Landkreis Roth

Zahl der Toten fällt trotz Corona nicht aus dem Rahmen

08.01.2021 | Stand 16.01.2021, 3:33 Uhr
Der Blick vom Friedhof an der Gredinger Martinskirche fällt zwar trist aus. Doch das hat nichts mit der Anzahl der Sterbefälle 2020 zu tun. Im vergangenen Jahr mussten - trotz Corona - sogar vergleichsweise wenig Tote zu Grabe getragen werden. −Foto: Steimle

Hilpoltstein - Wie tödlich ist das Coronavirus Sars-CoV-2 wirklich? Und wie gefährlich ist die aktuelle Pandemie im Vergleich zu anderen Infektionskrankheiten? Diese Fragen beschäftigen seit Ausbruch des Coronavirus die Menschen - auf der ganzen Welt, in Deutschland und auch im Landkreis Roth.

 

Eines vorweg: Mit der bloßen Zahl der Sterbefälle im südlichen Landkreis sind Maßnahmen wie die Schließung von Schulen und Kindertagesstätten, der Gastronomie nicht unbedingt zu begründen - auf den ersten Blick Wasser auf die Mühlen derjenigen, die lautstark gegen den neuerlichen und anhaltenden Lockdown protestieren. Zum Jahresende fassen die Kommunen die Zahl der Sterbefälle in ihrem Gemeindegebiet zusammen. Und da lässt sich bislang beobachten, dass es im Corona-Jahr 2020 keinen signifikanten Ausreißer nach oben gegeben hat.

Das widerspricht dem Eindruck einer regelrechten Sterbewelle. Das Robert-Koch-Institut (RKI) veröffentlicht in täglichen Berichten, wie viele Covid-19-Patienten gestorben sind, und aktualisiert damit laufend die Zahl der sogenannten Corona-Toten. Ob all diese Covid-19-Patienten aber tatsächlich an oder auch einige nur mit dem Virus gestorben sind, ist nicht klar. Der größte Teil litt an einer oder mehreren Vorerkrankungen, außerdem stammen rund die Hälfte aus Altenheimen. Wären diese Menschen auch ohne Covid-19 verstorben? Oder war die wahre Todesursache ein Schlaganfall oder eine Hirnblutung und die Viren im Rachen waren nur Nebendarsteller der Situation?

Das könnte nur eine Obduktion ergeben. In Bayern sterben laut statistischem Landesamt pro Jahr zwischen 120000 und 135000 Menschen, die Schwankungsbreite ist also relativ groß. Das hat beispielsweise auch mit der Witterung zu tun, bei Hitze im Sommer sterben deutlich mehr Menschen als in kühlen Monaten. Auch eine Grippewelle - wie etwa die vom Frühjahr 2018 - kostet regelmäßig viele Menschen das Leben.

In der Kreisstadt Roth habe es "keinen Ausreißer nach oben gegeben", bilanziert Bürgermeister Ralph Edelhäußer beim Blick auf die Zahlen aus seinem Einwohnermeldeamt. "Eher das Gegenteil." 259 Menschen sind im vergangenen Jahr in der Kommune verstorben. 2019 waren es 21 mehr, im Jahr davor mussten 278 Rother Bürger zu Grabe getragen werden. Weil 2016 mit 288 Toten sogar den Negativrekord im Fünf-Jahres-Zeitraum aufstellt, bleibt also einzig das Jahr 2017 (231) unter den Zahlen des Coronajahrs.

Nicht viel anders sieht es in Hilpoltstein aus. Noch könnten einzelne Fälle nachgemeldet werden, sagt Karin Welsch vom Einwohnermeldeamt. Zwei, drei. Bislang seien ihr 129 Sterbefälle bekannt. Damit unterschreitet die Zahl der Sterbefälle ebenfalls wie in Roth das Jahr 2016, als 132 Tote zu beklagen waren. 2019 (126), 2018 (117) und 2017 (119) waren es allerdings weniger.

Auch in Greding stehen dem Geschäftsleiter Michael Pfeiffer die Zahlen bis lediglich 9. Dezember zur Verfügung - und bis dahin waren es 67. "Vielleicht vier" Tote könnten noch in die Jahresstatistik einfließen, vermutet er. Doch selbst mit diesen bewegt sich die Todeszahl eher am unteren Rand der letzten Jahre: 2019 waren es mit 69 ähnlich viel, 2018 (74) und 2017 (76) jedoch mehr.

Dasselbe Bild in Thalmässing: 59 Sterbefälle weist die Einwohnerstatistik in der Marktgemeinde im vergangenen Jahr aus. Mit 63 (2019) und 69 (2018) Toten hat sich in den Jahren zuvor allerdings ein traurigeres Bild ergeben, lediglich 2017 unterschreitet mit 52 Sterbefällen den Wert des vergangenen Jahres.

