Ingolstadt
Die Geschichte von Wahrheit und Tod

08.05.2011 | Stand 03.12.2020, 2:51 Uhr |

Ein Fall für die Rechtsmedizin: Schussloch in der Schädeldecke.

Ingolstadt (DK) Sensiblen Naturen wird dringend empfohlen, zu Hause zu bleiben, denn die Ausstellung "Vom Tatort ins Labor" über den Alltag der Rechtsmediziner konfrontiert die Besucher mit echten Leichenfotos. Marion Ruisinger, Leiterin des Medizinhistorischen Museums, erläutert die Motivation für das Wagnis.

Am Eingang grüßt der Fuß eines Toten. Mit Zettel am Zeh. Das Ende markiert ein Krematorium. Dazwischen offenbart sich den Besuchern die brutale, aber nicht minder beeindruckende Welt der Rechtsmedizin. Neun Arten zu sterben auf 400 Quadratmetern.

Jeder Tod wird unverblümt erläutert und mit schonungslosen, da echten Fotos illustriert: entstellte Wasserleichen, Mordopfer, Einschusslöcher, Stichwunden, ein Skelett am Steuer, ein verkohlter Leib nach der Begegnung mit der Oberleitung einer S-Bahn, Sägearbeiten auf dem Sektionstisch – harte Kost für Laien, täglich Brot für Mediziner und Ermittler.

Doch Dr. Marion Ruisinger, die Leiterin des Deutschen Medizinhistorischen Museums in Ingolstadt, kennt viele Gründe, die unangenehmen Bilder dennoch zu zeigen: "Es ist stets die Frage, wie man sie präsentiert. Es kommt auf den Kontext und die Zielsetzung an." Und nicht zuletzt auf die Dosierung. "Wir geben jedem die Gelegenheit, etwas nicht zu sehen", sagt die Ärztin und Medizinhistorikerin. Daher sind die Schaukästen so platziert, dass der Besucher zuerst nur die Rückseite sieht. Da steht die genaue Todesursache, die es nach einem 180-Grad-Schwenk zu erleben gäbe. "Die Lenkungswirkung ist uns ganz wichtig. Jeder erhält die Chance zu entscheiden, ob er sich darauf einlassen will. So überfallen einen die Bilder nicht."

Dass die Schau erst ab 16 ist, versteht sich trotzdem von selber. Die Altersbeschränkung gilt auch für Jugendliche, die in Begleitung Volljähriger kommen. "Da sind wir ganz streng!", kündigt die Museumsleiterin an. Erwachsenen, die ihre Zweifel haben, ob sie die Konfrontation mit der Rechtsmedizin wohlbehalten überstehen, spricht Marion Ruisinger bewusst nicht gut zu. Sie sagt klipp und klar: "Wer Bedenken hegt, sollte die Ausstellung nicht besuchen – oder zumindest auf die zweite Abteilung verzichten." Die wird von einer Glastür abgetrennt, dahinter beginnt der Bezirk von Unfall, Mord und Selbsttötung.

Natürlich erfordert nicht jede Vitrine starke Nerven und einen robusten Magen. Der erste Teil führt die Gäste durch den Alltag der Rechtsmediziner. Der Tatort, an dem die 78-jährige Anna M. mit einem Kronleuchter erschlagen wurde, ist in wohlinszeniert-pittoresker Präzision zu besichtigen, samt Absperrband, Spurensicherungsgerät und den aus dem Fernsehen bekannten Ziffernschildern: Leiche 1, Tatwaffe 2, Glas mit Fingerabdrücken 3. Und so weiter.

Ihre Premiere hat die Ausstellung "Vom Tatort ins Labor" vor zwei Jahren in Berlin erlebt. Ab Donnerstag ist sie im Turm Triva erstmals in Süddeutschland zu sehen – inhaltlich erweitert. Claudia Rühle hat die Überarbeitung betreut. "Neu ist etwa der Bereich Spurensicherungstechnik", erzählt die Kuratorin.

Initiator der Ausstellung war Prof. Michael Tsokos, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Berliner Charité. Aus einem recht ungewöhnlichen Grund: "Er konnte es eines Tages nicht mehr mit ansehen, wie verzerrt die Arbeit der Rechtsmediziner im Fernsehen dargestellt wird", berichtet Ruisinger. Die Ärztin räumt mit den beliebtesten Fehlern auf: "Ständig werden Pathologie und Rechtsmedizin durcheinandergeworfen, dabei sind es klar getrennte Bereiche." Pathologen untersuchen Leichen von Menschen, die an Krankheiten gestorben sind. Rechtsmediziner haben es mit unnatürlichen Todesfällen zu tun oder wenn der Verdacht auf ein Verbrechen besteht.

Nicht zu vergessen die – gern verschrobenen – Krimi-Mediziner, die einsam an Mordopfern werkeln. Alles Unsinn. "Obduktionen müssen grundsätzlich zwei Ärzte vornehmen", erklärt Ruisinger. Zudem sei immer ein Ermittler dabei, ein Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft und ein Fotograf. "Da steht ein ganzes Rudel am Tisch. Da geht es zu wie in einer Werkstatt." Rechtsmediziner ist halt auch zuallererst ein ganz normaler Beruf.