Ingolstadt
Die Freunde eröffnen das Feuer

16.09.2011 | Stand 03.12.2020, 2:24 Uhr |

Er hat knapp überlebt: Ludwig Baumann, Gründer der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz (neben dem Historiker Tobias Schönauer) erzählte im Armeemuseum seine Leidensgeschichte. - Foto: Silvester

Ingolstadt (DK) Im Ingolstädter Schloss droht eine ernste Auseinandersetzung: Weil das Bayerische Armeemuseum dort eine Ausstellung über die NS-Militärjustiz zeigt, wird es von seinem eigenen Förderverein attackiert. Der beklagt die Diffamierung von Kriegsrichtern und lädt zu einer Gegenveranstaltung ein.

Er taumelte am Rande des Wahnsinns. Zehn Monate lang. Jeden Morgen, wenn die Wärter auf seine Zelle zumarschierten, sah Ludwig Baumann das Ende kommen. „Ich dachte, jetzt holen sie dich und bringen dich um.“ Die Todesangst packte ihn täglich. Baumann, 22 Jahre alt, Marinegefreiter aus Hamburg, hatte sich 1943 mit Kameraden in Bordeaux von der Truppe abgesetzt. „Ich wollte kein Soldat sein“, erzählt er, „ich wollte nur leben.“

Doch er wurde gefasst, gefoltert, begnadigt und in ein Strafbataillon abkommandiert. Das kam einem Todesurteil ziemlich nahe. „Von 100 000 Kameraden haben keine 5000 überlebt.“ Er war dabei. Schwer verwundet.

Nach dem Krieg wurden Fahnenflüchtige wie Baumann als Feiglinge beschimpft. Er kämpfte lang für seine Ehre, gegen die „Blutjustiz“. 1990 gründete er die „Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz“. 2002 hob der Bundestag alle Urteile auf.

Am Donnerstagabend hat der 90-Jährige seine Geschichte im Bayerischen Armeemuseum erzählt. Vor bewegten Zuhörern. Baumanns Vortrag krönte die Ausstellung „Was damals Recht war . . .“ über die Kriegsgerichte der Wehrmacht, die an diesem Sonntag im Ingolstädter Schloss zu Ende geht. Doch jetzt droht eine Zugabe: Die „Freunde des Bayerischen Armeemuseums“ ziehen hart gegen die Ausstellung zu Felde. „Selektiv und einseitig“ sei sie, klagt Manfred Dumann, der Vorsitzende, in seinem Rundbrief an die Mitglieder, Schulen und Vereine. Er erkennt eine „pauschale Diffamierung“ der Juristen; auch die „Voreingenommenheit“ der Ausstellungsmacher sei offensichtlich. Daher lädt der Verein am 30. September zu einer Podiumsdiskussion ins Schloss, um die Dinge klarzustellen.

Ein Affront gegen das Armeemuseum. Es ist nicht der erste Konflikt zwischen Ansgar Reiß, dem Chef des Hauses, und dessen Förderern. Die sind bis heute beleidigt, weil Bayerns Wissenschaftsminister vor zwei Jahren nicht ihren Wunschkandidaten zum Direktor gemacht hat.

Reiß (46) schießt zurück: „Die Kritik an der Wissenschaftlichkeit der Ausstellung ist nicht nur völlig unhaltbar, sie scheint mir auch vorgeschoben. In Wirklichkeit geht es wieder einmal um Empfindlichkeiten in der Bewertung der Vergangenheit. Hier lebt die alte Lebenslüge der Bundesrepublik fort, als hätte es die Wehrmacht geschafft, zum Regime Distanz zu halten.“ Das war aber nicht der Fall. „Und dem müssen wir heute ins Auge sehen.“

Reiß berichtet von seiner „Irritation, dass gegenüber Menschen, die ins Räderwerk der NS-Justiz gerieten, bei einigen Mitgliedern im Freundeskreis ein offenbar vollständiges Desinteresse besteht“. Es werde dort „als anstößig empfunden, dass Deserteure eine Stimme erhalten“. Der Historiker stellt klar: „Wir sind kein Sanatorium für gekränkte Wehrmachtsseelen!“

