Ingolstadt

"Ich setze große Hoffnung auf die jungen Leute"

Charlotte Knobloch über 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und den Wert historischer Bildung

15.07.2021 | Stand 18.07.2021, 3:33 Uhr
"Die Gesellschaft ist momentan etwas gespalten", sagte Charlotte Knobloch am Dienstag nach dem Empfang der Stadt Ingolstadt zu ihren Ehren. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern wünscht sich mehr politische Bildung - nicht nur an den Schulen. −Foto: Hammer

Ingolstadt - Im Jahr 321 legte der römische Kaiser Konstantin fest, dass Juden in der Kurie (der zeitgenössische Begriff für die Verwaltung) der Stadt Köln Ämter ausüben dürfen.

Dieses Edikt gilt als frühester Beleg dafür, dass jüdische Gemeinden schon seit der Spätantike ein integrativer Bestandteil der europäischen Kultur sind. Eine Vielzahl von Veranstaltungen und Festen erinnert heuer an 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Jüdinnen und Juden sind in diesem Land alles andere als Fremde, betont Charlotte Knobloch, seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Sie war von 2005 bis 2013 Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses.

Die 88-jährige Münchnerin war am Dienstag in Ingolstadt zu Gast, wo sie Schülerinnen und Schüler würdigte, die vom Historischen Verein Ingolstadt für die Erforschung von Biografien jüdischer NS-Opfer ausgezeichnet wurden. Zuvor sprach Charlotte Knobloch mit unserer Zeitung über den immer aggressiver werdenden Antisemitismus in der Bundesrepublik und beschrieb, wie man den Angriffen auf Juden entschlossen begegnen könne: mit strengeren Gesetzen und profunder historischer Bildung.

Frau Knobloch, wir erleben heuer einen facettenreichen Veranstaltungsreigen anlässlich des Festjahres "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland". Vielen Deutschen ist diese lange, reiche Tradition nicht bewusst. Was sollten Ihrer Ansicht nach die Kultusministerien, Schulen und weitere Bildungseinrichtungen unternehmen, damit dieses Defizit bei den jungen Generationen nicht mehr entsteht?
Charlotte Knobloch: Es ist äußerst wichtig, dass sich die Bildungseinrichtungen sehr intensiv mit der Vergangenheit beschäftigen und den jungen Leuten gewisse Bildungsmöglichkeiten geben, damit sie ihr Land auch aus der Vergangenheit kennenlernen. Man kann nicht früh genug damit anfangen, womöglich sogar schon im Kindergarten. Wir brauchen die politische Bildung. Die sollte in den Bildungseinrichtungen ein Lehrfach sein - selbst, wenn es nur ein Mal in der Woche ist -, damit sich die jungen Leute mit diesen Themen beschäftigen.
Wie könnte diese Bildung in den Kindergärten aussehen? Etwa Vermittlung von Toleranz, Religions- und Meinungsfreiheit?
Knobloch: Das ist alles sehr wichtig. Und es ist auch sehr wichtig, dass die 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland jetzt in den Vordergrund kommen. Denn es hat sich so eine Überzeugung festgesetzt, dass Juden eigentlich Fremde sind. Ich bin schon manchmal gefragt worden, über welches Meer ich gekommen bin. In dieser Richtung ist es wichtig, dass man weiß, dass jüdisches Leben seit vielen Jahrhunderten in unserem Land vorhanden ist, und dass wir damit ein Teil dieses Landes sind.

Was kann unsere Gesellschaft anlässlich des Festjahrs "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" für die Zukunft mitnehmen?
Knobloch: Die Gesellschaft ist momentan etwas gespalten. Das tut mir sehr, sehr leid, aber ich setze sehr große Hoffnung auf die jungen Leute, die zwar teilweise vergiftet werden durch das Internet, das muss man schon sagen, aber durch die politische Bildung die Kraft bekommen, sich dagegen zu wehren. Das ist für mich entscheidend für unsere Zukunft und auch für die Zukunft des jüdischen Lebens in unserem Land.

Antijudaismus und Antisemitismus sind älter als 1700 Jahre. Die Reihe #2021JLID soll auch "erstarkendem Antisemitismus etwas entgegensetzen". Wie erleben Sie dieses Erstarken in den vergangenen Jahren?
Knobloch: Die Verantwortlichen haben schon darauf geachtet, dass diese Themen in den Vordergrund kommen und auch in den Medien besprochen werden. Die vielen Vorfälle der letzten Jahre sind bekannt. Aber was mich besonders bedrückt, sind die nicht ausreichenden Gesetze, die diesen Judenhass in Grenzen halten und auch ahnden können. Das ist noch ein großes Thema, worüber wir uns unterhalten müssen. Es geht nicht an, dass Menschen verspottet, geschlagen, angespuckt werden, nur weil sie Juden sind. Wenn dies vorkommt, dann muss es auch bestraft werden! Ich hoffe, dass das bald konsequent geschieht.

Welche Art von Gesetz fordern Sie? Zum Beispiel eines auf der Basis des Straftatbestands der Volksverhetzung?
Knobloch: Ich fordere klare Gesetze gegen Volksverhetzung, die gefährlich ist, besonders für junge Menschen, damit die Exzesse, die stattfinden, auch tatsächlich bestraft werden. Das fehlt mir bislang.

Am heutigen Donnerstag berichtet der Antisemitismusbeauftragte des Bayerischen Landtags, Ludwig Spaenle, dem Parlament über "Empfehlungen zum Umgang mit Antisemitismus in Schulen". Welche sind Ihre Forderungen an die Bildungspolitik, um dem an Aggressivität und Umfang weiter zunehmenden Antisemitismus etwas Starkes, Überlegenes entgegenzusetzen?
Knobloch: Ich kenne die derzeitigen Ausrichtungen der KZ-Gedenkstätten. Und wenn ein junger Mensch nach Auschwitz kommt, dann braucht er keine Erklärung. Die anderen Gedenkstätten sind Gedenkstätten, aber sie bieten nicht das Bild, das Auschwitz bieten muss - und eben auch bietet. Ich glaube, es wäre sehr wichtig, dass man vereinzelt mit den jungen Leuten so eine Wissensreise unternimmt. Ich hoffe, dass die dann ihre Eindrücke unter ihren Freunden und Bekannten verbreiten. Und ich hoffe, dass vor allem die Schulen und alle Erziehungseinrichtungen die Kinder auch zu einer gewissen Liebe zu ihrem Land erziehen und zu einem Gefühl der Verantwortung dafür. Das ist wichtig, damit sie auch das Menschliche in den Kindern rühren können, wenn die Vergangenheit an sie herankommt und sie sich über die Vergangenheit unterhalten.

DK

Das Gespräch führte Christian Silvester.