Pfaffenhofen

Raus aus dem Verborgenen

Immer mehr Schüler leiden unter Depressionen, nun soll besser aufgeklärt werden - eine Bestandsaufnahme

20.09.2019 | Stand 02.12.2020, 13:01 Uhr
Kinder verstecken psychische Probleme oft. Lehrer sollten Schüler, die sich zurückziehen, gezielt ansprechen. −Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Pfaffenhofen (PK) Mit einer Rasierklinge hat sich Hannah L.

(Name von der Redaktion geändert) geritzt. Regelmäßig. Immer wieder. Um sich zu bestrafen. Wenn sie zu viel gegessen oder beim Tanzen einen Fehler gemacht hat - und auch, um eine innere Leere zu füllen. Was Depressionen mit ihr machten, erzählt die Schülerin des Schyren-Gymnasiums in Pfaffenhofen (SGP) - und sie ist kein Einzelfall.

Hannah L. ist inzwischen 16 Jahre alt. Aber schon vor zwei Jahren begann für sie eine schwere Zeit, in der sie zunehmend mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte. "Ich war die ganze Zeit unmotiviert, hatte keine Lust, irgendwas zu machen", erzählt die Jugendliche. Es wurde immer schlimmer. Im Frühjahr vergangenen Jahres schritten schließlich ihre Freundinnen ein und wandten sich an eine Vertrauenslehrerin.

Hannah L. ist kein Einzelfall. Immer mehr Jugendliche leiden unter Depressionen. Münchner Schüler starteten deshalb sogar eine Petition, die schon über 43300-mal unterschrieben wurde. Sie fordern mehr Aufklärung im Unterricht. Der bayerische Kultusminister Michael Piazolo reagierte im Sommer auf die Forderungen mit einem Zehn-Punkte-Programm. Auch auf einer zentralen Fortbildung für Schulberater am 24. September wird der Umgang mit Depressionen ein zentrales Thema sein.

Die Schulpsychologin des Staatlichen Schulamts in Pfaffenhofen, Susanne Tober, nimmt auch daran teil. Als Schulberaterin kümmert sie sich um Schüler, Eltern und Lehrer. Sie sagt, es habe bereits zahlreiche Fortbildungen über Depressionen im Landkreis gegeben. Aber sie ergänzt auch: "Lehrer sind keine Therapeuten. Man muss sie für das Thema weiter sensibilisieren. "

Im Unterschied zu Erwachsenen, die unter Depressionen leiden, sind die Signale bei Kindern nicht immer klar erkennbar. Bei Erwachsenen äußern sie sich meist durch Antriebslosigkeit. Bei Jugendlichen können aber auch Wut und Langeweile eine Rolle spielen, erklärt Tober. Viele Schüler ziehen sich stark zurück. Hier sei es wichtig, dass Lehrer betroffene Kinder gezielt ansprechen. Denn: "Lehrer haben vor allem laute Schüler im Blick. "

Auch Hannah L. hat sich zurückgezogen. "Es wusste lange niemand, wie es mir geht, bis ich meinen Freundinnen davon erzählt habe", sagt sie. Die Jugendliche glaubt, dass viele zögern sich an Lehrer zu wenden, weil sie befürchten, dass dadurch schulische Aktivitäten beeinträchtigt werden. Und sie meint auch, man könne es nicht den Lehrern vorwerfen, wenn sie nicht erkennen, dass ein Schüler unter Depressionen leidet.

Anna Kauf ist Schulpsychologin und Lateinlehrerin am Schyren-Gymnasium - und sie räumt ein: "Wenn ich Schüler nur zwei, drei Stunden pro Woche sehe, ist es schwierig, so etwas während des Unterrichts zu erkennen. " Sie sieht vor allem die Eltern in der Pflicht, denn die kennen ihre Kinder am besten: "Wir haben viele Eltern, die das ganz oft nicht wahrhaben wollen. " Meist verstecken Kinder ihre Probleme aber gezielt, auch Hannah L. hat das so gemacht. "Ich habe nie mit meinen Eltern darüber geredet, obwohl unser Verhältnis recht gut ist. Ich wollte niemanden damit belasten. "

Kauf sagt, dass sich vor allem Freundinnen von betroffenen Schülerinnen an sie wenden, die sich Sorgen machen. "Und es sind eher Mädels, die sich öffnen", ergänzt sie. Viele schildern Konzentrationsschwächen und somatische Beschwerden, Kopf- oder Magenschmerzen und Appetitlosigkeit. "Bei Jungs sind die Symptome oft anders - sie sind aggressiv und ziehen sich zurück", sagt Kauf. Hier sei es oft schwierig, hinter der Aggression eine Depression zu erkennen. Thomas Fischer von der Schulleitung des SGP meint: "Vielleicht tun sich Jungs schwerer, weil sie stärker kollidieren mit einem männlichen Identifikationsmuster: Man darf nicht versagen, nicht schwach sein. "

Insgesamt beobachten beide, dass die Anzahl von Kindern, die psychologisch und psychiatrisch behandelt werden, stetig ansteigt. Fischer teilt außerdem mit: "Es werden mehr Fälle, bei denen ein stationärer Klinikaufenthalt notwendig ist. "

