Hilpoltstein

Ein Pädagoge packt aus

18.05.2010 | Stand 03.12.2020, 4:00 Uhr

 

Hilpoltstein (mkl) Müde und gesenkten Hauptes schleicht der Pädagoge seinem Stehpult entgegen, auf dem ein Stapel Probearbeiten der Korrektur harrt. "40 Jahre Lehrer – ein Pädagoge packt ein", heißt das Programm des Musikpädagogen und Kabarettisten Hans Klaffl.

"Han’s Klaffl" ist da zu lesen, denn Klaffl hat im Vorgriff auf eine mögliche Rechtschreibreform der verbreiteten Apostrophierungsseuche Tribut gezollt. "Freiwillig, bevor es Pflicht wird", erklärt er. Der Freundeskreis der Realschule hat mit der Einladung einen guten Griff getan und die große Zahl an Zuschauern bestätigt es. Eigentlich könnte der Programmtitel auch "Ein Lehrer packt aus" heißen. Denn Klaffl versteht es, in selbstironischer und deftiger Weise aus seinem Berufsstand zu berichten. Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund und reißt sein Publikum zu Schmunzeln, Lachen und häufigem Applaus hin. Viele anwesende "Insider" und Eltern erkennen nur zu deutlich den, kabarettistisch überzeichneten, schulischen Alltag. Klaffls Mimik und Gestik unterstreichen seine Aussagen.

 
Mit einem Rotstift korrigiert er nun die Probearbeiten, bei denen unter anderem nach dem Wort Rhythmus gefragt war. Schorschi hat Rütmuß geschrieben. Markus hat es als einziger richtig. Aber er ist Legastheniker. Schreibt er es deswegen richtig, oder trotzdem? Vermutlich war er sich nicht sicher, also: Bei dem ist es ein Fehler. Natalie schreibt: "Die hohen Töne sind leiser als die lauten." Und dann ist da noch der Sepp: "Der dritte Satz einer Sinfonie heißt Minarett." Der Pädagoge sucht Trost bei einer Flasche Wein, bei der er seine im Wachkoma liegende elfte Klasse vergessen kann. Auf der zum Arbeitszimmer umfunktionierten Bühne stehen Leitz-Ordner mit der Aufschrift Abituraufgaben, Protokolle und Kultusmysterium.

Vier Grundtypen von Lehrern gibt es an Klaffls Schule. Da ist Kollege Sedlmayer, dem alles wurscht ist. Man hat ihm die allgemeine Schulordnung im mp3-Format geschenkt. Gütlich ist von allen Vorkommnissen immer tief betroffen. Er ist Meister des Projektunterrichts, der von Leuten im Kultusministerium angeordnet wurde, die von keinerlei Sachkenntnis behindert sind. Gmeinwieser, der Brachialrhetoriker, ist von der direkten Art: "Wennst umanadaschreist, kriegst a Fotzn!" Schüler in Verbindung mit den Eltern sind für ihn eine kriminelle Vereinigung. Schließlich ist da noch der vierte Typ, wie ihn Gregorius, der Altphilologe, verkörpert. Seine Parole lautet: "Quod licet Jovi, non licet bovi." Die Schüler ermahnt er: "Etwas weniger albern ist auch lustig!" Sie gehorchen, weil sie es nicht verstehen.

An einem einzigen Vormittag sollen nun die Schüler mit diesen Typen zurechtkommen. Die prallen allerdings auch in den vielstündigen Lehrerkonferenzen aufeinander, die Klaffl gesanglich schildert, wobei er sich am gezupften Kontrabass begleitet. Dann setzt sich Klaffl ans Klavier und parodiert auf gekonnte, deftige Weise eine Unterrichtsstunde: "Schalt’s Handy aus! Saskia, tu den Spiegel weg! Sei staad, halt’s Mäui!"

Wahre Biotope sind die "Turnsackerl", die anscheinend auch chemische Kampfstoffe enthalten. Denn dort ruht mehrfach eingeschwitzte Sportkleidung auf einer Lage getragener Turnschuhe. Die olfaktorische Gesamtsituation ist unbefriedigend. Den eigenen Sportunterricht hat der Kabarettist in unguter Erinnerung. Zu oft ist er neben der zur Seite gesprungenen Hilfestellung auf den Boden aufgeschlagen.

Zum Thema Ganztagsschule stellt er die Frage: "Hat denn denen damals keiner gesagt, dass dann auch am Nachmittag Unterricht ist" Zudem hatte Edmund Balbulus (der Stammler) in Anbetracht der schlechten PISA-Ergebnisse die Erkenntnis, dass die Lehrer eben länger arbeiten müssten.

Von Pädagogik scheinen diejenigen am meisten zu verstehen, die in der Schule gescheitert sind. Das zeige sich vor allem beim Elternsprechtag, wobei die Betonung auf Eltern liegt. Hier komme auch die Diskrepanz zwischen gefühlter und wirklicher Intelligenz zum Vorschein, denn von jedem Kind scheine es zwei Exemplare zu geben: Das Kind zuhause und das Kind in der Schule.

Einen Seitenhieb auf die Grundschullehrerinnen kann er sich allerdings nicht verkneifen: "Wenn die a Oachkatzl zammgfahrn ham, dann nehmes des mit hoam und laminiern’s!"

Mit Glissando-Effekten auf dem Kontrabass und einem lamentösen Abgesang auf seine elfte Klasse verabschiedet sich der "Lehrer aus Leidenschaft" von seinem begeisterten Publikum, dem er so manche Träne des Lachens entlockt hat.