In Heideck sind im vergangenen Coronajahr so wenige Menschen gestorben wie in den fünf Jahren zuvor nicht - nämlich 47. Lediglich 2017 kommt mit 48 Toten in diesen Bereich. Den Zahlen des Kämmerers Roland Hueber zufolge starben beispielsweise 2018 mit 61 außergewöhnlich viele Heidecker, ansonsten schwanken die Sterbezahlen im 50er-Bereich.

Die Stadt Freystadt in der nahen Oberpfalz nimmt bei der Entwicklung der Sterbefälle im Verbreitungsgebiet unserer Zeitung eine Sonderrolle ein: Hier steht das Corona-Jahr mit 103 Toten tatsächlich unangefochten an der Spitze. Der Abstand zum Jahr 2018 mit 90 Sterbefällen ist bereits vergleichsweise groß, ansonsten schwankten die Zahlen in den vergangenen fünf Jahren immer um die 80.

"Die Jahre sind sehr unterschiedlich", weiß Wolfgang Kolb vom Bürgerbüro in Röttenbach aus Erfahrung. Er sei in der Gemeinde auch für die Friedhofsverwaltung zuständig, weshalb er sich schon an Jahre mit 40 Beerdigungen erinnern könne. In anderen Jahren sei es lediglich die Hälfte. Demzufolge wären die 33 Toten im vergangenen Jahr in Röttenbach noch immer kein Negativrekord. Allerdings rangiert 2020 unangefochten an der Spitze der jüngeren Vergangenheit: 28 Sterbefälle waren es in der Gemeinde 2019 und 2016, auch 2018 (26) und 2017 (30) wurde die Zahl des Coronajahrs nicht erreicht.

Kann man aus der Statistik der Sterbefälle aber schließen, dass die Corona-Restriktionen inklusive des zweimaligen harten Lockdowns ungerechtfertigt seien? Kritiker behaupten das, mit Vehemenz sogar. Doch ist das zu kurz gesprungen. Das Jahr 2020 wird bezüglich der Sterbezahlen wohl nicht in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen. Auf das Jahr betrachtet zeige sich allerdings bei der Altersgruppe ab 80 Jahren eine leicht erhöhte Übersterblichkeit, erklärte Professor Göran Kauermann von der Ludwig-Maximilians-Universität München in einem Interview im Dezember im Bayerischen Rundfunk. In der Alterskategorie 60 bis 79 sei aber keine Übersterblichkeit und bei den 35- bis 59-Jährigen sogar eine Untersterblichkeit zu beobachten. Er sagte, dies könne man unter anderem mit den Auswirkungen des Lockdowns und den damit verbundenen geringeren Reiseunfällen erklären. In der Summe gleiche es das Plus an Corona-Toten möglicherweise aus.

Zudem bedeutet Übersterblichkeit, dass in einem bestimmten Zeitraum mehr Menschen starben als im langjährigen Durchschnitt. Das muss kein Jahr, sondern kann auch eine Woche sein. Betrachtet man die Entwicklung im Jahr 2020 nach Kalenderwochen, dann haben sich von der 13. bis zur 18. Kalenderwoche (23. März bis 3. Mai) durchgehend und deutlich erhöhte Sterbefallzahlen im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019 gezeigt. Wie Herrmann ebenfalls bei der Jahrbuch-Vorstellung sagte, lägen die Sterbezahlen im Freistaat seit Ende Oktober - als die zweite Welle begann - pro Kalenderwoche durchgehend zwischen 6 und 18 Prozent über denen der jeweiligen Vorjahreszeiträume.

Ohnehin ist es müßig, vom Verlauf der Sterbefallzahlen orakeln zu wollen, was ohne die Corona-Maßnahmen passiert wäre. Und eine abschließende Bewertung kann es nur geben, wenn die Pandemie vorbei ist.

Fest steht, dass die meisten Menschen tatsächlich an Corona sterben - und nicht nur mit. Das haben zahlreiche Obduktionen in ganz Deutschland gezeigt, die verlässlichsten gibt es aus Hamburg, da hier am meisten obduziert wird. Der Anteil derjenigen, die tatsächlich an dem Virus sterben, beträgt mehr als 80 Prozent.

Nach Erkenntnissen von Benjamin Ondruschka, dem Leiter der Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, haben die allermeisten Verstorbenen Vorerkrankungen gehabt, etwa Herz- und Gefäßerkrankungen, Diabetes und Übergewicht. Das sei für Menschen in diesem Alter allerdings nicht ungewöhnlich, doch damit seien sie nicht gleich dem Tode geweiht. Die zum Tod führende Erkrankung habe in den untersuchten Fällen in aller Regel mit der Corona-Infektion begonnen.

HK

Volker Luff