Auslöser für Depressionen sind laut Kauf oft familiäre Probleme oder Unsicherheiten in einer Phase, in der entwicklungspsychologisch viel passiert. Hannah L. nennt auch die Schule als Ursache. "Viele haben ein Problem mit Noten. " Sie glaubt, einige Schüler fühlen sich stark unter Druck gesetzt durch Lehrer und Eltern. "Es ist immer blöd, nach Hause zu kommen und zu sagen: Ich habe wieder eine schlechte Note bekommen. " Für Hannah L. war es vor allem Druck, den sie selbst konstruierte. Etwa, wenn sie sich beim Tanzen verbessern wollte. "Und ich fand irgendwann mein Spiegelbild nicht mehr schön", sagt sie.

Dass auch Soziale Medien bei den steigenden Zahlen psychischer Erkrankungen eine Rolle spielen, hält sie für möglich. "Ich denke schon, dass sich viele durch Social Media beeinflussen lassen oder durch Kommentare, die unter ihren Bildern stehen. " Sie habe sich vor zwei Jahren auch Gedanken darüber gemacht. "Damals fand ich's echt schade, dass bei manchen Kindern so viele Kommentare unter den Bildern standen - und bei mir nicht. " Heute ist ihr das nicht mehr wichtig, behauptet sie. Trotzdem vergleicht sie sich immer noch mit Sportlerinnen, denen sie auf Instagram folgt. Hannah L. setzt sich zum Ziel, so auszusehen wie sie.

Das Ritzen hat die Jugendliche inzwischen hinter sich lassen können. Ihr Freund ist ein wichtiger Ansprechpartner für sie geworden. Ob ihr die Beratung in der Schule geholfen hat, weiß sie nicht. "Aber vielleicht kann ich mit dem Thema jetzt offener umgehen. " Dennoch fehlen Informationen für Schüler, sagt sie, etwa über anonyme Anlaufstellen.

Anna Kauf hat im Rahmen eines Projektseminars der Oberstufe bereits einen Infotag zu psychischen Erkrankungen für die achten Klassen gestaltet. Eine gute Idee, wie Hannah L. findet. So könnten Betroffene verstehen, dass sie nicht alleine sind. Bei ihr wurde das Thema nie im Unterricht behandelt. "Ich denke aber schon, dass man darüber sprechen sollte. " Dabei sei es wichtig, auch Themen wie Selbstmordgedanken nicht auszuklammern. "Denn auch ich habe mehr als einmal darüber nachgedacht. " Meist will sich die betroffene Person nicht mitteilen. Aber wenn über Symptome gesprochen wird, könnte sich wenigstens das Umfeld einschalten, meint sie.

Piazolos Zehn-Punkte-Programm soll an verschiedenen Stellen ansetzen. In der Pressemitteilung des Kultusministeriums heißt es, dass Aufklärung über Depressionen in die Lehrpläne aufgenommen werden soll. Schulpsychologische Beratungsangebote, aber auch die Vermittlung von außerschulischen Beratungsstellen sollen erweitert werden und angehende Lehrer sollen sich schon während ihrer Ausbildung mit dem Thema befassen.

Laut Tober gebe es insgesamt zu wenige Schulpsychologen, Beratungslehrern würden nicht genug Stunden eingeräumt. Kauf glaubt, das Kultusministerium erkenne inzwischen den Bedarf. Die Stundenzahl steigt langsam, ihr bleiben aktuell acht Stunden für psychologische Betreuung. Weil sie gleichzeitig unterrichtet, sagt Kauf: "Wünschenswert wäre es, dass es zwei Psychologen gäbe, damit der Schüler eine Wahlmöglichkeit hat. " Idealerweise sind diese direkt an der Schule - wie beispielsweise am SGP - aber das sei derzeit kein Muss.

Kauf und Fischer sehen noch andere Schwierigkeiten, die durch das Zehn-Punkte-Programm nicht aufgegriffen werden. "Was in der Schule gemacht wird, ist alles schön und gut. Aber das Hauptproblem ist, dass es keine Therapieplätze gibt", erklärt Kauf. "Was hilft es, wenn wir das Problem erkennen, aber niemand behandelt das Kind? Ich kann doch dann nicht sagen, du bekommst erst in einem halben Jahr Hilfe. "

Dass Depressionen thematisiert werden, finden Fischer und Kauf grundsätzlich gut. Denn immer noch seien psychische Erkrankungen schambesetzt. Das 10-Punkte-Programm könne zumindest zu einer Sensibilisierung beitragen. Hannah L. ist überzeugt, dass ein offener Umgang mit dem Thema etwas ändern könnte: "Ich denke, wenn dieser Stempel weg wäre, wäre es garantiert einfacher für Betroffene. "

Wenn Sie selbst Hilfe suchen, auch als Angehöriger, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter der kostenlosen und anonymen Rufnummer 0800 1110111 oder 0800 1110222. Sie erreichen rund um die Uhr Berater, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

 

Laura Csapó