Konzert
Freigeist unter freiem Himmel

17.09.2020 | Stand 02.12.2020, 10:33 Uhr |
Konstantin Wecker trat im Innenhof des Deutschen Museums auf. −Foto: Buchenberger

MünchenAm Eingang zum Deutschen Museum hängen zwei Banner mit dem Slogan "Wissen erleben". Heute heißt es aber erst mal "Wecker erleben".

Der große deutsche Liedermacher Konstantin Wecker gibt sich auf der Bühne im Innenhof der 1903 gegründeten Sammlung von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik die Ehre. Und es ist wirklich immer noch ein Erlebnis, den inzwischen 73-jährigen Münchner live zu erleben. Auch dieser freut sich über das "live" und etwa 400 Besucher an einem lauen Spätsommerabend: "Es ist so eine Freude, wieder vor lebendigen Menschen aufzutreten und nicht im Autokino oder Stream."

Zu Beginn stellt er dann gleich die Frage nach der Systemrelevanz der Kunst und kommt nach einem Zitat des von ihm verehrten österreichischen Künstlers Georg Kreisler zu dem Schluss: "Der Mensch braucht Kunst!" Zu dieser hat der Poet und Pianist in den letzten 50 Jahren einiges beigetragen, weshalb er auch sein Programm chronologisch bestreiten möchte. Und so erzählt er von seinen ersten Auftritten mit Liedern von Bertolt Brecht in einer Münchner Schwulenbar, seiner früheren Zuhälter-Optik mit Nerzmantel und seinem Elternhaus. Das tut er immer wieder mit Anekdoten, Gedichten, aber natürlich auch mit Musik wie dem Lied "Genug ist nicht genug" aus dem Jahr 1977.

Schon bald legt der Pianist das Sakko ab und greift im gestreiften T-Shirt inbrünstig in die Tasten. Im Verlauf widmet er seine wunderbaren Melodien seinem Vater, seinen Kindern und singt für seine Oma. Aber auch für die Geschwister Scholl und ihre Mitstreiter, die in München Opfer des NS-Regimes wurden. Weckers klare, ja aggressiv antifaschistische, aber auch antiautoritäre Haltung zieht sich wie ein roter Faden mit Stücken wie "Vaterland" von 1979 oder "Sage Nein" aus den 90ern durch sein Gesamtwerk. Der Poet war schon immer politisch und ist es auch aktuell noch.

Dennoch steht die Poesie an diesem warmen und wunderbaren Abend im malerischen Ambiente im Vordergrund. Wie schon bei den vergangenen Konzerten schlägt die große Museumsuhr regelmäßig und bei einigen Liedern sogar passend und akzentuierend. Kurzfristig spielt Wecker im Takt mit dem Läuten. Das sorgt für Heiterkeit beim Publikum. Ebenso wie ein vom Band eingespieltes Duett aus dem Jahr 1959 mit seinem Vater, einem Opernsänger. Zu dessen Bariton sang der kleine Konstantin, damals Sopran, den weiblichen Counterpart. "Ich war eine hinreißende Traviata", meint er zu den gemeinsamen Duetten der italienischen Oper. Mit der Lesung des Gedichts "Jeder Augenblick ist ewig" geht nach etwa 100 Minuten der "Augenblick" eines lebendigen Menschen für lebendige Menschen zu Ende. Ein wirklich schönes Erlebnis!

DK