Da widerspricht Dumann, 75 Jahre alt, Panzeraufklärer a. D. und ehemaliger Landtagsabgeordneter der CSU. „Ich bin im Krieg geboren. Mein Vater und die halbe Familie sind im Krieg gefallen. Ich weiß, was Krieg bedeutet!“ Aber Kritik zu üben und eine „objektive Diskussion“ zu fordern, sei das gute Recht des Freundeskreises. Dumann beteuert seine Friedfertigkeit: „Wenn ich eines Besseren belehrt werde, beuge ich mich den stärkeren Argumenten.“

Einer wird auf keinen Fall an der Diskussion teilnehmen: Der Historiker Ulrich Baumann, Kurator bei der „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“. Sie hat die Wanderausstellung auf den Weg gebracht. „Wir befürchten, dass das ein fruchtloser, polemischer Abend wird, weil die Gegner nicht auf der Basis der neuesten Studien zu diesem Thema stehen.“ Da sei eine sachliche Debatte schwierig.

Zumal die Kernaussage der Schau kaum zu erschüttern sei. Im Ersten Weltkrieg hat die deutsche Militärgerichtsbarkeit insgesamt 48 Todesurteile gefällt, im Zweiten 30 000. Mindestens. Das belege deutlich: „Natürlich war die Wehrmachtsjustiz ein Instrument der NS-Führung!“

Baumann ahnt, was die Kritiker antreibt. Viele wollten einfach nicht wahrhaben, dass Angehörige der Wehrmacht an Kriegsverbrechen beteiligt waren. „Das muss man psychologisch und familienhistorisch betrachten. Unsere Kritiker sehen ihre Väter und Onkels pauschal kriminalisiert.“ Aber genau das, betont der Kurator, tue die Ausstellung ja gerade nicht! „Und wir erklären die Deserteure auch nicht zu Helden, denn wir wissen genau, dass es unter ihnen viele problematische Fälle gegeben hat.“

Jürgen Zarusky hofft sehr darauf, vom Förderverein zur Podiumsdiskussion eingeladen zu werden. Der Historiker ist Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte (IFZ) in München und ein profunder Kenner der Materie. Mit Blick auf den scharf formulierten Brief Dumanns kann er nur darüber den Kopf schütteln, wie hier die Ergebnisse langer, intensiver Forschungen pauschal in Frage gestellt werden. Zarusky hält das für überaus gewagt. „Ich weiß nicht, wo diese Leute immer ihr Selbstbewusstsein hernehmen. Ich muss mir meines jedenfalls immer neu erarbeiten.“

Für ihn ist das Grundproblem der Debatte „die Ambivalenz der Justiz in einem Unrechtsstaat“. Es sei nicht legitim, sich – wie die meisten Täter der NS-Zeit – immer nur auf geltendes Recht zu berufen und zu betonen, dass man als kleines Rad in einem totalitären System eh nichts habe ausrichten können. Für Zarusky sind das Entlastungslegenden. „Zunächst bedeutet ein totalitärer Staat nicht, dass dort nur oben einer sitzt und alle anderen haben keine Wahl.“ Zudem gelte es zu bedenken, „dass Recht und Gesetz damals nationalsozialistisches Recht waren – von einem Diktator eingesetzt“.

Bereits Hitlers Machtergreifung „war die Folge von Rechtsbrüchen, denen weitere Rechtsbrüche folgten“. Es stelle sich stets die Frage nach der rechtsstaatlichen Qualität. „Die Urteile der Kriegsrichter waren maßlos, der Tatbestand wurde nicht klar definiert“, erklärt Zarusky. „Sie waren also eindeutig Instrumente der Herrschaft. Und in einem totalitären Staat bedeutet das: Terrorherrschaft.“