Ingolstadt

Plötzlich Chef

Als neuer Vizepräsident des Landgerichts muss Konrad Kliegl bis auf weiteres die komplette Behörde führen

01.08.2019 | Stand 02.12.2020, 13:22 Uhr
Nach einem zweijährigen Intermezzo als Direktor des Amtsgerichts Pfaffenhofen ist Konrad Kliegl zurück am Ingolstädter Landgericht. Seit gestern ist er offiziell dessen Vizepräsident und führt wegen der Vakanz auf dem Präsidentenposten die Geschäfte. −Foto: Rehberger

Ingolstadt (DK) Eine Hausführung, das ist klar, brauchte der Mann am ersten Arbeitstag in neuer Funktion nicht.

30 Jahre hat Konrad Kliegl bis auf ein zweijähriges Intermezzo in Pfaffenhofen komplett im Ingolstädter Landgericht verbracht. Dort ist bekanntlich auch die Staatsanwaltschaft beheimatet, die in der Karriere eines staatlichen Juristen immer wieder Anlaufstelle sein kann. Im Fall Kliegls natürlich auch, wobei der 59-Jährige zuletzt mehr als ein Jahrzehnt aber als Vorsitzender Richter am Landgericht fungiert hatte, ehe der Ruf ans Amtsgericht Pfaffenhofen auf den dortigen Direktorenposten folgte. Von dort kehrt der Rohrbacher nun wieder nach Hause, wie man es auch umschreiben kann.

Der Wechsel von Jochen Bösl ans Oberlandesgericht macht es möglich. Dessen Nachfolger als Vizepräsident ist Kliegl seit gestern. Auch die Funktion als Vorsitzender der 1. Strafkammer wird er wie Bösl übernehmen. "Eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, die mich auch reizt", sagt er. Das sei sicherlich ein Grund gewesen, die Stelle anzutreten.

Der erste Prozess hat es gleich in sich: Ab 19. August verhandelt das Schwurgericht unter Kliegls Vorsitz den Totschlag in der Anlage des Geflügelzuchtvereins bei Mailing aus dem vergangenen Sommer. Der 66-jährige Angeklagte, der einen Kontrahenten mit zwei Messerstichen getötet haben soll, dürfte in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen werden.

An strafrechtlicher Erfahrung mangelt es dem Vizepräsidenten natürlich in keinem Fall, obwohl er am Landgericht über viele Jahre vor allem die Kammer für Handelssachen leitete. "Die waren geprägt durch Media-Saturn", erinnert sich Kliegl an die vielen Streitigkeiten um die Macht in dem Unternehmen. Auf beiden Seiten standen sich "Batterien von Anwälten" gegenüber - und er als Einzelrichter. "Das muss man sich behaupten können" - was der Richter zweifellos schaffte. Das Oberlandesgericht bestätigte stets seine Urteile.

Neben der fachlichen Komponente ist auf dem neuen Posten aber auch die Personal- und generell die Behördenführung gefragt; vom ersten Tag an mehr denn je. Durch den Abschied nicht nur Jochen Bösls, sondern auch der Präsidentin Sibylle Dworazik (wechselte auf denselben Posten nach Regensburg) ist Kliegl bis auf weiteres der Chef des Landgerichts. Ein neuer Präsident oder eine neue Präsidentin wird für den Herbst erwartet. Die Bewerbungsfrist sei Ende Juli abgelaufen.

Allgegenwärtig ist die angespannte Personalsituation der Behörde, die gerade durch die Klageflut gegen Audi und VW im Diesel-Skandal massiv belastet ist. Mehr als ein Dutzend weitere Richterstellen würden alleine dadurch gerechtfertigt und wären dringend nötig. Aus dem Audi-Umfeld ist bereits die nächste Klagewelle angekündigt.

 

Junger Vater kommt in Freiheit

Ingolstadt  (hl) Ein Einbruch in ein Schrobenhausener Wettbüro im Juli vorigen Jahres hat jetzt zum zweiten Mal ein Strafgericht  beschäftigt. Eine Berufungskammer des Ingolstädter Landgerichts ließ einen im vergangenen März vor dem Neuburger Schöffengericht zu einem Jahr und acht Monaten Haft verurteilten jungen Mann auf freien Fuß, weil er inzwischen neun Monate dieser Strafe abgesessen hat und besondere Umstände die Umwandlung des Urteils in eine 14-monatige Bewährungsstrafe geboten erscheinen ließen. 
Der 24-Jährige hatte schon im ersten Verfahren zugegeben, den Einbruch verübt zu haben.  Polizei und Staatsanwaltschaft gingen und gehen in diesem Fall von einem Mittäter aus, den der junge Mann aber nicht benannt hat. Die Ermittler hatten einen 29-jährigen Bekannten des geständigen Täters für den Komplizen gehalten, doch dieser hat bis heute beteuert, dass nur sein Auto, das er in der fraglichen Nacht kurz an einen Bekannten verliehen haben will, wohl in der Nähe des Tatorts abgestellt worden war. 
Vom Schöffengericht war der mutmaßliche Mittäter im März aus Mangel an Beweisen  freigesprochen worden, doch die Staatsanwaltschaft hatte  sich damit nicht abfinden wollen und war in Berufung gegangen. Der geständige Täter hatte Berufung gegen das Strafmaß eingelegt.
In der Verhandlung vor der 3. Strafkammer des Landgerichts erkannte Vorsitzender Konrad Riedel jetzt  im Falle des 29-jährigen Angeklagten weiteren Ermittlungsbedarf. Bereits im ersten Verfahren hatten   Zeugen  zum Aufenthalt und  möglichen Alibi dieses Mannes widersprüchliche Angaben gemacht. Die Berufungskammer trennte das Verfahren gegen diesen Angeklagten ab, so dass er sich beizeiten zu einer erneuten Beweisaufnahme vor dem Landgericht einfinden muss.
Im Fall des 24-Jährigen kam es zu einem neuen Urteil, das nun eben etwas milder ausfiel. Für die Kammer war entscheidend, dass der junge Mann immerhin fast die Hälfte der ursprünglich verhängten Haftstrafe verbüßt hat. Inzwischen ist er Vater geworden; sein Kind hatte er noch nicht sehen können. Auch sein Arbeitgeber wartet angeblich händeringend auf die Rückkehr des angehenden Kochs. 

Christian Rehberger