Ingolstadt

Ermutigende Blicke auf die hellen Seiten der Welt

Schüler der Ickstatt-Realschule erfuhren, wie man sich gegen Hass und Mobbing wehrt – nicht nur im Internet

24.07.2017 | Stand 02.12.2020, 17:44 Uhr
Schöne Aussichten in der Schule 4.0: Beim Besuch eines Teams des Jugendprogramms „Think Big“ kamen am Freitag in der Ickstatt-Realschule auch Virtual-Reality-Brillen zum Einsatz. −Foto: Hauser

Ingolstadt (sic) Julien, Timur und Maurice wollen Gefühle zeigen.

Trost. Fürsorge. Beistand. Die Achtklässler sitzen um einen Tisch herum und sinnieren darüber, wie man sich am besten um Freunde kümmert, die „einen lieben Menschen verloren haben, zum Beispiel durch einen Unfall“. Eines ist klar: „Man muss viel Zeit mit ihnen verbringen.“ Zwei Tische weiter machen sich Evelyn und Sofia Gedanken darüber, „was man gegen die Diskriminierung von Flüchtlingen tun kann, die in Containern leben“. Ihre Klassenkameraden Omar und die zwei Danis überlegen sich derweil „eine Taktik gegen rassistische Beleidigungen bei Online-Games“. So geht die Problemorientierung weiter in der 8 d der Ickstatt-Realschule. Alles Fragen, die junge Menschen bewegen. Sechs Schülerteams, sechs Aufgaben, ein Ziel: Strategien gegen Mobbing und Hass entwickeln. Mit Mut, Menschlichkeit, Solidarität und den neuen Möglichkeiten der digitalen Moderne.

Die Schüler bedienen Tablet-PCs. Alle sind ernst bei der Sache. Am Ende des Workshops soll eine kurze, mit Trickfilmsoftware produzierte Präsentation unterhaltsam für die Probleme sensibilisieren und Lösungsvorschläge visualisieren. Eine Projektion auf dem Whiteá ?board bildet das Prozedere ab: „1. Brainstorming: Keine Kritik, ALLES aufschreiben. Seid wild! Malt Bilder! Baut aufeinander auf!“ In Schritt 2 sollen die Jugendlichen ihre Ideen in das Spannungsfeld „Spaß – Sozial – Digital“ einfließen lassen. Wie man das heute eben so macht in der Schule 4.0.

Das kreative Miteinander in der 8 d ist an diesem Tag nicht der einzige außergewöhnliche Workshop in der Ickstatt-Realschule. Ein Team von Think Big weilt mehr als fünf Stunden im Haus, um die Heranwachsenden mit einem positiven Menschenbild vor den Abgründen sozialen Handelns zu bewahren: Diskriminierung jeder Art, Hasskommentare (nicht nur im Internet). Kurz: alles, was wehtut. Think Big heißt ein Jugendprogramm der Telefónica-Stiftung sowie der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung.

„Unsere Ziele sind soziale Gerechtigkeit und Vielfalt“, sagt Sophia Widmann vom Think-Big-Team. Mobbing sei gerade an Schulen ein sehr ernstes und verbreitetes Phänomen, das die Opfer um so härter in der Pubertät treffe, „wenn auch noch die körperliche Unsicherheit dazukommt“, erklärt die junge Pädagogin. „Diskriminierung ist allgegenwärtig. Wir wollen daher Methoden vermitteln, wie man damit umgeht.“ Alles beginne damit, dass die Jugendlichen „zum ersten Mal Worte dafür finden, was sie schon lange fühlen“. Oder erleiden. Der hohe technische Aufwand – die Think-Big-Leute setzen den Schülern sogar Virtual-Reality-Brillen auf – erleichtere es, sich auf Probleme einzulassen, „und erhöht zugleich die Reichweite“, sagt Sophia Widmann.

Breitenwirkung sei deshalb wichtig, ergänzt ihr Kollege Andrej Plantikow, „um die Ideen, die wir im Klassenraum entwickeln, in die Welt zu streuen“. Um so den Hasskommentaren im Internet etwas Konstruktives entgegenzusetzen. Auf ihrer Tour durch deutsche Schulen müssen sich die Think-Big-Mitarbeiter regelmäßig mit Sorgen von Schülern auseinandersetzen, die dramatisch davon berichten, wie es ist, „wenn auf Facebook Leute, von denen man dachte, dass man sie kennt, plötzlich abdriften“ und einen mit Gemeinheiten überziehen. Plantikow: „Wir helfen dabei, sich dagegen zu wehren.“

Im Digitalzeitalter gebe es viel Neues zu lernen und zu lehren, sagt Johanna Mödl, die Leiterin der Ickstatt-Realschule. „Jeder, der in einem sozialen Netzwerk etwas schreibt, muss wissen, dass es sich dabei um eine Veröffentlichung handelt!“ Mit allen juristischen Implikationen. „Auch die Frage ,Was gebe ich von mir im Internet preis?’ ist ein wichtiges medienpädagogisches Leitthema“, sagt die Direktorin. Das Kollegium kümmere sich engagiert darum. Der Einsatz der Think-Big-Truppe hat Johanna Mödl begeistert. Nicht zuletzt wegen des Einblicks in mögliche Unterrichtsmethoden der Zukunft. Virtual-Reality-Brillen sind auch an der gut ausgestatteten Ickstatt-Realschule noch nicht Standard.