Maxi-Spaß für Minis

Zauberhaftes Theater von Anfang an: "So groß - so klein" in Ingolstadt

01.03.2020 | Stand 02.12.2020, 11:51 Uhr
Sehen der Pflanze beim Wachsen zu: Judith Nebel und Steven Cloos im Atelier des Stadttheaters Ingolstadt. −Foto: Herbert

Ingolstadt - Ein Haus an der Leine.

Winzig ist es. Und zitronengelb. Was sich darin wohl verbirgt? Neugierig folgt man dem Häuschen und Frau Klitzegroß, die es hinter sich herzieht. Frau Klitzegroß ist auf dem Weg zu ihrem Nachbarn - und nimmt das Publikum gleich mit. Bitte Schuhe ausziehen - klopf, klopf, klopf - und eintreten. Bei Herrn Riesenklein ist alles viel größer: Wenn man auf dem roten Stuhl sitzt, reichen die Beine nicht mal bis zum Boden. Seine gelben Gummistiefel haben die Ausmaße von Siebenmeilenstiefel. Und seine Zeitung hat solch überdimensionale Seiten, dass sie die Hälfte des Wohnraums einnehmen. Und ausgerechnet über diese Zeitung geraten Frau Klitzegroß und Herr Riesenklein miteinander in Streit. Die gemeinsame Lektüre will einfach nicht funktionieren. Kurzerhand zimmert sich Frau Klitzegroß ein eigenes Häuschen. Doch bei einem Tässchen Tee besiegelt man die Freundschaft erneut.

"So groß - so klein" hat Kathrin Lehmann ihr Stück für Kinder ab zwei Jahren genannt, das am Samstag im Atelier des Stadttheaters Ingolstadt Premiere feierte. Es ist die dritte Projektentwicklung für diese Altersgruppe - nach "Frau Weiß sieht rot" und "rundgeradekrumm". Und wie der Titel schon verrät, geht es nach Farben und Formen dieses Mal um das Spiel mit Größenverhältnissen.

Fast alles gibt es hier drei Mal: drei Häuser, drei rote Stühle, drei Paar Gummistiefel, drei Gießkannen - klein, mittel, groß. Schon die Größenverhältnisse sorgen mitunter für Lacher und noch viel mehr, wie die Spieler sich an den Dingen abmühen. Das Sitzen auf Riesenstühlen kann genauso unbequem sein wie auf Puppenstubenmöbeln. Das Tanzen in gigantischen Schuhen ist schweißtreibend. Eine winzige Zeitung ist rasch ausgelesen. Und wer aus zwergenhaften Tassen trinkt, kann seinen Durst kaum löschen.

Kathrin Lehmann folgt in ihrer Erzählweise der Dramaturgie der kleinen Ereignisse und verwickelt ihre beiden Spieler Judith Nebel und Steven Cloos in immer neue überraschende Situationen. Reizend ist das, wie die beiden ganz ohne Worte kommunizieren. Wie neugierig und clownesk sie kleine und große Welten erkunden. Wie aus dem geschenkten Samenkorn bald ein Pflänzchen emporrankt und ein Bettlaken plötzlich neues Spielmaterial bietet. Und mit welcher Liebe zum Detail hier gearbeitet wird! Die Post kündigt sich mit Fanfarenklängen an. Die Wäsche in der Maschine dreht sich plitschplatsch in hypnotischen Kreisen. Und die drei Häuschen ähneln sich in ihrer Ausstattung bis zur Wimpelkette (Ausstattung in Pastell und mit Poesie: Christina Huener).

"Was ist das? " "Was macht die? " oder "Viel zu groß! ", kommentieren die Kinder im Publikum. Und lachen sich scheckig, wenn ein Häuschen auf Gummistiefeln um die Ecke biegt oder die Waschmaschine einen Mini- und einen Maxi-Pulli ausspuckt, die keinem der Spieler mehr passen. Witzig ist das alles der realen Welt abgeschaut und fantasievoll und mit silberheller Wohlfühl-Musik (Malik Diao) in ein zauberhaftes halbstündiges Kinder-Spiel verwoben. Ein interaktiver Part am Schluss macht eine Entdeckungsreise in winzige oder mittelgroße Welten möglich. Beim Versteck- und Stapelspiel können die Kinder eigene (körperliche) Erfahrungen mit den Größenverhältnissen machen. Theater von Anfang an? So muss es sein! Großer Applaus!

DK


ZUM STÜCK
Theater:
Stadttheater Ingolstadt
Konzept und Regie:
Kathrin Lehmann
Ausstattung:
Christina Huener
Vorstellungen bis Ende März sind bereits alle ausverkauft

Anja Witzke