Der Schicksalsort der Nibelungen

16.08.2019 | Stand 02.12.2020, 13:16 Uhr
Die Kelsbachquelle bei Ettling: Hier erhielt Hagen von Tronje die Prophezeiung, dass keiner der Nibelungen die Fahrt ins Hunnenreich überleben würde. −Foto: Auer

Mythen, Märchen und Legenden - unsere Region ist voll davon. Die berühmteste aller deutschen Sagen, das Nibelungenlied, führt in einer Schlüsselszene geradewegs ins Herz Bayerns. Großes Drama an der Donau bei Pförring und Großmehring.

Unscheinbarer geht's nicht mehr: Am westlichen Rand des Pförringer Ortsteils Ettling (Landkreis Eichstätt) liegt ein grünlicher, klarer Teich, ein wenig versteckt unterhalb der Straße. Ein hölzernes Wegkreuz kann als Markierung dienen. Die Stelle ist kaum zu finden und liegt noch dazu auf Privatgrund - und doch findet sich dieses fast kreisrunde Gewässer, die Kelsbachquelle, in der Weltliteratur. Schlag nach im Nibelungenlied.

Die Nibelungen, so steht da geschrieben, zogen einst vom Rhein zur Donau und von dort immer flussabwärts an den Hof des Hunnenkönigs Etzel (Attila) in Ungarn. Pech für die Reisegesellschaft: Die Donau führte gerade Hochwasser. Überqueren konnte man sie ohnehin nur an zwei Stellen - entweder in Großmehring, das im Nibelungenlied als "Moeringen" genannt wird, oder bei Pförring, dem uralten Fährort "Faringa". Dafür brauchte man die Dienste eines bairischen Fährmanns, aber der hielt sich wohlweislich versteckt. Schwer bewaffnete Fremde waren im Land der Baiern, also südlich der Donau, nämlich unerwünscht. Der Grenzfluss war nach Norden leicht abzuriegeln.

Im Nibelungenlied ist nachzulesen, wie sich der zwielichtige Hagen von Tronje, der heimliche oder eher unheimliche Reiseleiter, auf die Suche nach dem Fährmann machte. Dabei stieß er auf einen Teich, in dem zwei Nixen ("Meerwip") oder auch "Schwanenfrauen" badeten - splitterfasernackt. Er stahl ihnen die Kleider und nötigte sie dadurch, ihm zu sagen, wo sich der Fährmann mit seinem Boot versteckt hielt. Und weil die beiden Nixen auch Wahrsagerinnen waren, erpresste er sie, ihm die Zukunft vorherzusagen. Im Nibelungenlied liest sich das in etwa so: "Er suchte nach dem Fergen, wider und dan. Er hörte Wasser gießen, lusen er began. In einem schönen Prünnen, das taten weiße Weib, die chülten sich darinnen und badeten ihren Leib." Soll heißen: Er suchte flussauf und -ab nach dem Fährmann, hörte Geplätscher in einem schönen Brunnen und stieß da auf weiße Frauen, die sich abkühlten und badeten. Dieser "schöne Brunnen" ist der Überlieferung nach die Ettlinger Kelsbachquelle - denn weit und breit gibt es sonst kein entsprechendes Gewässer. Und dort, an dieser Quelle, erfuhr Hagen im Rahmen der Weissagung die grausame Wahrheit: Vom ganzen Nibelungenheer werde nur ein einziger Mann überleben und heil nach Hause zurückkehren - der Kaplan. Hagen, der seine Leute höchstpersönlich über die Donau ruderte (den unkooperativen Fährmann hatte er zuvor getötet) machte daraufhin die Probe aufs Exempel. Er warf völlig unvermittelt den besagten Kaplan, einen notorischen Nichtschwimmer, über Bord, in der sicheren Erwartung, dass der Mann in der Donau ertrinken würde. Als sich aber der pitschnasse Priester gegen jede Wette ans Ufer retten konnte - unter lautem Gezeter - war klar: Die Weissagung der Nixen stimmte. Tatsächlich ließen alle Nibelungen an Etzels Hof in einem schauerlichen Gemetzel ihr Leben. Somit war die Kelsbachquelle der Schicksalsort der Nibelungen.

Wo genau nun die Nibelungen die Donau überquert haben, bleibt in der Sage unklar. Bei Pförring? Oder doch bei Großmehring? An der Donaubrücke in Großmehring steht seit 1980 jedenfalls ein modernes Steinrelief der Bildhauerin Imme Hoefer-Purkhold. Es zeigt in Schiffform symbolisch, wie Hagen mit seinen Männern die Donau überquert. Vor dem Rathaus der Gemeinde findet sich seit 1992 ein Brunnen des Eichstätter Künstlers Franz Maurer mit Szenen aus dem Nibelungenlied. Und natürlich wäre da auch noch die "Nibelungenhalle" von Großmehring, deren Anmutung eher praktisch als dramatisch ist. Aufschlussreich ist übrigens, dass die Ortsangaben der Nibelungen-Reise von Worms ins Reich der Hunnen erst ab der Kelsbachquelle konkret werden. Der unbekannte Dichter war wohl erst ab hier einigermaßen ortskundig.

Wer der Nibelungen-Sage in der Region nachspürt, kommt an Burg Prunn östlich von Riedenburg im Altmühltal nicht vorbei: Denn dort fand im Jahr 1566 ein Mensch mit dem ziemlich unwahrscheinlichen Namen Wiguläus Hund die viertälteste vollständig erhaltene Handschrift des Nibelungenliedes. Sie findet sich heute als "Prunner Codex" in der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Auf der Burg Prunn selbst, in traumhafter und zugleich schwindelerregender Lage auf einem steilen Felsen gelegen, lässt sich in der Dauerausstellung "Burg Prunn und das Nibelungenlied" längst versunkenen Zeiten nachspüren. Zeiten, in denen Helden und Schurken in unserer Region ihren sagenhaften Auftritt hatten.

Richard Auer