München
Ein Studentenwohnheim für die Besten

Das Münchner Maximilianeum ist nicht nur ein Ort der Politik, sondern auch ein Haus für Stipendiaten

15.05.2019 | Stand 23.09.2023, 7:01 Uhr
Zwischen Studentenbude, Kaderschmiede und Hotel: Unter den Augen des Stifters, König Maximilian II., sitzen die Stipendiaten Michael Hafner, Lisa Gänsheimer und Lorenz Reichert (von links). −Foto: Busch-Frank

München (DK) Heute ist das Gebäude vom Verkehr umflossen, viele tausend Autofahrer umkreisen es achtlos, gefangen in Stauschlangen. Einst war der Bau ein königliches Herzensprojekt, eine Göttin auf dem Dach winkt gleich mit zwei Lorbeerkränzen.

An der Pforte vorbei zücken neben den Politikerinnen und Politikern, die mit ihren Aktentaschen in den Landtag streben, immer wieder auch junge Studierende ihre Ausweise. Sie sind Stipendiaten der Stiftung Maximilianeum einem 1852 von König Maximilian II. begründeten "Studentenwohnheim" der Extraklasse. Wir sprach mit drei derzeitigen Bewohnern: Lisa Gänsheimer, eine Ingolstädter Absolventin des Katharinengymnasiums und Michael Hafner vom Descartes-Gymnasium Neuburg (beide 23), außerdem mit dem Bamberger Lorenz Reichert (18) aus dem E.T.A.-Hoffmann-Gymnasium, der neu hier eingezogen ist.

Dass alle drei nicht aus München stammen, ist Zufall. Die Stiftung stünde grundsätzlich den besten Abiturienten oder Fachabiturienten aus ganz Bayern offen, aber der Weg in eines der 45 Zimmer in bester Münchner Lage ist steinig. Jährlich erreichen etwa 400 Abiturienten, Fachabiturienten und BOS-Abgänger der ehemals königlich-bayerischen Länder einen Notendurchschnitt von 1,0 - sie alle dürfen sich um die Plätze bewerben. Aufgenommen werden dann nach zwei fordernden Auswahlrunden etwa sechs bis acht erfolgreiche Kandidatinnen und Kandidaten.

An diese Prüfung können sich die drei Studierenden heute noch erinnern: Hafner wäre fast zu spät gekommen, weil er den Weg in der Stadt unterschätzt hatte und wurde dann, wohl als Ingolstädter Reminiszenz, unter anderem zu Horst Seehofers Person im Kontext der lateinischen frühneuzeitlichen Familienstruktur befragt.

Lisa Gänsheimer kam frisch aus dem Urlaub zurück und erinnert sich noch dunkel an ein spanisches Gespenst und Franz Kafka, die in den Prüfungsgesprächen unerwartet auftauchten und Reichert lacht heute über das Überraschungsfach, das bei seiner Prüfung aufploppte: Chemie, dabei hatte er das schon vor dem Abitur abgelegt! Man muss wohl schon ein besonders helles Köpfchen sein, um ein solches Kolloquium, abgehalten von mehreren Professoren, nicht als Albtraum, sondern als Herausforderung zu erleben.

In der Stiftungsgeschichte blickt man stolz auf einige später erfolgreiche "Maximer" wie den Physiknobelpreisträger Werner Heisenberg oder Franz Josef Strauß. Mädchen dürfen übrigens erst seit 1980 nach einer Zustiftung der Wittelsbacherfamilie von der königlichen Gnade profitieren. Sie stellen immer noch die Minderheit. "Wir sind deswegen vielleicht besonders eng verknüpft", findet Gänsheimer. "Wir sprechen beim Essen schon auch mal über feministische Themen."

Das Maximilianeum ist ein spezielles Konstrukt, irgendwas zwischen Studentenbude, Kaderschmiede und Hotel. Es gibt Austauschprogramme mit hochangesehenen Partneruniversitäten und Einladungen zu Staatsakten, aber auch Diskussionen über die Lautstärke am Gang, gemeinsames Fernsehgucken, Partys oder Bandprojekte wie in anderen Wohnheimen. Der Stifter hat vorgegeben, dass klassische Fächer studiert werden müssen, angehende Theologen und Mediziner sind konkret ausgeschlossen. Tatsächlich finden sich aber auch sonst kaum Exotenfächer bei den Bewohnern. Gänsheimer und Reichert studieren Jura und Hafner Physik, alle natürlich mit einigem Elan. Ein wenig Zeit für Hobbys bleibt aber dennoch, so interessiert sich Reichert als Bamberger für die Basketball-Liga, Gänsheimer lernt gerne Sprachen und macht regelmäßig Yoga, und Hafner ist im Schützenverein "Alt Baring - Bergen" aktiv und spielt Trompete in einer Bigband.

Zum Stifterwillen gehört, dass längere Auslandsaufenthalte (für die im Gegenzug Gaststudenten in München einziehen) und Sprachkurse genauso gratis angeboten werden wie eine tägliche Maß Bier. Wobei letztere inzwischen auch durch Cappuccino oder Saft ersetzt werden kann.

Die Studentinnen und Studenten müssen weder ihre Zimmer putzen noch die Wäsche waschen und bekommen täglich ein feines Menü zubereitet - außer in den Semesterferien. "Dann wird es in unserer winzigen Ferienküche eng, und wir stehen uns auf den Füßen", lacht Hafner. Unselbstständig ins Leben zu starten, fürchten die Studenten aber nicht. Hafner muss dafür zu Hause öfters mal ans Spülbecken und Gänsheimer hat in einem Auslandssemester schon einmal gemerkt, wie aufwendig das "echte Leben" ist. Pragmatisch findet sie: "Der Service hier spart natürlich Zeit."

Und die kann man genauso gut zum Lernen nutzen wie die hauseigenen Fachbibliotheken mit den hohen Bücherregalen oder den hübschen Stiftungsgarten, in den man sich im Sommer mit seinem Laptop zurückziehen kann. Dass man sich nicht dafür entschuldigen muss, zu lernen und hier gute Noten kein Sonderfall sind, gehört natürlich auch zu den Besonderheiten des Instituts. Von den Geförderten erwartet man zwar nicht mehr, wie einst, Nachwuchs für die Verwaltung, aber doch respektable akademische Karrieren. Bummeln und zielloses Herumstudieren gibt es hier nicht, gelegentlich aber Fachwechsel bei vielseitig begabten Erstsemestern.

Den Druck der Erwartung verspüren die drei Maximer auf sehr unterschiedliche Weise: Gänsheimer findet: "Man muss die hohen Ansprüche an sich selbst immer wieder hinterfragen und sich klar machen, welche Ziele man über gute Noten hinaus verfolgen möchte. Sich zu viel mit anderen zu vergleichen und seinen Studienerfolg im Verhältnis zum Abitur zu messen, ist da natürlich nicht sinnvoll." Reichert plädiert für den Weitblick: "Das Einserabitur steht ja auch nicht vom ersten Schultag der elften Klasse an im Focus, manches muss man auf sich zukommen lassen."

Entspannt geht dagegen Hafner das Thema an: "Ich komme aus einem unakademischen Elternhaus, da verspüre ich den Druck der Anforderung nicht so stark."

Sabine Busch-Frank