Ingolstadt

Eine Zeitreise mit der Maurerkelle

23.08.2010 | Stand 03.12.2020, 3:45 Uhr

Für die Nachwelt festgehalten: Auf solchen Tafeln werden für ein Foto die wichtigsten Daten der Grabungsstelle vermerkt.

Ingolstadt (DK) In Wanderstiefeln auf einen Termin für eine Reportage? Wer seine Beine die längste Zeit des Tages unter einen Schreibtisch steckt, kann eben mit nichts anderem dienen, wenn für Erdarbeiten taugliches Schuhwerk gefordert ist. Die echten Archäologen sind da mit Arbeitsstiefeln natürlich passender ausgerüstet.

Dafür sind sie im hintersten Winkel des Ingolstädter Interparks nur schwer zu finden. Auch der Blick von der Straße offenbart noch keine Ausgrabungen, vorne baut ein Dachdecker ein Bürogebäude und eine neue Halle. Erst nach einigen Schritten ins Gelände sind Menschen zu erkennen, die sorgsam mit Schaufel und Spaten, aber auch mit Kelle und Spachtel Erdreich bewegen. Das müssen sie sein.

Die komplette Humusschicht ist bereits abgetragen, sie liegt zu einem Wall aufgeschüttet an der Grundstücksgrenze. Der Köschinger Kirchturm steht vielleicht zwei Kilometer nördlich, es sieht aus, als würde er aus den Erdhügeln wachsen. Der verbliebene Untergrund ist lehmig und frisst sich schnell ins Profil der Stiefel. Auf dem Boden sind mit rosafarbenen Nägeln und gespannten Schnüren fünf oder sechs Felder abgesteckt, vielleicht zwei auf zwei Meter. Ein Experte würde alleine am dunkleren Boden erkennen, dass er hier fündig wird. Aber eben nur ein Experte.

Matthias Leicht ist einer. Er ist der Grabungsleiter, sieht aber nicht aus, wie sich viele einen promovierten Archäologen vorstellen: Kein kauziger Typ Professor, eher ein adretter Manager – aber in Arbeitsstiefeln. Nicht in ausgelatschten Wandertretern. Seine graumelierten Haare kräuseln sich am Kopf, am Kinn sprießt der Bart. "Wir graben hier eine keltische Grubenhütte aus. Wahrscheinlich war das eine Werkstatt", erklärt der 48-Jährige mit fränkischem Einschlag. Gut 2500 Jahre ist sie alt und stammt aus der älteren Eisenzeit. Wie die Hütte damals ausgesehen haben dürfte, kann sich heute wohl nur noch ein Archäologe lebhaft vorstellen. Auch wie viele Menschen auf dem Areal lebten und arbeiteten, könne Leicht nur schwer schätzen. "Vielleicht 50, vielleicht 100. Wohnhäuser haben wir noch keine gefunden."

Es juckt schon in den Händen, sie wollen reflexartig zur Schaufel greifen. Doch soweit ist es noch nicht. Erst zeigt Leicht das Gelände. Die einzelnen Ausgrabungsstellen sind jeweils quer durchschnitten, immer zwei Viertelkreise sind etwa knietief ausgegraben. Die einzelnen Schichten liegen frei. Der Boden lässt an diesem Schnitt ein Profil erkennen, es wird vermessen, gezeichnet und fotografiert. Alles muss Leicht in ein Grabungstagebuch eintragen. "Im Gegensatz zu den einzelnen Fundstücken ist das der Befund. Er ist sehr wichtig, um archäologische Zusammenhänge herzustellen. Ein Fundstück ohne diese Verbindungen ist wertlos." Aber das Verfahren bringt auch viel Bürokratie mit sich.

Die erste Aufgabe als Fotoassistent ist für den Laien nicht sehr spannend: Eine Stecktafel mit Daten und Nummern bestücken, einen Plastikpfeil gen Norden ausrichten und einen schwarzweißen Zollstock platzieren, damit die Dimensionen abzuschätzen sind. Dann drückt Archäologe Leicht den Auslöser. Und weiter geht es zum nächsten Schichtenprofil. Die Stimmung bei der Grabung ist gelassen. Wer in Jahrtausenden denkt, hat vielleicht einen anderen Bezug zur Zeit. Trotzdem muss in fünf Tagen alles fertig sein.

