Ingolstadt

"Noch 6000 unerledigte Aufgaben"

Manfred Jäger, der neue Chef der Agentur für Arbeit, sagt der Arbeitslosigkeit den Kampf an

06.08.2014 | Stand 02.12.2020, 22:23 Uhr

Angst vor einer möglichen Krise hat Manfred Jäger, der neue Leiter der Agentur für Arbeit, nicht – trotz Stellenabbaus bei Airbus oder Osram - Foto: Hauser

Ingolstadt (DK) Seit 1. Juli ist Manfred Jäger Leiter der Agentur für Arbeit – und damit unter anderem zuständig für die Beratung von Berufsanfängern und Arbeitslosen, für Fördermaßnahmen und die Vermittlung von Ausbildungsplätzen und Stellen in der Region. Im Interview erzählt er, welche Schwerpunkte er setzen will und wie er die – eher geringen – Probleme am Arbeitsmarkt lösen will.

Herr Jäger, die Region eilt wirtschaftlich von Spitzenwert zu Spitzenwert, dazu herrscht praktisch Vollbeschäftigung. Macht das die Arbeit der Arbeitsagentur nicht ungeheuer einfach?

Manfred Jäger: Seit Jahresbeginn haben sich bei uns 14 600 Menschen neu arbeitslos gemeldet und 14 400 haben die Arbeitslosigkeit beendet. Von daher haben wir ausreichend gut zu tun. Wir reden in der Region von einer traumhaften Arbeitslosenquote von 2,3 Prozent und 1,3 in Eichstätt. Aber die Stadt Ingolstadt hat noch 3,5 Prozent, das sind über 6000 Menschen – also noch 6000 unerledigte Aufgaben.

Was ist Ihnen denn sonst aufgefallen, seit Sie in Ingolstadt sind?

Jäger: Dass die Agentur mit den örtlichen Partnern der Region sehr gut vernetzt ist. Es gibt mehrere Netzwerke, zum Beispiel WiBef, Pro Beschäftigung oder Irma. Und die haben alle zum Ziel, dass die Menschen in Arbeit kommen, dass wir Fachkräftesicherung betreiben und dass die Arbeitskräfte der Wirtschaft zur Verfügung stehen. Ich habe auch gehört, dass man hier ein sogenanntes Welcome-Center einrichten will – daran würden wir uns gerne beteiligen.

Wie soll dieses Center aussehen?

Jäger: Es ist dafür da, Menschen, die aus dem Ausland kommen, behilflich zu sein, bei Behördengängen, bei der Wohnungssuche, dass man sie mit Arbeitgebern zusammenbringt. Wenn’s selbst für einen Franken wie mich schwierig ist, hier eine Wohnung zu finden, wie schwer ist es dann für jemanden, der aus Spanien, Portugal oder aus Italien kommt?

Sie haben beim Amtsantritt gesagt, Ihre Hauptanliegen seien der Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit und die Fachkräftesicherung. Zuerst zu den Fachkräften: Inwieweit haben wir denn in der Region einen Fachkräftemangel?

Jäger: Ich würde eher sagen, dass wir in der Region einen starken Fachkräftebedarf haben. Das heißt, zu wenig Personen für die Stellen, die uns gemeldet werden. Von Fachkräftemangel kann man vielleicht im pflegerischen Bereich sprechen, zum Beispiel in der Krankenpflege, oder teilweise im Handwerk, speziell im Nahrungsmittelhandwerk.

Ist der Fachkräftemangel beziehungsweise -bedarf vielleicht hausgemacht? Schließlich streben die Meisten gleich zu Audi.

Jäger: Audi ist natürlich ein Magnet in der Region. Wir haben aber auch andere attraktive Firmen, bei denen man gutes Geld verdienen kann. Wir haben eine Zentralstelle, der wir Bedarf melden, und die dann auch im Ausland sucht. Aber unser Fokus liegt darin, die Menschen, die hier arbeitslos gemeldet sind, insbesondere die Langzeitarbeitslosen, so zu qualifizieren, dass sie dauerhaft für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und dass die Unternehmen die Produktion sicherstellen können.

Das heißt, Sie versuchen das eine Problem, den Fachkräftebedarf, mit dem anderen, der Langzeitarbeitslosigkeit, zu lösen.

