Eichstätt
Wie ein Piranha im Jurameer

Ältester fleischreißender Knochenfisch entdeckt - Fund aus der Grabung Ettlingen ist jetzt erforscht

18.10.2018 | Stand 02.12.2020, 15:26 Uhr
  −Foto: Ebert/Nohl

Eichstätt (EK) In der Fachzeitschrift Current Biology stellt ein Forscherteam des Jura-Museums Eichstätt, der australischen James Cook University und der Universität Erlangen die Beschreibung einer erstaunlichen Fischart vor, die vor rund 150 Millionen Jahren das süddeutsche Jurameer bewohnte. Die Knochenfischart besaß Zähne wie ein Piranha und wurde bei der Forschungsgrabung Ettling gefunden.

"Wir waren völlig verblüfft, dass dieser Fisch Piranha-ähnliche Zähne hatte", sagt Martina Kölbl-Ebert, Leiterin des Jura-Museums Eichstätt. "Er gehört zu einer ausgestorbenen Fischgruppe, den Pycnodontiformes, die für ihre pflasterartigen Knackzähne bekannt sind. Es ist, als würde man auf ein Schaf mit den Reißzähnen eines Wolfes treffen. Was aber noch bemerkenswerter ist: Der Fisch stammt aus der Jurazeit. Für Knochenfische ist diese Ernährungsweise damals mehr als ungewöhnlich."

Die Fleischfresser unter ihnen knackten normalerweise schalentragende Wirbellose oder schluckten ihre Beute - meist andere Fische - am Stück. "Fleischstücke oder Flossen herausbeißen, das ist etwas, das viel später kam." - Zumindest schien das bisher so.

Mikroskopische Untersuchung und CT-Scans der Kiefer des Fossils von Piranhamesodon pinnatomus zeigen lange, spitze Zähne entlang der Außenseite des Vomer (ein Knochen, der das Gaumendach bildet) und an der Spitze von Unter- und Oberkiefer. Die Präartikularknochen, die entlang der Seiten des Unterkiefers liegen, tragen dreieckige Zähne mit gezähnelten Schneidekanten. Zahnmuster und Zahnform, Kiefermorphologie und Kiefermechanik deuten auf ein Maul hin, das, wie das internationale Forscherteam berichtet, ausgerüstet war, um Fleisch oder Flossen zu schneiden. Indizien deuten auf die Möglichkeit hin, dass sich diese frühen, Piranha-ähnlichen Fische der aggressiven Mimikry bedienten, sich also hinter einem scheinbar harmlosen Äußeren tarnten, um dann umso effektiver anzugreifen; eine erstaunliche Parallele zum Fressverhalten moderner Piranhas.

"Der neue Fund stellt die älteste Überlieferung eines Knochenfisches dar, der in der Lage war, Stücke aus anderen Fischen herauszubeißen. Und noch etwas ist ungewöhnlich: Er tat dies im Meer," erläutert David Bellwood von der James Cook University, Australien, und merkt an, dass heutige Piranhas - die allerdings mit der neuen, fossilen Art nicht verwandt sind - alle im Süßwasser leben. Als weiteres Indiz für den ungewöhnlichen Nahrungserwerb fanden die Forscher auch die Opfer von Piranhamesodon in denselben Kalksteinablagerungen im Steinbruch von Ettling; und zwar andere Fische derselben Lokalität, deren Flossen angebissen wurden.
"Dies ist eine erstaunliche Parallele zu modernen Piranhas, die sich überwiegend nicht vom Fleisch, sondern von den Flossen anderer Fische ernähren. Das ist eine schlaue Sache, denn Flossen wachsen nach; sie sind eine praktische, erneuerbare Nahrungsquelle. Beiß einen Fisch in den Bauch, und er ist tot; knabbere an seinen Flossen, und du hast auch in Zukunft noch was zu fressen", erklärt David Bellwood.

Der neu beschriebene Fisch ist seit heute, Freitag, im Jura-Museum auf der Eichstätter Willibaldsburg zu sehen. Er stammt aus denselben Kalksteinablagerungen - den jurazeitlichen Plattenkalken des Solnhofener Archipels - aus denen man auch den berühmten Urvogel Archaeopteryx kennt.

Die Zukunft des Museums, das ja bekanntlich wegen der Kündigung des bisherigen Trägers zum 31. Dezember, von der Schließung bedroht ist, ist weiter ungeklärt. Zuletzt hatte Ministerpräsident Markus Söder am 8. Oktober im Redaktionsgespräch mit unserer Zeitung erklärt, dass er zuversichtlich sei, dass eine Lösung gefunden wird.