Pfaffenhofen

Der rote Schaukasten

08.06.2010 | Stand 03.12.2020, 3:57 Uhr

Willihard Kolbinger rettete mit Hilfe des Baggerführers den geschichtsträchtigen "roten Schaukasten" beim Franzbräu-Abriss.

Pfaffenhofen (PK) Mitte April 2010 rückten schwere Baumaschinen in der Ingolstädter Straße an und begannen, den seit Jahren leer stehenden Franzbräu und das Sigl-Eck abzureißen.

Zwei Traditionsgebäude der Pfaffenhofener Ortsgeschichte wurden eingeebnet, die alten Gemäuer pulverisiert, um einem neuen Geschäfts- und Verwaltungsgebäude Platz zu machen. Über die weggeräumten Häuser und über das, was darin alles geschah, gäbe es viel zu erzählen.

"Man sollte sich aber trösten. Geschichte lässt sich selbst bei minutiöser Darstellung nicht wiederholen, man kann sie aber in den Köpfen und Seelen der Menschen anrühren", sagt der Kreisarchivpfleger und langjährige SPD-Stadt- und Kreisrat Willihard Kolbinger, der für den PK der Geschichte des "roten Schaukastens" nachging, den er mit Hilfe des Baggerführers beim Franzbräu-Abbruch gesichert hat und den der ehemalige 2. Bürgermeister jetzt eigenhändig restauriert.

Als der Moosburger Hof, das Wirtshaus der Rathschwestern an der Moosburger Straße, das Stammlokal der Pfaffenhofener SPD, der Partei nicht mehr zur Verfügung stand, die letzte SPD-Versammlung hatte dort am 11. August 1956 stattgefunden, verlegte man die Versammlungen in den Franzbräu in der Ingolstädter Straße. Rauscher hießen die Wirtsleute, zum Wirtshaus sagte man einfach beim Rauscher, der Verpächter war die Brauerei Urban. Die erste SPD-Versammlung im neuen Haus fand am 13. Oktober 1956 statt. Um für die Partei, für die Gewerkschaft unter Richard Hamburger und auch für städtische Musikanten einen Raum zur Verfügung zu haben, baute die Brauerei sogar an das Gastzimmer ein Nebenzimmer an.

Noch in der Mitte der 50er Jahre galt ein gut platzierter Schaukasten als wichtigstes Informationsmittel der Vereine für Mitglieder und für die Öffentlichkeit. Man findet heute noch eine Reihe solcher Schaukästen in der Stadt. Man soll nicht nur hineinschauen, die Kästen selbst schauen die Vorbeigehenden intensiv an. Das Wort Schaukasten hat also eine doppelte Blickrichtung.

Die SPD hatte auch einen alten Schaukasten, vermutlich am Moosburger Hof. Er mag sogar aus der Vorkriegszeit stammen. Beim Umzug in den Franzbräu brachte jedenfalls der Maurer Hans Rettmann, Mitglied der SPD seit 1919, führender Wiederbegründer des Pfaffenhofener Ortsvereins 1945/46, Stadtrat bis 1960, den "roten Schaukasten" einfach daher und die SPD bekam die Genehmigung, ihn an der neuen Vereinsgaststätte anzubringen. Der damalige Polier der Pfaffenhofener Baufirma Rabl, Sepp Huber, aktives Mitglied der Partei, Ortsvereinsvorsitzender, Stadtrat und später langjähriger Stadtpolier, mauerte persönlich 1956 den Kasten mit dem SPD-Kapitell in die Wand des Franzbräu ein.

Die störende Musikbox

Dem Vereinslokal beim Rauscher-Wirt war keine allzu lange Geschichte gegönnt. Das Nebenzimmer war nämlich nur mit einer Glaswand vom Gastraum getrennt und in im Hauptraum wurde, jede Zeit hat bekanntlich ihre Suchten, eine Musikbox aufgestellt, die neuen Pächtern Gewinn, den Gästen im Nebenzimmer aber nur unerträglichen Lärm bringen sollte. Die Wirtschaft rutschte sozusagen ab.

Die SPD wechselte deshalb nun häufig das Versammlungslokal. Die Mitglieder trafen sich einmal in der Lüften, das war in der Hohenwarter Straße, dann beim Müllerbräu, der passte nicht ganz zu den Roten, dann wieder beim Rauscher, bis ein neuer Vorsitzender des Ortsvereins, der Autor dieses Beitrags, erstmalig am 10. August 1968 die Parteiversammlungen ins Stüberl vom Bortenschlager verlegte. Am Gartenzaun der Lüften war übrigens von Huber Sepp ein weiterer Informationskasten der SPD angebracht, der aber der politisch konträren Auffassung des Gebäudepächters und Geschäftsmanns weichen musste.

Zurück zu unserem Schaukasten aus der Ingolstädter Straße! Beim Abbeizen der historischen Farbschichten kamen Überraschungen zutage. Der Erstanstrich war Bayerisch-Blau, dann erschien ein Weiß, gefolgt von knalligem Gelb. Dieses wechselte auf ein leuchtendes Hellrot, welches man mit einem Dunkelrot auf Dauer überstrich. Der Kasten schien aber die Menschen, welche durch die Ingolstädter Straße eilten, nicht mehr zu faszinieren. Er verwaiste und verkam. Die anderen Parteien, die billig gewordenen Massendrucksachen, erst recht die sich aufplusternde Elektronik, machten dem roten Infokastl das Leben schwer. Man schlug ihm sogar das Glasauge ein.

Baggerführer als Retter

Der Schreiber dieser Zeilen, leidenschaftlicher Freund geschichtlicher Zeugnisse, wollte den roten Schaukasten nicht vergessen machen. Beim Abriss des Franzbräu, mitten im kalten Frühling 2010, erinnerte er den Oberpfälzer Baggerführer der Abrissfirma an die Geschichte des Kastens. Der mit historischem Staub Überzogene versprach nichts, er rettete trotzdem.

Unter die Lupe genommen

Der beschenkte Bittsteller aber – auf diesem Gebiet sei er nicht ernst zu nehmen, meint seine Frau – untersuchte mit der Lupe die Lackschichten und restauriert derzeit persönlich das alte Holz. Was er auch abschabt, das Holz wird die rote Farbe nicht los. Der alte Rahmen wird deshalb wieder ein leuchtendes Rot bekommen, der Aushangshintergrund ein Bayerisch-Blau und der Schriftzug wird, der Partei entsprechend, dreifarbig darüber stehen. Der Kasten wird, wenn er fertig ist, der SPD zurückgegeben. Der Retter wünscht dem Relikt eine frohe und leuchtende Zukunft. Den Zeitzeugen Sepp Huber und Franz Schmuttermayr herzlichen Dank.