Ingolstadt
"Hier geht es aber um Menschenleben"

IG Bau kritisiert Zahl der Beschäftigten mit niedrigem Einkommen - Gewerkschafter und Betroffene äußern sich

09.11.2020 | Stand 23.09.2023, 15:19 Uhr |
2350 Euro beträgt derzeit die Niedriglohnschwelle in Westdeutschland. Auch in Ingolstadt und der Region arbeiten viele unterhalb dieses Wertes. −Foto: IG Bau

Ingolstadt - In Ingolstadt arbeiten Angaben zufolge aktuell rund 8200 Vollzeit-Beschäftigte zum Niedriglohn.

Diese Zahl veröffentlichte die Gewerkschaft IG Bauen Agrar und Umwelt unlängst in einer Pressemitteilung. Die Beschäftigten erzielten trotz voller Stundenzahl ein Einkommen unterhalb der amtlichen Niedriglohnschwelle von derzeit 2350 Euro brutto im Monat (Wert für Westdeutschland).

In der Region gehören demnach die Gebäudereinigung, Landwirtschaft und Floristik zu den Branchen, in denen besonders wenig gezahlt werde. Andere Branchen, darunter der Einzelhandel, Sicherheitsdienste, Büros und die Leiharbeit seien zudem betroffen, teilt die Gewerkschaft mit. Grund für das Lohndumping sei demnach unter anderem die schwindende Tarifbindung. "Dass selbst eine Vollzeitstelle häufig nicht ausreicht, um finanziell halbwegs abgesichert zu sein, ist alarmierend", warnt Michael Müller, Bezirksvorsitzender der IG Bau Oberbayern und ergänzt: "Es droht eine immer tiefere Spaltung des Arbeitsmarktes. " Diese werde durch die Corona-Pandemie zum Teil noch verschärft. Der Gewerkschafter ruft die Unternehmen in der Stadt deshalb dazu auf, sich zu Mitbestimmung und Tarifautonomie zu bekennen. Gleichzeitig appelliert er an die Sozialpartnerschaft als Erfolgsmodell, das Beschäftigten und Betrieben über Jahrzehnte wachsenden Wohlstand beschert habe.

Karl Bauer, Regionalleiter der IG Bau, spricht gegenüber unserer Zeitung von einem "sehr hohen Anteil" von Beschäftigten im Niedriglohnsektor in Ingolstadt. Es handele sich aber um ein bundesweites Problem, wie er betont. Bauer schlägt deshalb vor, den Mindestlohn deutlich nach oben zu korrigieren. Dies wirke sich letztlich auch positiv auf die Rente aus und würde mehr Rentner vor einer Nebentätigkeit bewahren. Speziell in Ingolstadt sieht er aber auch die hohen Mieten vor Ort problematisch. Für Niedriglohn-Beschäftigte seien diese kaum oder gar nicht zu bezahlen. Dass in Ingolstadt Niedriglohnarbeit im Gebäudereinigerhandwerk häufig vorkomme, hänge mit dem hohen Bedarf an der Dienstleistung am Industriestandort zusammen, so der Gewerkschafter, der als Beispiel die Automobilindustrie anführt.

Die IG Bau hat Anfang November den Tarifstreit im Gebäudereinigerhandwerk nach vier Verhandlungsrunden beigelegt. Nach einem zähen Verlauf - die Arbeitgeber boten zunächst 20 beziehungsweise 22 Cent mehr in der Stunde an - sei nun jedoch ein "sehr guter Abschluss" erzielt worden, sagt Heike Stoffels, stellvertretende Regionalleiterin der IG Bau. In drei Stufen steigt der Lohn demnach um insgesamt elf Prozent, bis 2023 damit auf zwölf Euro.

Damit sieht Stoffels nach ihrem Bekunden ein wichtiges Ziel der Tarifforderungen - auch hinsichtlich dem Entkommen drohender Altersarmut - erreicht, wenn auch kein Weihnachtsgeld für die bundesweit rund 700000 Beschäftigten ausgehandelt werden konnte. Hauptstreitpunkt in den Verhandlungen war die unterschiedliche Bewertung der Folgen von Corona auf die Branche. Nach Informationen der IG Bau hat sich die Arbeitsbelastung von Reinigungskräften in der Pandemie erhöht.

Eine 40-jährige Frau aus dem Kreis Neuburg-Schrobenhausen, die als Reinigungskraft in einem Krankenhaus in der Region arbeitet, bekam diese Mehrbelastung in den vergangenen Monaten zu spüren, wie sie im Gespräch mit dem DK schildert. Beschäftigte in anderen Branchen, so klagt sie, erhielten zwischen 14 und 17 Euro in der Stunde für Arbeit, die anschließend noch einmal kontrolliert würde. "Hier geht es aber um Menschenleben", empört sie sich.

Die Frau, die an dieser Stelle anonym bleiben möchte, erhält aktuell einen Stundenlohn von 10,80 Euro. Allerdings in Teilzeit mit einer Wochenarbeitszeit von 75 Prozent - wie viele andere Arbeitnehmer in der Branche auch, so die Reinigungskraft. "Ich bin auf einen Nebenjob angewiesen, weil ich nicht vom Staat abhängig sein möchte", sagt sie. Drei Stunden in der Woche gehe sie deshalb putzen. Das sei unter den Beschäftigten kein Einzelfall, wie sie berichtet. Letzten Endes bliebe unter dem Strich aber mehr Nettolohn als in Vollzeit. Mit der jetzt erzielten Einigung sei sie zunächst zufrieden, wenn auch sie sich für die Zukunft 15 Euro in der Stunde für ihre Arbeit wünsche.

Von einem Arbeitgeber aus der Gebäudereinigungsbranche war indes keine Stellungnahme zu diesem Thema zu erhalten. "Wir sind nicht in der Gewerkschaft", hieß es bei einer Firma, die der DK telefonisch anfragte. Weitere Auskünfte erteile man nicht. Ein anderer Betrieb reagierte gar nicht erst auf die Anfrage.

DK

Michael Brandl