Nürnberg
Mütter und Monster

Das Staatstheater Nürnberg zeigt Sibylle Bergs "Und dann kam Mirna" als temporeiche Groteske

30.10.2016 | Stand 02.12.2020, 19:07 Uhr |

Mirna, das Monsterbaby, ist der Albtraum der vier namenlosen Mütter, dargestellt von Nicola Lembach, Karen Dahmen, Ruth Macke und Lilly Gropper (von links). - Foto: Bührle

Nürnberg (DK) Der Tanz ums ach so goldige Kind, den junge Mütter aufführen, endet immer wieder dann, wenn sich das "süße Baby" - zumindest zeitweise - als schreiendes, Schlaf raubendes Monster entpuppt. Um dann, wenn es die großen blauen Augen aufschlägt und selig die Mutter anlächelt, diesen Veitstanz wieder von vorne zu beginnen.

Solche Klischees von Lust und Frust der Mutterschaft greift das Stück "Und dann kam Mirna" der Dramatikerin Sibylle Berg mit lustvoll ausgestelltem Zynismus auf.

Am Staatstheater Nürnberg nimmt das die Inszenierung von Anne Bader ganz wörtlich, wenn sie eine übermannshohe, riesige Baby-Puppe mit Klimper-augen und Quäk-Stimme auf die schwarze, leere Bühne wuchten lässt, die die engen und niedrigen Kammerspiele schier zu sprengen und das Schauspielerinnen-Quartett zu verzwergen scheint (Bühnenbild Luise Wandschneider).

Die Geburt des Monster-Babys, das wie aus dem 3D-Drucker und unter gegengelichteten Nebelschwaden auf die Welt kommt, ist "das Todesurteil der Mutter als Frau" und stellt das bis dahin selbstbestimmte Gender-Leben der feministisch getrimmten Großstadt-Emanze auf den Kopf. Sibylle Bergs als Groteske angelegte Abrechnung läuft auf ein sarkastisches "Generationen-Duell" hinaus, das sich Mütter und Töchter lustvoll liefern. Es gibt keine Handlung, sondern nur frivol-obszöne Tiraden und Verfluchungen des Mutterglücks bei Abwesenheit der Väter, die man wahlweise längst in die Wüste geschickt oder zu Samen spendenden Nobodys degradiert hat.

Die Darstellerinnen (Nicola Lembach, Karen Dahmen, Ruth Macke und Lilly Gropper) der vier namenlosen Frauenrollen stöckeln das in ihren paillettenbesetzten Glitzerfummeln so charmant und sexy auf die Bühne, dass die von der Autorin Sibylle Berg bis zur Karikatur verzerrten Mütter-Klischees zur glänzend dargebotenen, wortwitzigen Revue über "Wehen, Windeln, Weinen" werden. Und wenn dann in dieses Dauerlamento von Selbstmitleid und Selbstverwirklichungsanspruch hinein die zur Pubertät gereifte Tochter Mirna mit ihrer Life-Style-Mama - die ihre Freundin sein will - ins Gericht geht, kippt die atemlose Kinder-Küche-Karriere-Show in die Absurdität von vier "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs" (frei nach Almodovars Film) um. Die Tochter liest der pseudo-progressiven Mutter die Leviten, verlangt nach der "Ordnung eines spießigen, aber intakten und übersichtlichen Familienlebens", gegen das man sich als Jugendliche auflehnen und Sturm laufen kann; und verweigert schließlich erfolgreich die - natürlich als "Projekt" - geplante Stadtflucht und die angepeilte Idylle des Lebens auf dem neo-nazi-infizierten Land.

Man fühlt sich an den (in Nürnberg entstandenen) Debütroman "Die Riesenzwerge" erinnert, mit dem die von hier stammende Schriftstellerin Gisela Elsner ihren ersten großen Erfolg hatte. Über sie und ihren Roman schrieb seinerzeit Hans Magnus Enzensberger, sie sei eine "Humoristin des Monströsen, das im Gewöhnlichen zum Vorschein kommt". Das könnte wie ein Motto auch über der Nürnberger Inszenierung von "Und dann kam Mirna" stehen.

Vorstellungen am 9., 17., 19., 24. und 26. November, 7. Januar und 5. Mai. Kartentelefon (01 80) 5 23 16 00. Infos unter www.staatstheater.nuernberg.de" class="more"%>.