob leitet das Bauernhofmuseum Jexhof im Landkreis Fürstenfeldbruck, das noch bis zum 5. Februar eine Sonderausstellung mit dem Titel „Unter die Haut: Eine regionale Geschichte des Tattoos“ präsentiert. Zwar gebe es Menschen, die sich einfach ein Motiv aus einem Tattoo-Katalog stechen lassen. Aber: „Es gibt viele Leute, die sich wahnsinnig viele Gedanke zu ihren Tattoos machen.“ Er kenne etwa eine Frau, die aus einem Lied ein Motiv entwickelt habe. „Das ist schon Kunst. Es sind viele Ideen die dahinter stecken.“ Der Fokus in der Sonderausstellung liegt auf den Menschen, die sich tätowieren ließen. Solche hat das Museum in der Mehrheit interviewt. Aber die Kunden ließen sich auch von den Tätowierern anregen. Können die also Jakobs Ansicht nach Künstler sein? „Ja, sicher.“ Auch unter Tätowierern gebe es solche, die sich spezialisiert haben.

Eli Karavelic vom Anfang sticht am liebsten realistische Sachen. Er mache etwa gerne Porträts, sagt er. Den Kirschblütenzweigs zeichnet er an diesem Tag mit feinen Linien auf die Haut der Kundin. Um 11 Uhr vormittags kam sie in das Studie. Bis zum Abend hat Karavelic die Konturen gestochen. Zu schaffen ist so ein anspruchsvolles Motiv nicht an einem Tag.

DK



Tattoo Convention Großmehring, Nibelungenhalle, 21./22. Januar, Sa 11 bis 22 Uhr, So 11 bis 19 Uhr; Ausstellung im Bauernhofmuseum Jexhof, Schöngeising, bis 5. Februar, Di bis Sa, 13 bis 17 Uhr, So 11 bis 18 Uhr.