Ingolstadt
Er fliegt auch ohne Flügel

02.05.2011 | Stand 03.12.2020, 2:52 Uhr |

"Wir wollten ihn nicht so weit weggeben": Armeemuseumschef Ansgar Reiß kann das spektakuläre Großobjekt seines Hauses bald in der neuen Lehrsammlung des Jagdgeschwaders 74 in Neuburg besichtigen. Gestern transportierten Einheiten vom Fliegerhorst und des Gebirgspionierbataillons 8 aus Ingolstadt den Jet dort hin. - Foto: Rössle

Ingolstadt (DK) Seit fast 25 Jahren schlummerte ein Starfighter im Magazin des Bayerischen Armeemuseums vor sich hin. Gestern ging der Kampfjet auf Reisen von Ingolstadt nach Neuburg, wo er als Leihgabe beim Jagdgeschwader 74 in der neuen Lehrsammlung bis auf weiteres seine Heimat findet.

Der Unterschied ist bezeichnend. Der Musikzug der Bereitschaftspolizei spielte auf. Oberst Hans-Joachim Meißner trat ans Mikrofon. Auch Ministerialdirektor Rainer Keßler sprach. Es ging äußerst feierlich zu. Das war vor einem Vierteljahrhundert, als der Starfighter in Ingolstadt ankam. Und dann das Bild gestern. Oberleutnant Ralf Hieke vom Jagdgeschwader 74 war der ranghöchste Soldat. Und er kam auch nicht im Ausgehanzug, sondern wie die anderen im Overall. Er hatte ja mit Kameraden vom Gebirgspionierbataillon 8 und deren Kran zu tun, um den Schwertransporter zu beladen. So sah es aus, als der Starfighter gestern die Stadt wieder verlassen hat.

Über zwei Jahrzehnte war er hier, weitgehend vergessen von der Bevölkerung. Dabei geht die Verbindung durchaus noch ein paar Jahre länger zurück. Der Jet ist bei Messerschmitt in Manching gebaut und auch eingeflogen worden. Am 12. Februar 1963 wurde er zugelassen und tat fortan seinen Dienst im Jagdbombergeschwader 31 "Boelcke" bei Köln. Später kam der Starfighter zurück zur WTD 61 nach Manching, wo er Mitte der 1980er Jahre ausgemustert wurde. Über die Freunde des Armeemuseums kam ein fast sensationeller Kontakt zustande: Und es war der 27. Juni 1987, als im Hof des Neuen Schlosses die historischen Worte gesprochen wurden. Oberst Meißner, damals Kommandeur des Luftwaffenversorgungsregiments 1 in Erding, übergab den Flieger feierlich an das Museum. Meißner sprach aus, was viele dachten. Dass der Flieger eine große Attraktion sein werde. Sein Wunsch sogar: Er möge viele Besucher anlocken.

Damals hofften tatsächlich alle, dass das spätestens nach der Landesgartenschau 1992 gelingen würde – wenn Turm Triva und Reduit Tilly saniert und als Räume zur Verfügung stehen. Doch wie der damalige Museumschef Ernst Aichner bei dem Festakt gleich ankündigte, wurde der Jet nach einer Woche im Schlosshof zerlegt und eingemottet, bis sich was tun sollte mit den Gebäuden. Doch selbst mit mehr Ausstellungsfläche zog der Jet nur mehr von Magazin zu Magazin um. Die Öffentlichkeit bekam ihn nicht mehr zu Gesicht.

So stand er über Jahre in einem Eck des Museumsdepots. Werkstättenleiter Heinz Weniger und Restaurator Roland Hopp schafften die vier Teile (Triebwerk, Flügel, Heck und die große Zelle) in Millimeterarbeit durch die engen Magazintüren nach draußen. Dass es soweit kommen konnte, ist auch einem glücklichen Zustand zu verdanken. Über Mundpropaganda kam ein Museumsmitarbeiter an jemandem vom JG 74. Dort wird derzeit eine neue Lehrsammlung aufgebaut. Alle Jetmuster, die in Neuburg-Zell schon mal stationiert waren, sind aufgebaut ausgestellt. Nur ein Starfighter fehlte. "Nehmt doch unseren", soll der Museumsmann gesagt haben. Kurz darauf kam tatsächlich die offizielle Anfrage im Schloss an.

"Es ist ja kein Geheimnis, dass wir einen haben. Aber es ist einfach kein Platz da, ihn dauerhaft auszustellen", sagt Tobias Schönauer vom Armeemuseum. "Ich freue mich sehr, dass er in guten Händen ist", ergänzt Museumsdirektor Ansgar Reiß. "Der Starfighter ist einfach ein Denkmal der Epoche des Kalten Krieges."

Vorerst für zwei Jahre geben die Ingolstädter ihr Großobjekt weg. "Dann sprechen wir uns wieder", sagt Reiß. In Neuburg wird der Jet wohl das erste Mal am 9. Juni für Interessierte zu sehen sein. Das Jagdgeschwader feiert dann sein 50-jähriges Bestehen mit einem großen Tag der offenen Tür.

Und nun warten alle, ob es so etwas vielleicht auch mal im Magazin des Armeemuseums gibt. Zum Beispiel lagert dort ein weiterer Jet: eine Fiat G 91.