Ingolstadt

"Kein Audianer muss sich sorgen"

Audi-Gesamtbetriebsratschef Peter Mosch über die Zukunft der Arbeit, neue Antriebe und Digitalisierung

03.06.2016 | Stand 23.06.2016, 3:33 Uhr

Ingolstadt (DK) Volkswagen und seine Töchter stecken wie die gesamte Automobilindustrie im digitalen Wandel. Der bringt für den Konzern und die Angestellten viele Herausforderungen mit sich. Audi-Gesamtbetriebsratschef Peter Mosch sieht den Ingolstädter Autobauer im Gespräch mit unserer Zeitung für die Zukunft gerüstet.

Herr Mosch, das Automobil verändert sich. Die Digitalisierung schreitet voran, die E-Mobilität hält zunehmend Einzug. Volkswagen gibt das Ziel aus, in diesem Bereich bis 2018 führend sein zu wollen. Wie steht der Konzern im Augenblick da?

Peter Mosch: Ich sehe den Konzern dahingehend auf einem sehr guten Weg. Doch die gesamte Automobilindustrie in Deutschland muss erkennen, dass Elektromobilität - oder besser alternative Antriebe generell - an Wichtigkeit gewinnen werden. Wir können keine Energiewende fordern und die Ökologie in den Vordergrund rücken, ohne etwas dafür zu tun. Deswegen bin ich der festen Überzeugung, dass hier in den kommenden Jahren wahnsinnig viel passieren wird. Audi beispielsweise wird im Jahr 2018 mit einem reinen Elektroauto mit einer Reichweite von über 500 Kilometern an den Start gehen. Meiner Ansicht nach ein starker Beweis für den Aufbruch.

 

Wichtig für die Zukunft der E-Mobilität ist auch eine umfassende Infrastruktur. Ist es denkbar, dass Audi ein eigenes Netz aus Lade-Stationen aufbaut, ähnlich wie es beispielsweise der US-Hersteller Tesla vorhat?

Mosch: Damit die E-Mobilität endlich auch in Deutschland sichtbar auf die Straße kommt, bedarf es mehrerer Punkte. Die Lade-Infrastruktur ist ein sehr wichtiger Aspekt, in meinen Augen aber primäre Aufgabe des Staates. Eine erfolgreiche Zukunft der E-Mobilität hängt zudem auch von der Akzeptanz der Kunden ab und vor allem davon, wo die Kompetenz - etwa im Bereich der Batteriezelltechnik - zu Hause ist.

 

Da Sie es ansprechen: Volkswagen plant angeblich eine eigene Fabrik für Batterien und Batteriezellen. Hier dominieren Firmen aus Fernost den Markt. Ist die deutsche Autoindustrie im Moment abhängig?

Mosch: Ganz klar, ja. Davon bin ich überzeugt. Firmen aus Südkorea und Japan sind führend. Selbst China zieht nun nach. Dies gilt aber hauptsächlich für die heutige Technologie, also für Lithiumionenbatterien. Mein Ansatz lautet daher, dass Deutschland bei den Zukunftstechnologien der Batteriezellen führend werden muss, die derzeit erst in der Erprobungsphase sind. Dann haben wir eine gute Chance, Abhängigkeiten zu vermeiden.

 

Kann der VW-Konzern das alles allein?

Mosch: Mir ist in erster Linie wichtig, dass der Standort Deutschland davon profitiert. Hier müssen die neuesten Entwicklungen entstehen. So sichern wir Beschäftigung und bauen sie nachhaltig auf. Ob das mit einem Konsortium von Herstellern passiert, oder ausschließlich im VW-Konzern, ist zweitrangig. Wichtig ist, am Standort Deutschland die Kompetenz aufzubauen.

 

Sind auch Kooperationen mit Universitäten denkbar - also beispielsweise mit der Technischen Hochschule Ingolstadt?

Mosch: Es ist wichtig, dass die Industrie mit Hochschulen und Universitäten zusammenarbeitet. Gerade im Bereich Zellchemie. Doch hier muss endlich auch ein Ruck durch die Bundesregierung gehen und die oft beschworene Wiederbelebung der Batteriezellforschung in Deutschland vorangetrieben werden. Selbst werden wir bei Audi ja auch nicht müde, immer wieder in Richtung Zukunft zu gehen. Unser Batterie-Technikum in Gaimersheim ist dafür ein Beweis. Hier bündeln wir Know-how rund um die Batterie und treiben die Entwicklung voran.

 

So oder so wird sich das Automobil und die Fertigung verändern - und damit die Anforderungen an die Audianer . . .

Mosch: . . . das ist gerade für uns das Spannende. Doch zusammen mit dem Unternehmen sind wir auf einem guten Weg. Heute wie in der Vergangenheit. Ich habe es selbst erlebt, als ich vor 28 Jahren bei Audi als Industriemechaniker begonnen habe. Das war damals ein völlig neuer Beruf, der mittlerweile zum Alltag gehört. Ich denke, das kann man vergleichen. Durch die Digitalisierung werden sich Berufsbilder erneut drastisch verändern. Ehrlicherweise heißt das auch, dass Aufgabengebiete wegfallen werden. Es werden aber auch wieder neue hinzukommen. Vor diesem Wandel stehen wir aktuell. Wir Arbeitnehmervertreter sind davon überzeugt, dass wir das nur bewältigen können, wenn die Menschen einbezogen werden - etwa bei der Gestaltung des Arbeitsplatzes.

 

Sind Arbeitsplätze im Bereich alternative Antriebe also sicherer als jene in herkömmlichen Sektoren?

Mosch: Das kommt darauf an, wie die Beschäftigten in die Veränderungsprozesse mit eingebunden werden. Zusammen mit dem Unternehmen setzen wir das jetzt schon erfolgreich um. Somit gibt es gute Aussichten für das Zeitalter alternativer Antriebe und Digitalisierung. Der Schlüssel liegt aber in der Qualifizierung. Wir müssen die Menschen weiterbilden. Wer heute noch körperlich arbeitet, kann vielleicht morgen schon überwachende Tätigkeiten wahrnehmen. Hier wird es eine Weiterbildungsoffensive geben. Zudem ist wichtig, die Herausforderungen der Digitalisierung und die Entwicklung alternativer Antriebe in Ingolstadt, Neckarsulm und den anderen bestehenden Audi-Standorten zu bewältigen und Veränderungen in die tägliche Arbeit zu integrieren. So wird niemand abgehängt.

 

Dennoch wird es auch zu Bewegungen kommen. Direkt gefragt: Sind bei Audi und damit in der Region Arbeitsplätze gefährdet?

Mosch: Kein Audianer muss sich sorgen. Wir sind schon mitten in der Digitalisierung. Auch heute sind bereits unzählige Arbeitsplätze bei uns im digitalen Zeitalter angekommen. Diese Entwicklung wird sich zwar beschleunigen, doch wir sind dafür gut gerüstet.

 

Ein Nachteil der Digitalisierung ist sicher die anfallende Datenmenge, die von modernen Autos gespeichert und weitergesendet wird. Eine Untersuchung des ADAC hat diese Woche Erschreckendes zutage gefördert. Wie stehen Sie dazu?

Mosch: Wir Arbeitnehmervertreter wehren uns gegen den gläsernen Menschen. Hier sollte die Gesellschaft aufpassen. Der Gesetzgeber muss Rahmenbedingungen schaffen. Wie sieht es in Zukunft mit den Persönlichkeitsrechten aus? Wo müssen Grenzen gezogen werden? Vor dem Hintergrund der digitalen Neuerungen müssen diese Fragen geklärt werden. Für mich ein absolutes Muss.