Hamburg

Vom Dorfklub zum Kiezklub

Ex-Pipinsrieder Fabian Hürzeler neuer Assistenztrainer beim Zweitligisten FC St. Pauli

03.08.2020 | Stand 02.12.2020, 10:50 Uhr
Zwar ein bisschen im Hintergrund, aber trotzdem rundum glücklich: Fabian Hürzeler (l.) als Assistenztrainer des FC St. Pauli, hier gemeinsam mit dem neuen Chefcoach Timo Schultz (2. v. l.) und Assistenztrainer Loic Favé (r.). −Foto: Imago Images

Hamburg/Pipinsried - Fabian Hürzeler strahlt über das ganze Gesicht.

 

"Ich bin aktuell superhappy", sagt der 27-Jährige - nicht weil er das sagen muss, sondern weil er in diesem Moment exakt so fühlt. Schließlich darf er seit Kurzem als Assistenzcoach des traditionsreichen FC St. Pauli arbeiten, an diesem Sonntag war bereits Trainingsauftakt beim Kiezklub - bei einer der zweifellos buntesten Adressen überhaupt im deutschen Profifußball.

"Ja, ich fühle mich wirklich gut", legt der einstige Spielertrainer des FC Pipinsried gerne nach. Bis zum 30. Juni war er bei den Gelbblauen im Dachauer Hinterland unter Vertrag gestanden, hatte den Dorfverein in der Saison 2016/17 erstmals in dessen Geschichte in die Regionalliga geführt. Mit anderen Worten: Dass er als Coach ein richtig Guter ist, stand schon seit Längerem fest. Nicht von ungefähr war er auch nebenher im Nachwuchsbereich des Deutschen Fußballbundes (DFB) tätig gewesen.

Der Sprung jetzt in die 2. Bundesliga, ins absolute Rampenlicht des öffentlichen Interesses - er scheint fast schon folgerichtig zu sein. "Wobei ich ja überhaupt nicht direkt im Rampenlicht stehe", korrigiert Hürzeler sofort: "Und das ist auch gut so - beziehungsweise von mir absolut so gewollt. " Was der 1993 in Houston geborene Ex-Pipinsrieder damit ausdrücken möchte: "Als Assistenztrainer ist es der optimale Schritt für mich, um im Profifußball anzukommen. In dieser Funktion kann ich weiter dazulernen und mir eine Menge abschauen - ohne den großen Druck zu haben, ganz vorne in der Verantwortung zu stehen. "

Letzterwähnten Druck hat beim FC St. Pauli nun Timo Schultz - ein regelrechtes Urgestein beim Klub am Millerntor (Hürzeler: "Er kennt hier vieles bis alles"). Bereits seit 2005 arbeitet er dort - zunächst als Spieler, dann im Trainerbereich. Aber dass der 42-Jährige vor Kurzem zum Cheftrainer der Profimannschaft ernannt, also zum Nachfolger von Jos Luhukay erklärt wurde - selbst für manchen Insider kam's ein Stück weit überraschend.

 

Hürzeler hingegen freute sich darüber - schließlich hatte er Schultz einst, als er 2018 im St.-Pauli-Nachwuchsleistungszentrum hospitiert hatte, kennen sowie schätzen gelernt. "Daher war's für mich auch selbstverständlich, ihm vor einigen Wochen zu seiner Beförderung zu gratulieren", berichtet er. Aber was aus seiner schriftlichen Handynachricht dann wurde, hätte sich wohl auch der Ex-Pipinsrieder kaum erträumen lassen. Denn Schultz antwortete, fragte Hürzeler nach dessen beruflichen Plänen für die nahe Zukunft - und nachdem dieser durchblicken ließ, dass er noch in alle Richtungen offen sei, gab's für ihn spontan das Angebot für die freie Assistenzcoachstelle neben Loic Favé, der vom Eimsbütteler TV ebenfalls neu zum Kiezklub wechselte.

"Es kam in der Tat eines zum anderen", erinnert sich Hürzeler. Natürlich hatte er noch weitere Offerten auf dem Tisch, seine gute Arbeit in Pipinsried sowie zuletzt bei der U18 des DFB unter Chef Christian Wörns waren eben nicht unentdeckt geblieben. Aber für 27-Jährigen war trotzdem relativ schnell klar: Er möchte ans Millerntor. "Das Angebot von St. Pauli hat sich schlichtweg am besten für mich angefühlt", erzählt er: "Mit Schultz harmoniere ich in fußballerischer Hinsicht ganz hervorragend, wir haben bei unseren Ideen sehr viele Überschneidungen. Und das Betätigungsfeld, für das er mich vorgesehen hat, entspricht auch absolut meinen Wünschen. "

Mittlerweile sind die Verträge längst unterzeichnet - und Hürzeler hat auch schon die ersten Einheiten mit seinem neuen Team hinter sich. Was dem Ex-Pipinsrieder allerdings noch fehlt, ist eine eigene Wohnung - momentan logiert er noch im Hotel. "Aber auch das lässt sich bald erledigen", ist der Neu-St.-Paulianer überzeugt. Und mit einem zufriedenen Lächeln fügt er hinzu: "Dass Hamburg eine super Stadt ist, habe ich auf jeden Fall schon jetzt festgestellt. Zudem ist an jeder Ecke zu spüren, welch besondere Bedeutung der FC St. Pauli hier besitzt, wie einzigartig er von den Fans und auch den Mitarbeitern gelebt wird. "

Umso mehr ist Hürzeler stolz darauf, für den Kiezklub jetzt arbeiten dürfen. Sein Arbeitspapier ist bis 2022 terminiert - "und ich bin sehr froh, hier sein zu dürfen", betont er immer wieder. Dass er dafür seine bisherige Tätigkeit beim Deutschen Fußballbund opfern musste, nimmt der bisherige Münchner gerne in Kauf: "Selbstverständlich hatte ich beim DFB superviel Spaß, und wir verstanden uns im Team ganz hervorragend. Aber man kann im Leben eben nicht alles haben, kann nicht stets auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzen. "

Schultz als Chef, Hürzeler und der auch erst 27-Jährige Favé als Assistenten - sie bilden nun das jüngste Trainerteam, das der FC St. Pauli jemals in seiner Profigeschichte besessen hat. "Aber das Alter hat nicht zuletzt beim Fabian nie eine Rolle gespielt", verrät Schultz: "Er hat im Herren- ebenso wie im DFB-Nachwuchsbereich bereits hervorragend nachgewiesen, dass er Mannschaften auf verschiedenem Niveau führen kann. ? Andreas Bornemann, der Sportchef des Kiezklubs, nickt zustimmend - und erklärt, dass er Hürzeler vor allem wegen dessen "großer Fach- und Sozialkompetenz" schätzen würde. Kein Wunder, dass der so Gelobte bei diesen Aussagen nun "superhappy" ist - rund 580 Kilometer Luftlinie von seinem einstigen Betätigungsfeld in Pipinsried entfernt.

SZ

Roland Kaufmann