Ingolstadt

Glaubwürdigkeit an erster Stelle

Stadtrat Raimund Köstler will für die ÖDP in den Landtag einziehen.

21.09.2018 | Stand 02.12.2020, 15:37 Uhr
IT-Architekt kandidiert für den Landtag: ÖDP-Stadtrat Raimund Köstler. −Foto: Hammer

Ingolstadt (DK) Ein eigenes Handy? Das Mobiltelefon, das Raimund Köstler benutzt, gehörte früher seinem Sohn. Als der sich ein neues kaufte, hat Köstler das alte übernommen. Der Audianer könnte sich ohne Probleme ein eigenes Smartphone kaufen. Schließlich arbeitet er seit über 30 Jahren bei der Firma und ist dort für die IT-Architektur zuständig. Aber er mag nicht. Der Ökodemokrat will nichts wegwerfen. Da ist er konservativ: Was man noch brauchen kann, wird aufgehoben.

"Besser statt immer mehr" lautet das Wahlkampfmotto des 54-Jährigen, der in Reichertshofen geboren wurde, aber im Piusviertel aufwuchs. Wobei das in den 60er-Jahren von Feldern und Wiesen umgeben war, wie er sich noch gut erinnert. Köstler hat drei erwachsene Kinder und ist mit seiner Lebensgefährtin seit 1992 liiert, aber nicht verheiratet. "Das hält länger als so manche Ehe", sagt er mit einem leichten Schmunzeln.

Köstler hat allein schon beruflich das große Ganze im Blick. IT-Architektur vergleicht er mit dem Bau von Häusern. Er ist nicht der Maurer, der die Wände hochzieht. Er ist auch nicht mehr der Architekt, der Gebäude plant. Seinen Job vergleicht er mit dem eines Städteplaners. "Ich muss alles kennen, mich ständig weiterbilden und überall bei Audi tätig sein", sagt er. Nebenbei gibt er noch Vorlesungen an der THI.

Ähnlich ist sein Ansatz in der Politik. "Ich finde den Wahlkampf sehr spannend", sagt der ÖDP-Landtagskandidat. "Ich lerne viel dazu." So hat er sich auch mit den Programmen der anderen Parteien beschäftigt und darin so manche Überraschungen entdeckt. Natürlich hat er das eigene Programm gründlich studiert, den Blickwinkel über das kommunale Geschehen hinaus erweitert hin zur Landes- und Bundespolitik.

2008 ist Köstler zur ÖDP gekommen. "Ich wollte politisch was tun", erinnert er sich - und las diverse Parteiprogramme durch. Seine Einstellung war damals schon von der Ökologie geprägt, und dann kannte er als Audianer und Oberhaunstädter seinen Vorgänger im Stadtrat, Franz Hofmaier. Das gab dann den Ausschlag.

Doch warum sollte jemand am 14. Oktober sein Kreuzchen bei der ÖDP machen und nicht bei den Grünen? "Keine Konzernspenden", lautet die prompte Antwort. Seine Partei lehne dies entschieden ab. Für Köstler ist in der Politik die Glaubwürdigkeit entscheidend. Als Beispiel nennt er die aktuellen Vorgänge im Hambacher Forst, die die Grünen mit zu verantworten hätten, als sie Teil der Landesregierung in NRW waren.

Als Politiker müsse man sich die Frage stellen, wem Entscheidungen nutzen, wer davon profitiert. Im Falle der Dieselaffäre seiner Meinung nach die Autoindustrie. Köstler hat grundsätzlich nichts gegen industrielle Produktion, wie auch ein gewisses Maß an Wohlstand erstrebenswert sei - aber es müsse alles glaubwürdig sein.

Der Audianer und Landtagskandidat einer eher konservativen ökologischen Partei bezeichnet sich selbst als Schönwetterradler, der bei schlechtem Wetter mit dem Bus in die Stadt fährt. Ansonsten benutzt er seit über fünf Jahren einen Elektro-Smart, für ihn ein ideales Auto für nicht allzu große Distanzen.

Eine Alternative zum Auto wäre für Köstler ein S-Bahn-Netz in der Region. Immerhin ist die ÖDP einer der geistigen Väter des Audi-Bahnhalts und fordert seit Jahren mehr Investitionen in den Öffentlichen Personennahverkehr. Auch beim Thema Flächenverbrauch können die Ökodemokraten punkten - selbst wenn das Volksbegehren in Bayern nicht zugelassen wurde. Es war einst eine Idee der ÖDP, im Norden der Stadt eine Landesgartenschau zu präsentieren. "Sonst würden da schon längst GVZ-Hallen stehen", ist sich Köstler sicher.

Generell steht der Kandidat für einen Sitz im Maximilianeum dem Credo eines permanenten, unbegrenzten Wachstums kritisch gegenüber. "Das wird in Ingolstadt nicht diskutiert." Was habe denn der einzelne Bürger davon, wenn die Stadt immer größer wird? Daher sein Wahlkampfmotto "Besser statt immer mehr". Wer mit der eigenen Situation zufrieden ist, braucht nicht mehr. "Das bedeutet dann auch keinen Verzicht", sagt Köstler. In Ingolstadt beobachte er die permanente Angst, nicht Erster zu sein, eine Haltung, die durch Konsumgesellschaft und Werbung gefördert werde. "Aber als Zweiter lebt es sich auch ganz gut."

Zu den Zielen der ÖDP gehört unter anderem eine Anhebung des Mindestlohns sowie ein Erziehungsgehalt: Kinder sollen nach den Vorstellungen der Partei in den ersten Lebensjahren von ihren Eltern erzogen werden, sofern dies möglich ist. Weiter werden mehr Investitionen in Bildung sowie einen Ausbau des ÖPNV gefordert. Sofort abschaffen würde die ÖDP die 10-H-Regelung in Bayern, wonach Windräder das Zehnfache ihrer Höhe als Abstand zur nächsten Bebauung haben müssen. Sie setzt auf regional erzeugte Energie.

Durch die politische Arbeit, so Köstler, habe er ziemlich viel gelernt. Auch, dass man sich mal was trauen muss. Dafür hat sich der OB-Kandidat von 2014 zum letzten Faschingsbeginn einen bunten Anzug gekauft - extra für diesen Gag. "Das war ein Zeichen, dass man die Politik nicht über alles stellen soll." Der laut Selbsteinschätzung eher nüchterne Typ ging früher gerne verkleidet auf Faschingsbälle, die es aber bis auf den der BGI nicht mehr gibt.
 

Bernhard Pehl