München

Ein Meer aus Folie

22.09.2014 | Stand 02.12.2020, 22:12 Uhr

Landschaft in Plastik verpackt: Christoph Knoch hat in Sizilien und Spanien die besondere Ästhetik der modernen Landwirtschaft mit der Kamera eingefangen – etwa in dem Foto „mar del plástico“ (Plastikmeer, 2014). - Foto: Eres-Stiftung

München (DK) Die Zeit der Jute-Taschen ist lange vorbei: Plastiktüten sind leicht, stabil und billig. Sie sind ein Wegwerfprodukt – ebenso wie die Plastikverpackungen von Lebensmitteln. Allein in der Europäischen Union landen 25,2 Millionen Tonnen Plastik im Abfall – pro Jahr! Fakten wie diese erfahren die Besucher im lesenswerten Katalog einer besonderen Ausstellung.

Sie widmet sich dem „Plastic Age“ – dem Plastik-Zeitalter. Zwölf Künstler wurden ausgewählt, dieses Thema in Skulpturen, Bildern und Installationen darzustellen. Dazu Schau informieren Vorträge und Diskussionen über „Plastik in uns und um uns herum“. Veranstalterin des Projekts ist die gemeinnützige Eres-Stiftung, die seit acht Jahren „an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft Grenzen öffnen und verschiedene Wahrnehmungsebenen zusammenführen will“.

Eigentlich ist Plastik ein wunderbarer Kunststoff: glitzernd, transparent und ganz leicht. So stellt es die nordirische Künstlerin Claire Morgan dar, die in einer Vitrine gezupfte Folienreste zu einer Kugel formt, die an dünnen Nylonfäden hängt und damit Bezug nimmt auf die Seidenspinner-Falter, die man einst zur Seidengewinnung züchtete und die nun als tote Schmetterlinge hinter Glas liegen. Ist Nylon also die Seide des Plastik-Zeitalters?

Das Problem dieses Materials ist gerade seine unverwüstliche Stabilität. Der US-amerikanische Künstler Dan Peterman hat Kunststoffteile gekauft, die aus Altplastik hergestellt wurden. Die kleinen Objekte in der Form eines Hundeknochens arrangiert er zu einem graufarbigen Parkett auf dem Boden, die schmalen Stangen und Streifen arrangiert er zu Wandbildern. Plastik kann Holz ersetzen – aber welche Ausstrahlung hat dieses Material, das aus Erdöl gewonnen wird? Wie verändert es unsere Räume und unser Lebensgefühl?

Dass die Verwendung von Kunststoff einer Revolution gleichkam, zeigt die Züricher Künstlerin Alexandra Navratil. Sie fertigte Dias von Aufnahmen in dem Magazin „Modern Plastics“, in dem menschliche Hände die gut ausgeleuchteten Kunststoffgegenstände präsentieren – die Diashow wird in einem abgedunkelten Raum gezeigt, gleichsam als Meditation über das Verhältnis von Mensch und Plastik, die in Abhängigkeit voneinander geraten sind. Inzwischen bieten Landschaften, die von Plastikfolien überdeckt werden, wie in Andalusien oder Sizilien, dem Menschen Arbeit in der Landwirtschaft, die zur Nahrungsmittelindustrie mutiert ist. Christoph Knoch hat diese Foliengewächshäuser fotografiert, dieses „mar del plástico“ – ein Meer aus glitzernder Folie, das die Erde bedeckt.

Dies sind nur einige Beispiele aus einer Schau, die dem Schrecken und der Faszination dieses modernen Materials nachspürt. Ergänzt wird die Kunst durch Vorträge und Diskussionen, bei denen einmal im Monat Kunst und Wissenschaft in einen Dialog treten.