Donauwörth

Eine Idee macht Schule

Landrat Rößle aus Donauwörth lässt aus Spenden Unterrichtsstätten in Afrika bauen - 1000 sind das Ziel

23.04.2019 | Stand 02.12.2020, 14:08 Uhr
Der Donauwörther Landrat Stefan Rößle bei der Eröffnung "seiner" Schule in Malawi (oben) - er hat den Bau privat finanziert und brachte eigenhändig das Namensschild an (unten Mitte). Das Personal des Landratsamt und der Kreis Donau-Ries spendeten ebenfalls je eine Schule (unten links und rechts). Inzwischen läuft das Projekt deutschlandweit, 1000 Schulen sollen in Entwicklungsländern entstehen. −Foto: Sponer/Keller/Fly & Help

Donauwörth (DK) Manchmal entscheidet ein einziger Abend über die weitere Lebensplanung.

Landrat Stefan Rößle (CSU) aus dem Kreis Donau-Ries hat diese Erfahrung gemacht, er wundert sich noch immer, wie die Dinge sich zusammenfügen. Ein Schulfreund hatte ihn Ende 2016 zum Vortrag über eine Weltumrundung eingeladen, zu einer Zeit, als die Folgen der Flüchtlingswelle nicht nur von Donauwörth bis Nördlingen, seinem Zuständigkeitsbereich, noch nachwirkten. Was der Referent Reiner Meutsch als Ex-Geschäftsführer des Reiseveranstalters Berge & Meer an jenem Abend zur Adventszeit erzählte, lässt den Politiker aus Nordschwaben seither nicht mehr los. Meutsch hatte die Stiftung Fly & Help gegründet, um Schulen da zu bauen, wo sie keine Selbstverständlichkeit sind. Rößle erfuhr, dass in Afrika nur 50000 Euro für eine Unterrichtsstätte reichen.

"Da kannst du mit wenig Geld viel ausrichten", dachte Rößle. Er beschloss spontan: "Ich verkaufe meinen 911er-Porsche. Da fehlt mir nicht viel, aber ich kann damit ein solches Projekt bezahlen. " Überwältigt versprach er Meutsch am Ende der Veranstaltung in die Hand, diesen Gedanken wahr zu machen.

Der Landrat redet heute von "Fügung", wenn er an die Begegnung damals denkt. Dabei ist der 55 Jahre alte CSU-Mann alles andere als sprunghaft, er gilt als überaus bodenständiger Mann. Der Diplomverwaltungswirt arbeitete zunächst als Polizist, seine Stationen lagen unter anderem in Eichstätt, Neuburg und Ingolstadt, bevor er in die Politik ging - ab 1996 als Bürgermeister seines Heimatorts Oberndorf und ab 2002 als Landrat für den Kreis Donau-Ries. Der fünffache Vater musste sich damals, nach dem denkwürdigen Vortrag, daheim erst einmal erklären. Was, der Papa will eine Schule in Afrika bauen? Der Gedanke war zumindest gewöhnungsbedürftig; die Familie steht jedoch voll hinter seinen Plänen.

Es sollte freilich nicht bei einem einzigen Projekt bleiben. "Meine Arbeit als Landrat macht mir unwahrscheinlichen Spaß", stellt Rößle klar. Aber da sei immer etwas in ihm gewesen, der Wunsch, noch was anderes anzupacken. Die Schicksale von Migranten kannte er zuhauf, er brauchte nur auf die Gänge seiner Behörde zu blicken - "die Betreuung eines geflüchteten Jugendlichen kostet 4000 Euro im Monat. Übers Jahr addiert, kann man mit dem Geld eine ganze Schule in Afrika bauen und den Menschen Perspektiven bieten. Nur so kriegen wir die Flüchtlingswelle wirklich in den Griff".

Stefan Rössle hatte rasch Mitstreiter im Landkreis gefunden, diverse Gemeinden oder die Stadt Nördlingen, Schulen, Vereine, Unternehmen, Privatleute und andere. Im Juli 2017 stellte er sein eigenes Projekt im Kreis vor, über Fly & Help sollte es in Malawi umgesetzt werden. So wie ihn damals der Weltumrunder Meutsch überzeugte, holte er selbst nun andere ins Boot. "Wir haben im Landkreis beschlossen, bis 2020 gemeinsam zehn Schulen für Afrika zu finanzieren. Alles aus Spenden, nicht ein Euro kommt da aus Steuergeldern", betont der Landrat. Was zunächst nach einer hohen Hürde aussah, ist heute, nicht einmal zwei Jahre später, längst überholt: 22 Schulen sind mittlerweile aus Spenden im Kreis Donau-Ries auf den Weg gebracht. "Solche Gemeinschaftsprojekte stärken das Wir-Gefühl ungemein", sagt Rößle. Das Personal seiner Behörde hat ebenfalls Geld gesammelt und in Namibia ein Schulhaus erstellen lassen. Zuletzt hatte - wie kurz berichtet - ein Unbekannter dem Landrat 55000 Euro für sein Vorhaben zukommen lassen.

Doch es geht noch besser: Als Landesvorsitzender der Kommunalpolitischen Vereinigung der CSU hat Rößle das Projekt neben dem Bundesverband und dem Städtetag auch dem Landkreistag und im Städte- und Gemeindebund vorgestellt. Längst hatte der 55-Jährige auch Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) von dem Projekt überzeugt, sodass es in Kooperation mit Fly & Help inzwischen bundesweit läuft, mit Müller als Schirmherrn. "1000 Schulen für unsere Welt" lautet nun der Titel. "Die Idee hat unglaubliche Dynamik entwickelt", sagt Rößle.

Ohne die Arbeit von Fly & Help und Reiner Meutsch wäre das alles aber nicht umsetzbar, weiß der Landrat. "Ich habe mich selbst davon überzeugen können, dass alle Spenden ohne Abzüge in Afrika ankommen. Die Menschen dort sind so dankbar, da ist eine Schuleröffnung noch ein echtes Ereignis. " Die Stiftung suche nach geeigneten Standorten und kümmere sich um die Umsetzung. "Wir achten darauf, dass die Schulbauten auf Gemeinde- oder Kirchengrund entstehen, der jeweilige Staat sich verpflichtet, Lehrer zu entsenden, und Kommunen den Unterhalt übernehmen. " Die 50. Schule sei gerade im Entstehen.

Der Landrat aus Donauwörth darf sich inzwischen "Ehrenamtlicher Botschafter für kommunale Entwicklungspolitik" nennen und hofft nun, auch im Raum Ingolstadt den Funken zu zünden (Details unter www. 1000 schulenfuerunserewelt. de). Und was ist mit seinem Porsche? "Der steht in einem Autohaus und ist noch zu haben", gesteht der 55-Jährige. Ihm war "seine" Schule in Malawi aber so wichtig, dass er den Verkauf nicht abwarten wollte und das Projekt von seinem Privatkonto bezahlte.

Horst Richter