Jäger: Ja. Das Ganze ist natürlich auch der demografischen Entwicklung, also immer weniger jungen Menschen in der Gesellschaft, dafür aber mehr älteren, geschuldet. Von den 6000 Arbeitslosen sind 21 Prozent Langzeitarbeitslose, darunter auch viele Ungelernte und Geringqualifizierte. Der Anteil der Menschen, die über 50 Jahre alt sind, liegt aktuell bei 36 Prozent, das ist viel. Mit 50 Jahren ist man ja heute nicht mehr unbedingt alt. Und diese Menschen werden am Markt dringend benötigt. Aber es reicht nicht mehr zu sagen: Jetzt hab’ ich die und die Stellen und die und die Bewerber – und jetzt schau’ ich, was zusammenpasst. Weil häufig passt das aktuell nicht. Wir müssen mit jedem Bewerber nach Lösungen suchen, dass wir ihn beim Arbeitgeber, den wir kennen, unterbringen. Unter Umständen mit Qualifizierungen oder spezifischen Einarbeitungen.

Es gibt auch in Ingolstadt immer mehr Menschen, die zwar Arbeit haben, aber davon allein nicht leben können. Was können Sie dagegen unternehmen?

Jäger: Aktiv qualifizieren, damit die Menschen in eine Tätigkeit kommen, von der sie leben können. Es gibt Menschen, die arbeiten auf Helferniveau, können das auch sehr gut, aber müssen mit Grundsicherung leben.

Hier leben auch viele Menschen mit Migrationshintergrund. Wie helfen Sie denen speziell?

Jäger: 20,3 Prozent unser Arbeitslosen sind Ausländer – Ausländer heißt aber nicht Migrationshintergrund. Wir bieten zum Beispiel Sprachförderung an, auch über andere Einrichtungen. Ganz klar: Wenn man dauerhaft arbeiten will, muss man Sprachkenntnisse haben, und zwar solche, die am Arbeitsplatz benötigt werden.

Im Oktober startet das neue Ausbildungsjahr – wie viele Lehrstellen sind denn noch frei – und wie viele Jugendliche sind noch nicht untergekommen?

Jäger: Wir haben noch 1400 offene Stellen in der Region und circa 580 junge Menschen, die es gilt in Ausbildung zu bringen.

Wie wollen Sie das noch schaffen?

Jäger: Viele junge Menschen fokussieren sich auf ein oder zwei Ausbildungsberufe, sehen aber nicht, was es sonst für Möglichkeiten gibt. Deswegen sind bestimmte Berufe total überlaufen, und in anderen Bereichen haben wir noch offene Stellen. Wir machen weiter unsere Berufsorientierungsveranstaltungen und laden die Jugendlichen ein, um ihnen Beratungs- und Vermittlungsangebote zu unterbreiten.

Manchmal muss man wahrscheinlich auch die Unternehmen davon überzeugen, den jungen Leuten eine Chance zu geben. Oft heißt es doch, ein Hauptschulabschluss reiche gar nicht mehr aus.

Jäger: Kann ich so nicht sagen. Die Betriebe sind grundsätzlich bereit, junge Menschen, die eine Ausbildung machen wollen – und auch ausbildungsfähig sind –, zu nehmen.

Und dennoch gibt es, trotz vieler offener Stellen, jetzt noch Jugendliche ohne Lehrstelle.

Jäger: Ganz klar: Wenn ich 1400 offene Stellen habe und noch 580 Bewerber, wird zum Schluss auch noch die eine oder andere Stelle besetzt sein. Unser Ziel ist es jetzt, für diese Jugendlichen Lösungen zu haben, im Einzelfall auch mit einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme oder einem Praktikum bei einem Ausbildungsbetrieb. Unser Ziel ist, dass wir bis zum 1. Oktober möglichst alle diese 580 Jugendlichen in Ausbildung haben.

Das sind nun, verglichen mit anderen Regionen, wenig Sorgen. Allerdings wurde jetzt bei Airbus und Osram Stellenabbau angekündigt. Könnten das Vorboten des Endes der Glückseligkeit sein?

Jäger: Das scheint ja bei beiden Firmen keine aktuelle Entlassungswelle zu sein, sondern ein Abbau über mehrere Jahre.

Haben Sie schon Kontakt zu den Unternehmen gehabt?

Jäger: Zu Airbus Defence schon. Über Osram sind wir aktuell über die Presse informiert. Da hatten wir versucht, Kontakt aufzunehmen, das hat noch nicht funktioniert. Aber wir werden uns stark einbringen. Bedenken, dass da eine größere Anzahl von Menschen dauerhaft arbeitslos wird, haben wir nicht. Das können wir uns angesichts der Arbeitsmarktentwicklung nicht vorstellen.

Das Interview führte Thorsten Stark.