Biding

Protest gegen digitalen Behördenfunk

100 Menschen folgen Aufruf der Interessengemeinschaft "Gesundheitsbewusste Bürger" zum Bidinger Masten

26.11.2012 | Stand 03.12.2020, 0:47 Uhr

Mit Fackeln, Laternen und Taschenlampen ausgestattet, wanderten die Teilnehmer der Kundgebung der Interessengemeinschaft „Gesundheitsbewusste Bürger“ von Biding aus zum Funkmaststandort am Waldrand. Carola Hentschel (linkes Bild, rechts) hielt ein Referat. Wenn er fertig ist, soll der Mast rund 60 Meter hoch werden. - Fotos: Hammerl

Biding (DK) Rund 100 Bürger, überwiegend aus Biding, Ortlfing und Burgheim waren dem Aufruf der Interessengemeinschaft „Gesundheitsbewusste Bürger“ gefolgt und trafen sich in Biding. Von dort ging es in gemeinsamem Fackelzug hinauf zum Standort des BOS-Funkmasten oberhalb des Ortes.

Auf der Wiese neben dem seit September in Bau befindlichen Mast war ein Transparent mit der Aufschrift „Schützt unsere Kinder! Stoppt den Tetra-Funkmast“ aufgestellt worden, das Angela Meier zu unterschreiben bat, um eine frühere Unterschriftenaktion noch einmal zu bekräftigen. Vor dem Abmarsch hatte Anastasia Stasimeier darauf hingewiesen, dass es darum ginge, ein Zeichen gegen Tetrafunk zu setzen, aber auch ein Zeichen für Rettungskräfte, Polizei und Feuerwehr, denen mit der „veralteten und nicht funktionsfähigen Tetrafunktechnik“ nicht geholfen sei.

Am Funkmasten, der im kommenden Jahr in Betrieb gehen soll, erwartete Carola Hentschel die Teilnehmer der Kundgebung. „Tetrafunk wird den Bürgern als modernes, leistungsfähiges Netz verkauft – gilt aber in Fachkreisen als veraltet, überholt und störanfällig“, begann sie ihren Vortrag und verwies auf Komplettausfälle des Tetra-Systems beim Flugzeugunglück am Amsterdamer Flughafen Schiphol und dem Attentat auf die Holländische Königin Beatrix im selben Jahr. Zudem würden einige Todesfälle bei Feuerwehrmännern mit dem Versagen der Technik in Verbindung gebracht. „Auch unser Landkreis scheint dem neuen System nicht ganz zu vertrauen“, bemerkte Hentschel, „kürzlich wurde eine mobile Satellitenstation erworben, um bei Notfällen wenigstens über Handy kommunizieren zu können“. Die Kosten hätten die Zehn-Milliardengrenze längst überschritten, der Stromverbrauch läge bei weitem höher als der des Analogfunks. Probleme sehen Kritiker auch darin, dass Betreiber des Netzes keineswegs der Staat, sondern das französisch-amerikanische Konsortium Alcatel sei, dem so die Kontrolle sensibler Daten unterläge.

Hentschel nannte etliche „industrieunabhängige Forscher“, die vor Gesundheitsschäden warnten, so der Berliner Medizinprofessor Karl Hecht, Leiter des Instituts für Stressforschung der Charité, der als Langzeitfolgen von Elektrosmog Herz-Kreislauferkrankungen, Epilepsie, Alzheimer, Parkinson, Depressionen und Krebs gefunden habe. In England, wo seit zwölf Jahren mit Tetra gearbeitet wird, warne der Physikprofessor Gerhard Hyland vor Schlafstörungen, Störungen des Immunsystems, Nasenbluten, Erschöpfungszuständen und psychiatrischen Problemen.

Hentschel beendete ihren Vortrag mit der Frage, was Atomkraft, Nanotechnik, Gentechnik und Mobilfunk gemeinsam hätten? Die Antwort musste sie selber geben: „Keine Versicherung haftet für mögliche Schäden“.

Da blieb für Allgemeinmediziner Albert Reischl aus Burgheim nur noch der Satz: „Es ist alles gesagt“. Er berichtete dennoch am Rande der Veranstaltung von seiner Sorge um die Patienten, da Krebsneuerkrankungen auf dem Vormarsch seien. Auch Burgheim sei betroffen, meinte er und zeigte auf den Wald: „Dahinter beginnt Burgheim“. Ortlfing und Biding lägen ungefähr 800 Meter entfernt, schätzten Einheimische, Burgheim etwas weiter. Was den aktiven Notarzt sehr stört, sind Werbeplakate vor Supermärkten, die verkündeten „Tetrafunk hilft Leben retten“. Da kann er nur bitter kommentieren: „Wir haben bisher auch Leben gerettet“. Auch dass Polizeiautos mit Werbeaufdrucken für Tetrafunk herumfahren, stößt ihm sauer auf. Seine Forderung, den Probebetrieb im Landkreis nicht nur als technischen Probebetrieb zu betrachten, sondern auch gesundheitliche Folgen zu untersuchen, sei von Landrat Roland Weigert zwar an das Innenministerium weitergeleitet, dort aber abgelehnt worden.

Organisiert hatten Hentschel und Sandra Dumberger die Kundgebung, zu der auch Interessierte aus Unterhausen, Donauwörth, Illdorf und Neuburg gekommen waren. Mit dabei waren etliche Kinder, darunter die sechsjährige Anna, die tapfer ihr Schild „Ich will keinen Funkmasten“ den Berg hinauftrug.