Pfaffenhofen

Volles Vertrauen in die Jugend

Das jüdische Ehepaar Haller stellt sich in Pfaffenhofen den Fragen der Schyren-Gymnasiasten

27.01.2019 | Stand 02.12.2020, 14:45 Uhr
Das Gedenken an den 27. Januar 1945, als die Rote Armee das KZ Auschwitz (oben) befreite, hat am Pfaffenhofener Gymnasium Tradition. Gestern sprach das jüdische Ehepaar Eva und Roman Haller (unten, Mitte) über sein Leben in Deutschland. −Foto: Wiener Library/dpa, Herchenbach

Pfaffenhofen (ahh) Wie leben Juden in Deutschland? Wie gehen Sie mit dem wachsenden Antisemitismus um? Aus erster Hand konnten das Schüler und Gäste des Schyren-Gymnasiums erfahren. Anlässlich des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus hatte die Geschichtslehrerin Veronika Kettner das jüdische Ehepaar Eva und Roman Haller eingeladen, sich in der Aula den Fragen der Gymnasiasten zu stellen.

Das Gedenken an den 27. Januar 1945, als die Rote Armee das KZ Auschwitz befreite, hat am Pfaffenhofener Gymnasium Tradition: "Zu einer lebendigen Demokratie", so die Lehrerin, "gehört die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, um zu verhindern, das Unrecht wiederkehrt." Dazu hatten jetzt die Schüler Gelegenheit, die die über 100 Gäste mit dem hebräischen Friedensspruch begrüßten.

Eva Haller, 71, ist Gründerin und Präsidentin der Europäischen Janusz-Korczak-Akademie, die sich zum Ziel gesetzt hat, Bildung und interreligiösen Dialog im Sinne des Namensgebers zu fördern. Die Grundsätze dieses Pädagogen, Liebe und Respekt den Kindern gegenüber, sind in die UN-Kinderrechtskonvention eingeflossen. Ihre Eltern, erzählte Haller, haben Ausschwitz überlebt. Der Lebensgeschichte ihres Mannes hörten die sechs Schüler, die auf der Bühne die Moderation übernommen hatten, mit offenen Mündern zu.

Er wisse nicht, sagt Roman Haller, wo genau und wann genau er geboren wurde, irgendwann zwischen dem 7. und 10. Mai 1944, irgendwo in einem Waldstück von Tarnopol in der Westukraine. Seine Eltern lebten zuvor im polnischen Ghetto, wo sie von einem Wehrmachts-Major mit noch zehn anderen Juden herausgeschleust und im Keller seiner Villa versteckt wurden. Wegen der heranrückenden Roten Armee musste die Gruppe ihr Versteck verlassen. "Meine Mutter war mit mir schwanger", berichtet Roman Haller, "und es wurde diskutiert, was mit mir passieren soll, wenn ich geboren werde; denn ein Baby schreit, und das hätte alle verraten können." Die beiden Optionen habe ihm später sine Mutter genannt: Entweder das Neugeborene sofort ersticken, oder die ganze Gruppe wird erschossen. Die Geschichte ging gut aus - auch dank eines Försters, der als Geburtshelfer hinzugezogen wurde, weil sich Waidmänner ja offensichtlich mit dem Gebären bei Tieren auskennen.

Das Ehepaar konnte mit einigen Vorurteilen aufräumen und berichtete sehr lebendig vom jüdischen Leben: Wie der er Sabbat begangen wird, wollte ein Schüler wissen. Eva Haller erzählte, warum eine Wärmeplatte in jeden jüdischen Haushalt gehört. Denn von Freitag- bis Samstagabend ruhe - strenger als bei den Christen am Sonntag - alle Arbeit. Deshalb wird vorgekocht, vor allem Tscholent, ein traditionelles Eintopfgericht, damit der Abend frei ist für Gespräche in der Familie. Und wenn ein Jude eine Andersgläubige heiraten will, fragte ein anderer Schüler. Standesamtlich kein Problem. Was unterscheidet das Leben von jüdischen und nicht jüdischen Kindern? Eva Haller, die Kinder und Enkel hat, gab die Frage zurück: "Wer von euch kennt jüdische Kinder?" Kopfschütteln. Dann werde sie ein Treffen mit der Israelitischen Kultusgemeinde organisieren, versprach Haller, und lud die Gymnasiasten nach München ein.

Die Frage eines Schülers, warum es Antisemitismus gibt, hätte abendfüllend beantwortet werden müssen, Roman Haller beschränkte sich zu erklären, dass es derzeit in Deutschland eine "schwierige Gemengelage" gäbe: Neben dem wachsenden Rassismus den linken Antisemitismus, der Israel kritisiert, aber die Juden meine, den rechten und den islamischen, der jetzt nach Deutschland durch die Flüchtlinge aus muslimischen Ländern komme, wo Antisemitismus in den Schulbüchern stehe. "Das ist schon heftig."

Ob das Paar schon persönlich mit diesem Problem konfrontiert worden sei? Eva Haller: "Mein 15-jähriges Enkelkind geht in München zur Schule. Ein Mitschüler packte plötzliche seinen Arm und sagte: Da gehört jetzt auch eine Nummer drauf." "Wieso kann es sein", fragte die 70-Jährige in die Aula hinein, "dass Jude ein Schimpfwort geworden ist? Das macht mich traurig."

Erfahrungen hat auch Roman Haller gemacht, der ein internationales Unternehmen leitet, wo auch mal beleidigende Mails eintreffen. Was ihm zu denken gibt: Früher waren die anonym, jetzt sind sie mit vollem Namen abgesandt. Ob er mit diesen Leuten diskutiert? "Keine Chance", sagt Haller. Die lassen sich von ihren Vorurteilen nicht abbringen." Haben die beiden als Juden Angst vor der Zukunft in Deutschland? "Nein", sagt Eva Haller sehr entschieden, "überhaupt nicht. Ich sehe sehr zuversichtlich in die Zukunft, weil ich volles Vertrauen in die kritische und nachdenkliche Jugend habe."