"Neun von zehn Grabungen in Bayern sind Rettungsgrabungen", sagt Leicht. Archäologen kommen nur zum Einsatz, wenn historisch Wertvollem wegen eines Bauvorhabens die Zerstörung droht. Das Landesamt für Denkmalpflege entscheidet anhand seiner Daten, wo gegraben werden muss. Das übernehmen dann private Firmen, zahlen muss aber der Bauherr. "Mit einigen Tausendern ist man da dabei", so Leicht. Zumindest schnell beenden wollen die Archäologen die Grabung deshalb.

Und dann geht es richtig los. Wo die Schichten bereits für die Ewigkeit festgehalten sind, werden nun die beiden noch stehenden Viertelkreise abgetragen. Die Erde wird durchsucht. "Bergen" sagt der Fachmann dazu. Endlich kommt also die Maurerkelle zum Einsatz. Die Kollegen heißen Engelbert Heigl und Peter Rieker. Die Arbeit ist schwer, trotzdem sind beide eher schmächtig. "Es ist oft anstrengend. Weil wir ja nichts zerstören dürfen, müssen wir auf Technik verzichten", erklärt Rieker.

Zu Beginn überwiegt die Vorsicht. Die eigene Maurerkelle schneidet fast ängstlich in die lehmige, dunkle Erde. Bloß nichts kaputtmachen oder übersehen. Die beiden Grabungsfachleute führen ihre Werkzeuge hingegen zügig und mit großer Routine durch den Boden. Arbeitshandschuhe tragen sie keine, das verführt zum Nachmachen. Das Resultat: Schon nach wenigen Minuten sind die Fingernägel schwarz. Gegraben wird in der Hocke, bald schmerzen die Fußsohlen. Mit der ersten gefundenen Keramikscherbe erwächst langsam eine gewisse Sicherheit.

Peter Rieker kommt "aus der Berliner Ecke". Er trägt schulterlanges, graues Haar und einen Bundeswehrparka. Sein "preußisches Mundwerk" ist entsprechend lose, Kollege Heigl schaufelt neben Schubkarre und Holzlatten von der benachbarten Baustelle ruhig vor sich hin. "Wir sind zwar immer dem Wetter ausgesetzt, aber diese Arbeit ist abwechslungsreicher, als am Förderband zu stehen. Das wäre mir zu stumpfsinnig", stellt der 50-Jährige fest. Lavinia Murdunescu, sie komplettiert das Team und zeichnet mit Buntstift die Schichtenprofile, hat zwar Kunst studiert, doch die Archäologie fasziniert sie ebenso: "Es ist immer spannend. Du weißt nie, was du morgen findest."

Kaum gehört, schon schlägt die Kelle auf harten Untergrund. Vielleicht eine archäologische Sensation? Grabungsleiter Leicht hat ja 1999 auch den Manchinger Kelten-Goldschatz gefunden. Der Blutdruck geht höher, ein Jungarchäologe im Jagdfieber. Vorsichtig die Erde entfernen, bloß nichts beschädigen. Die erste Schürfwunde am Zeigefinger der rechten Hand darf jetzt einfach nicht stören. Und wenige spannende Minuten später ist der Fund endlich freigelegt: Es ist natürlich kein Goldschatz und auch keine Sensation. Es ist ein abgebrochener Tierknochen, 15 Zentimeter lang, wahrscheinlich von einem Rind. Aber aus der Keltenzeit. Immerhin.

Einige Keramikscherben später schwirren viele Gedanken durch den Kopf. Der geistige Film versucht die Menschen zu zeigen, in deren Hinterlassenschaften zweieinhalb Jahrtausende später die Archäologen nach Erkenntnis suchen. Wer hat aus dem Gefäß getrunken, das jetzt zerbrochen in der Erde liegt? Wie sahen sie aus, die alten Kelten? Das starke Ziehen im Rücken sorgt aber bald für die Rückkehr ins Hier und Jetzt. Der Blick wandert nach unten in die Grube, bis zu den lehmverschmierten Wanderstiefeln. Dann ist die Zeitreise mit der Maurerkelle beendet.