Ingolstadt
Die schönsten Schlachten in Leinen

Die Bayerische Armeebibliothek gehört zu den bedeutendsten ihrer Art auf der Welt – nur kennt sie kaum jemand

07.09.2012 | Stand 03.12.2020, 1:05 Uhr |

Dienstvorschriften bis unters Dach: 2500 Stück lagern in der Armeebibliothek neben 130 000 weiteren Werken – betreut von Carmen Böhm, Ansgar Reiß, Johannes Bayer und Daniel Hohrath (v. r.) - Foto: Strisch

Ingolstadt (DK) Sie ist eine der bedeutendsten Institutionen ihrer Art, aber nur Fachleuten bekannt: die Bayerische Armeebibliothek an der Proviantstraße 1. Sie zählt 130 000 Bücher – und 200 Besucher im Jahr. Das verrät viel über das Wesen des außergewöhnlichen Hauses. Jetzt öffnet es sich der Moderne.

Dienstvorschriften. Nichts als Dienstvorschriften. Bis unter die Decke. Und die ist hoch. Früher, als in dem alten Festungsbau noch die königlich-bayerische Kriegsbäckerei dem Vaterland diente, lagerten hier die Mehlsäcke. An ihre Stelle sind Zehntausende Druckwerke getreten. Geblieben ist viel Staub. Er gehört dazu. Zehn Bücherregale übereinander, zig Meter lang, stopfen den Raum bis zum Gewölbe. Ein Wall aus Dienstvorschriften. 2500 Stück. Minimum, zusammengetragen aus Armeen in aller Welt zu einer der weltgrößten Sammlungen. Der Schatz einer bedeutenden Bibliothek, von der aber nur Experten wissen.

Ein Regal weiter geht die heereskundliche Theorie schroff in die Praxis über. Da stehen die „Vermisstenbildlisten“, herausgegeben vom Suchdienst des Roten Kreuzes, eingebunden in grünes Leinen. Militärisch akkurat reiht sich ein Schicksal an das andere. Deutsche Soldaten lächeln oder schauen ins Nichts. Einige Gesichter sind durchgestrichen. Unter einem ernsten Herrn mit runder Brille steht: „Schumann Walter, Arbeiter, geb. 23.7.07. Chemnitz, Pz. Div. Nachschubtrupp 4, Ogfr., “. Am Ende der Eintrag: Stalingrad.

In dieser stillen Festung des geballten Militärwissens lagert alles, was den Krieg im Innersten zusammenhält und (bei gutem Willen) dem Frieden dient. Schlachtengeschichten aus nah und fern. Kriegstechnik, Taktik und Völkerkunde aus sechs Jahrhunderten. Dazu ein paar Zentner Fachzeitschriften. Die rüstigsten Panzer, die gelungensten Gefechtsaufstellungen, die solidesten Schützengräben, die Genese des schweren Mörsers seit dem Mittelalter: Hier steht meterweise die Fachliteratur dazu. Wer wissen will, wie ein Dragoner mit Pike auf Kupferstichen des 17. Jahrhunderts daherkommt, oder welche Belagerungs- und Brandschatzungstipps die Strategieratgeber des Dreißigjährigen Krieges lehren, landet in der Armeebibliothek lauter Volltreffer.

Zur Fülle kommt die Ruhe. Rund 200 Besucher zählt das Haus im Jahr. Das heißt indes nicht, dass das Personal nur gelangweilt Wache schiebt. Im Gegenteil. Historiker aus aller Welt wollen mit Fachlektüre versorgt werden. Zudem hat die Schlagkraft der Belegschaft Grenzen, denn sie zählt genau zwei Köpfe. Man kann aber nicht sagen, dass Johannes Bayer und seine Kollegin Carmen Böhm auf verlorenem Posten kämpfen. Vielmehr treiben sie den Marsch in die Moderne voran. „Wir katalogisieren derzeit die Bestände“, berichtet Bayer. Die Daten werden in den bayerischen Verbundkatalog eingespeist. Die Bibliothek muss online gehen, um sich weltweit in der Wissenschaft zu etablieren. „Denn anders“, erklärt Ansgar Reiß, der Leiter des Bayerischen Armeemuseums, „existiert man nicht.“

Die Übertragung der Altbestände erfordert besonders viel Aufwand. „Wir nehmen dazu jedes Buch einzeln in die Hand. Das nennen wir Autopsie“, erzählt Bayer. „Wir haben genug zu tun.“ Da übertreibt der Bibliothekar nicht angesichts von 130 000 Werken, darunter 73 000 Altbestände. Einst gab es noch mehr. „Viele Lücken sind kriegsbedingt“, sagt Bayer. Auch bibliophile Besatzer bedienten sich großzügig: Über 100 000 Bücher ließ die US-Army in die Heimat hieven. „Das war Kriegsbeute!“ Immerhin: 80 000 Stück schickten die USA wieder zurück; vielleicht hatten sie die doppelt.

Gern kommen auch Ahnenforscher. „Denen können wir sagen, wann Opas Regiment wo gewesen ist. Aber über den Opa selbst können wir nichts sagen. Denn wir sind ja kein Archiv.“

Und auch keine reine Museumssammlung. „Sondern eine gewachsene Fachbibliothek, die in ihrer Geschlossenheit einmalig ist“, sagt Daniel Hohrath, der als Mitarbeiter des Armeemuseums für die Preziosen an der Proviantstraße zuständig ist.

1984 gelangten sie aus München dorthin. Die Bibliothek ist 1822 als „Hauptkonservatorium“ aus dem Geheimen Kriegsarchiv hervorgegangen. „Man hat Kriegsereignisse aus aller Welt gesammelt, denn man wusste ja nie, gegen wen man mal kämpfen musste“, erklärt Hohrath.

Vielleicht lag es an der Lesefaulheit vieler Offiziere, dass es für sie vor Königgrätz nicht so nett wurde. „Die Bayern hätten 1866 genauer wissen können, wie gut die Preußen schießen!“

Am heutigen Samstag rückt übrigens eine bibliophile Spezialeinheit an: die Pirckheimer- Gesellschaft. Bayer empfängt sie mit Bücherschätzen. Kanonen in Leder, Schlachten in Leinen. So was. Er hat ja genug davon.